Bündner Chauffeure schlagen Alarm
«Defekte Postautos sind monatelang im Einsatz»

Ein Angebotsausbau in der Surselva bringt Postauto an seine Grenzen. In einem Brandbrief beklagen Chauffeure «massive Missstände». Dabei geht es auch um die Sicherheit der Fahrgäste. Postauto verspricht Massnahmen.
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Ein Postauto-Fahrer gibt Einblicke in interne Arbeitsbedingungen, über die öffentlich geschwiegen werden soll.
Foto: Yanik Bürkli
Stefanie Hablützel
Beobachter

Ausbau auf allen 20 Postauto-Linien und teilweise Halbstundentakt – ein «langersehnter Traum» gehe in Erfüllung, erklärte die Bündner Regierungsrätin Carmelia Maissen gegenüber SRF. Das war Anfang Dezember 2025. Seit dem Fahrplanwechsel fahren im Bündner Oberland – etwa von Ilanz nach Laax oder Vals – deutlich mehr Postautos. Doch für viele der Fahrer und Fahrerinnen ist es ein Albtraum. «Der Fahrplanwechsel brachte das Fass zum Überlaufen», sagt einer von ihnen.

Am 27. Januar 2026, eineinhalb Monate nach Einführung des Halbstundentakts, erhielt Stefan Regli, Schweiz-Chef von Postauto, einen Brandbrief aus der Surselva. Was sich derzeit bei Postauto abspiele, sei «das Ergebnis systematischen Wegschauens, zentralistischer Fehlentscheide und einer Organisation, die ihre Basis zunehmend sich selbst überlässt». 42 Personen, ein Drittel der Belegschaft, hatten den Brief unterschrieben.

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Postautos notdürftig repariert – monatelang im Einsatz

Bemängelt wird vor allem der Zustand der Flotte: «Defekte Fahrzeuge verkehren monatelang weiter», obwohl lange Mängellisten dokumentiert seien. Schäden würden «notdürftig mit Klebeband geflickt». Kritik gibt es zudem an den Arbeitszeiten: «Die Dienstpläne machen ein geregeltes Familienleben faktisch unmöglich.» Die Rede ist von «zweistündigen Pausen an Bahnhöfen ohne Infrastruktur, kein WC» und von «Präsenzzeiten von 12 bis 13 Stunden». 

Schäden wurden «notdürftig mit Klebeband geflickt» – wie es im Brandbrief heisst.
Foto: Privat

Drei Wochen später nahm Postauto-Chef Regli zu den Vorwürfen Stellung und gab offen zu, dass die Fahrzeuge teilweise mangelhaft seien. Und er kündigte Massnahmen an: «Wir arbeiten daran, den Fahrzeugstand rasch zu stabilisieren und schrittweise zu verbessern.» Doch wegen «ungewöhnlich vieler Fahrzeugmängel» seien «nicht sicherheitsrelevante Defekte» vorübergehend toleriert worden.

Daniel Schmid sieht das anders. Obwohl er weiss, dass so offen formulierte Kritik an seinem Arbeitgeber heikel sein könnte, hat sich der Postauto-Chauffeur beim Beobachter gemeldet. Es seien auch sicherheitsrelevante Defekte toleriert worden. Beispielsweise entdeckte er Mitte Januar bei seinem Postauto nicht nur, dass die Winterreifen abgefahren waren. Im Hinterrad prangte zudem eine mehrere Zentimeter lange Kerbe.

Die Kerbe im Hinterrad ist mehrere Zentimeter gross.
Foto: Privat

Auf einigen Fotos, die Schmid dem Beobachter zeigt, ist das Metallgeflecht unter dem Gummi sichtbar. «Ich bin sofort in die Werkstatt nach Ilanz gefahren.» Doch dort sei ihm mitgeteilt worden, es stehe kein Ersatzfahrzeug zur Verfügung. Zudem habe er erfahren, dass ein Kollege den defekten Reifen schon Tage zuvor gemeldet habe.

Mängel fotografisch dokumentiert

Weil es sich um ein Zwillingsrad handelte, bei dem zwei Reifen nebeneinander montiert sind, entschied Schmid, den Bus weiterzufahren. «Eigentlich hätte ich das Postauto stehen lassen müssen. Wenn etwas passiert wäre, wäre ich schuld gewesen.» Einige Tage später wurde der Reifen ersetzt, doch Schmid begann, alle Probleme fotografisch zu dokumentieren, «um im Falle eines Unglücks nicht mit leeren Händen dazustehen».

Anfang Juli versuchte Schmid, seine Vorgesetzten aufzurütteln, und fragte per Mail, bis wann «etwas gegen diese gefährlichen Zustände unternommen» werde: «Wir fahren wochenlang mit Problemen der Bremsen, der Motoren und der Elektronik.»

«Wir fahren wochenlang mit Problemen der Bremsen, der Motoren und der Elektronik»: Daniel Schmid
Foto: Yanik Bürkli

Die Antwort kam vom regionalen Flottenmanager: Grundsätzlich sei die Reservehaltung in der Surselva genügend, doch es gebe Probleme mit dem Alter der Fahrzeuge, den Kapazitäten der Unterhaltsgaragen und «extrem viele Schäden, die auf unvorsichtiges Manövrieren zurückzuführen sind». Zeitweise fielen 25 Prozent der Fahrzeuge aus. Es werde «einige Zeit» brauchen, «bis wir die Fahrzeugflotte auf dem Stand haben, den wir uns wünschen».

Chauffeure widersprechen dem Postauto-Chef

«Sicherheit ist und bleibt oberste Priorität», hatte Postauto-Chef Regli im Januar seinen Mitarbeitenden geschrieben. Wohl nicht alle Chauffeure aus der Surselva würden das in dieser Form unterzeichnen. Mehrere von ihnen haben dem Beobachter unabhängig voneinander Vorkommnisse vom letzten Winter geschildert. Damit Kurse nicht ausfielen, habe die Leitstelle in mehreren Fällen ein Fahrzeug, das Chauffeure als nicht fahrbar gemeldet hätten, einem anderen Chauffeur zugeteilt – ohne zwischenzeitliche Reparatur.

Der Beobachter hat Postauto diese Fälle vorgelegt. Das Unternehmen schreibt, beim defekten Reifen hätten die Abklärungen gezeigt, dass dieser «sicherheitsrelevante Mangel» nicht lückenlos dokumentiert sei: «Falls das Fahrzeug tatsächlich eingesetzt wurde, entspricht dies nicht unseren Vorschriften.» Zum Vorwurf, die Leitstelle habe Fahrzeuge trotz gravierender Mängel weiterfahren lassen, schreibt Postauto, diese Fälle «können wir anhand Ihrer Angaben in unseren Systemen aktuell nicht nachvollziehen».

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Postauto betont, Sicherheit habe immer Vorrang: «Bestehen Zweifel an der Verkehrssicherheit, darf die Fahrt nicht durchgeführt werden, selbst wenn dadurch ein Kurs ausfällt.» Die Fahrer und Fahrerinnen trügen hier eine wichtige Verantwortung: «Sie entscheiden vor Fahrtantritt, ob ein Fahrzeug betriebssicher ist. Ist dies nicht der Fall, darf die Fahrt nicht durchgeführt werden.»

17 Chauffeure kündigen

In den letzten zwölf Monaten haben in der Region 17 Chauffeure gekündigt, fast 15 Prozent der Belegschaft. Das bestätigt Postauto und hält fest: «Uns ist bewusst: Die aktuelle Situation in der Surselva ist noch nicht zufriedenstellend und erfordert unser Handeln.»

Um die Arbeitseinsätze zu verbessern, habe das Unternehmen bereits mehrere Massnahmen ergriffen. «Wir optimieren die Dienstplanung und betriebliche Abläufe laufend», die Personaldisposition sei wieder in Ilanz «und damit näher bei den Mitarbeitenden».

Involviert ist auch die Gewerkschaft Syndicom. Sprecher Matthias Loosli meint auf Anfrage, «den Rückmeldungen der Fahrerinnen und Fahrer zufolge schlagen sich die versprochenen Verbesserungen bisher nicht konkret in ihrem Alltag nieder.»

Seit 1. Juni arbeitet wieder ein Fahrzeugverantwortlicher vor Ort in Ilanz. Dazu äussern sich Chauffeure vorsichtig positiv. Einer von ihnen meint: «Ich habe das Gefühl, die Situation verändert sich», doch es sei «keine einfache Aufgabe».

Postautofahrer Daniel Schmid hat die Konsequenzen gezogen und sich entschieden, mit Namen hinzustehen. Denn: «Wenn etwas passiert, dann verwerfen alle die Hände. Mir ist wichtig, dass jetzt etwas getan wird, bevor ein Unfall passiert.»

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