Darum gehts
- Schweizer Jugendherbergen eröffnen eine Unterkunft in Genf – Preis für eine Übernachtung: ab 49 Franken
- Das Rezept für günstige Preise: Qualität ja, Luxus-Schnickschnack nein
- Dieses und nächstes Jahr folgen weitere Eröffnungen: Wo sind die Grenzen?
Genf, die Metropole der Luxusuhren und Nobelhotels. Dort, wo eine Übernachtung gerne so viel kostet wie ein Gebrauchtwagen, eröffnen die Schweizer Jugendherbergen Mitte Juli ihre neuste Unterkunft. Sie ist nur eine von vielen geplanten Neueröffnungen. Der Erfolg, den die Jugi-Chefin Janine Bunte (53) mit ihren Unterkünften hat, zeigt: Günstiges Reisen trifft den Nerv der Zeit.
Blick: Frau Bunte, Genf gilt sogar für Schweizer Verhältnisse als Hochburg der Luxushotels. Ausgerechnet hier eröffnen Sie eine neue Jugendherberge. Wird das die teuerste Jugi der Schweiz?
Janine Bunte: Wir positionieren uns in allen Schweizer Städten gleich. Unser Anspruch ist, dass man ab 49 Franken pro Person und Nacht im Mehrbettzimmer übernachten kann – inklusive Frühstück. Das wird auch in Genf so sein. Natürlich ist Genf ein Topbetrieb mit 24-Stunden-Service und Nachtportier. An einem internationalen Standort ist das zwingend. Aber an unserem Preisversprechen rütteln wir nicht.
Warum können Sie das? Andere Hotels scheitern kläglich an diesen Preisen.
Es ist eine Frage des Fokus. Wir setzen beim Bau und bei den Dienstleistungen nicht auf Luxus, sondern konsequent auf gute Qualität im Einfachen. Anders als im Hotel gibt es bei uns zum Beispiel nie eine Kaffeemaschine oder ein Bügelbrett im Zimmer.
Das macht die Nacht aber noch nicht günstig.
Ein Wirtschaftsberater fragte mich letztens, wieso wir das überhaupt machen – wir würden ja gar keinen Gewinn ausschütten. Das ist Teil des Konzepts: Jede Effizienzsteigerung kommt direkt dem Gast zugute. Alles, was wir erwirtschaften, stecken wir zurück ins Produkt. Zudem gehören unsere Gebäude der öffentlichen Hand oder der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus, was uns faire Mietkonditionen ermöglicht. Die Stiftung weiss, wie man preiswert, aber hochwertig baut. Qualität ist wichtig, denn wir wollen nicht alle zehn Jahre renovieren müssen.
Zieht eine Jugi im Schloss, wie in Burgdorf, nicht Gäste an, die Schloss-Ansprüche stellen?
Lustigerweise funktioniert das bei uns sehr gut. Unsere Gäste wissen, was man von einer Jugendherberge erwarten darf. Und wenn Gäste schreiben, das sei nicht das, was sie von einem Hotel erwarten, antworte ich: Tut mir leid, aber wir sind kein Hotel, wir sind eine Jugendherberge. Das ist uns ganz wichtig.
Die Weltlage ist angespannt. Spüren Sie die Verunsicherung in den Buchungszahlen?
Wir merken, dass viele Gäste zurückhaltend planen. Jugendherbergen werden meist sehr spontan gebucht. Es kommt vor, dass am Morgen nur 20 Prozent der Zimmer reserviert sind und am Abend der Betrieb trotzdem voll ist. Jetzt hoffen wir auf gutes Sommerwetter.
Seit 30 Jahren arbeitet Janine Bunte (53) bei den Schweizer Jugendherbergen – seit 2019 als deren CEO. Damit führt sie ein Netzwerk von gut 50 Unterkünften (inklusive Franchise-Betrieben), die für einen Jahresumsatz von insgesamt 62,1 Millionen Franken stehen. Die gelernte Buchhalterin ist in der Branche bestens vernetzt, unter anderem als Vorsitzende des Branchenverbands Parahotellerie Schweiz. Sie hat eine Tochter und einen Sohn.
Seit 30 Jahren arbeitet Janine Bunte (53) bei den Schweizer Jugendherbergen – seit 2019 als deren CEO. Damit führt sie ein Netzwerk von gut 50 Unterkünften (inklusive Franchise-Betrieben), die für einen Jahresumsatz von insgesamt 62,1 Millionen Franken stehen. Die gelernte Buchhalterin ist in der Branche bestens vernetzt, unter anderem als Vorsitzende des Branchenverbands Parahotellerie Schweiz. Sie hat eine Tochter und einen Sohn.
Das Jugi-Netz wächst rasant: Jetzt Genf, Ende Jahr Savognin, nächstes Jahr Neuenburg. Kennen Sie keine Grenzen?
Wir haben keine Wachstumsstrategie, sondern reagieren auf Möglichkeiten, die sich uns bieten. Nehmen wir Savognin: Die Gemeinde hat uns gefragt, ob wir aus dem ehemaligen Hotel Cube eine Jugendherberge machen möchten. Wir kamen zum Schluss: Alleine können wir das finanziell nicht stemmen. Nun hat die Gemeinde das Gebäude gekauft, und wir werden es betreiben. Wir schliessen aber auch Betriebe, wenn die Nachfrage zu gering oder eine Sanierung nicht tragbar ist. Wir wachsen nicht um jeden Preis, sondern dann und dort, wo es sinnvoll ist.
Wachstum im Tourismus hat aktuell einen schalen Beigeschmack – einige Gemeinden ächzen unter Overtourism.
Viele Gemeinden haben es verpasst, eine Tourismusstrategie zu definieren. Sie leben zwar vom Tourismus, jammern aber über die vielen Gäste. Als Jugendherbergen zeigen wir den Reisenden, dass auch weniger bekannte Orte wunderschön sind. Aber damit die Umverteilung der Gäste gelingt, braucht es alle: Gemeinden, Tourismusorganisationen und Anbieter. Man müsste auch mal den Mut haben, «Stopp» zu sagen. Im Moment vermeiden viele die Diskussion. Man muss die Probleme beim Namen nennen. Sonst finden wir keine Lösungen.
Einige fordern, man müsse Touristen «erziehen» – etwa wenn sie sich in fremden Gärten erleichtern.
Ich verstehe die Betroffenen, das ist nicht zum Aushalten. Wir suchen das Gespräch mit unseren Gästen, erklären, was geht und was nicht. Schliesslich wollen auch wir Kunden, die sich benehmen. Aber wir sind eine Unterkunft, keine Erziehungsanstalt. Ich glaube, es ist ein gesellschaftliches Phänomen – unabhängig von der Nationalität –, dass wir allgemein weniger Rücksicht aufeinander nehmen.
Overtourism hat auch mit Nachhaltigkeit zu tun: ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt.
Absolut. Die Schweiz macht einiges dafür, dass der Tourismus verträglich ist für die Umwelt und die Bevölkerung. Aber wir könnten noch sehr viel mehr machen.
Stehen die Zeichen nicht eher auf Wenigermachen?
Ja. Das ist dramatisch. Zum Beispiel beim Klima: Es wird immer heisser, und trotzdem scheint es, als hätten wir aufgegeben. Gerade aus Schweizer Sicht lohnt es sich, dennoch zu kämpfen. Es ist ein Privileg, hier zu leben, mit unserer Demokratie, der Natur und den sozialen Errungenschaften. Das müssen wir erhalten. Und mit Erhalten meine ich nicht Abkapseln. Im Gegenteil. Wir sollten möglichst vielen Menschen erzählen, wie toll Demokratie, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit sind. Reisen ist hier eine grosse Chance.
Gleichzeitig gilt Reisen als Klimakiller.
Es ist eine Frage des Masses. Ich sage nicht, man darf nie nach Australien fliegen. Aber wenn du gehst, nimm dir acht bis zwölf Wochen Zeit. Mach es bewusst. Für ein verlängertes Wochenende muss man nicht nach New York jetten, da reicht auch der Zug nach Paris oder London. Oder eben: Ferien in der Schweiz.
Apropos Schweiz: Welche Jugendherberge ist Ihre persönliche Traumdestination?
Ich wollte lange keinen Favoriten nennen, aber Saanen berührt mein Herz. Ich kann nicht einmal genau sagen, warum. Diesen Sommer würde ich auch gerne nach Avenches reisen: ein riesiger Garten, nah am Murtensee und coole Aktivitäten für Familien. Und natürlich Genf – wegen der Eröffnung.