Darum gehts
- Zürcher Coiffeur Manuel Alario gewinnt mit provokanter Werbung mehr Kunden
- Mit seinem Slogan kritisiert er Billig-Barbershops
- Ein Haarschnitt bei ihm kostet 65 Franken, das Kombi-Angebot mit Bart 75 Franken
Als Blick Manuel Alario (29) vor seinem Coiffeursalon im Stadtzürcher Quartier Enge trifft, ist es gerade ruhig im Laden: Es ist Mittagszeit, nur ein Kunde sitzt in einem Friseurumhang auf einem Stuhl und lässt sich den Bart stutzen. Doch der Eindruck täuscht: Bei Alario gehen momentan deutlich mehr Kunden ein und aus als sonst.
Seit einem Monat zählt der selbständige Friseurmeister gut ein Drittel mehr Kundschaft, erzählt er. Grund dafür sind die dicken weissen Lettern, die seit zwei Monaten an seinem Schaufenster prangen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, ein paar leichtsinnige Jugendliche haben die Scheibe in einer Nacht und Nebel Aktion mit Graffiti verunstaltet. Das sei Absicht, erklärt Alario. Neben der Eingangstür steht: «Hier kein 20-Franken-Haarschnitt». Und kleiner: «Quality over Speed» – Qualität vor Schnelligkeit.
Die Aufschrift ist eine Spitze gegen Barbershops, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schiessen – auch in der Schweiz. Hinter den Billig-Preisen verbergen sich oft ausgebeutete Angestellte, die für einen Hungerlohn zu schäbigen Arbeitsbedingungen schuften müssen. Die Berner Fremdenpolizei, die solche Geschäfte genauer unter die Lupe nimmt, hat sogar einen Namen für sie: «die Irregulären». Dazu zählen auch Nagelstudios, Bubble-Tea-Läden oder Shisha-Bars.
«Ich weiss, dass es provokant ist»
Auch Alario kennt das Problem. «Allein in Zürich gibt es so viele, das kann man sich nicht vorstellen», sagt er zu Blick. «Meine Werbung spielt genau darauf an», so der Coiffeur. «Ich weiss, dass es provokant ist. Aber so bin ich einfach. Ich will es anders machen als die anderen, und dann schauen, ob es funktioniert».
In diesem Fall hat es sogar sehr gut funktioniert. Die ungewöhnliche Werbestrategie zog viele Neukunden in sein Geschäft. Auch Passanten seien spontan in den Laden spaziert und hätten ihm gratuliert. «Ich habe dazu stets positives Feedback erhalten», freut er sich.
Alario beäugt die Konkurrenz skeptisch. «Ich glaube nicht, dass das Prinzip der Billig-Barbershops wirklich eine Zukunft hat», sagt er. «Die Kunden merken schnell, dass die Qualität dort deutlich schlechter ist.» Alario nimmt sich für jeden Kunden mindestens eine Stunde Zeit, betont er. Dafür ist er deutlich teurer: Ein Haarschnitt inklusive Waschen und Styling kostet bei ihm 65 Franken. Für das Kombi-Angebot mit Haar- und Bart-Schnitt bezahlt man 75 Franken.
Coiffeur ärgert sich über schwache Regulierung
Der Coiffeur-Betreiber ärgert sich: «In der Schweiz kann gefühlt jeder einen Barber-Shop eröffnen», sagt er. Die Hürden sind tief. Einen Eintrag im Handelsregister braucht es erst ab einem Jahresumsatz von 100'000 Franken. Zwar sind kantonale Bewilligungen oder teils baurechtliche Genehmigungen nötig, eine einheitliche schweizweite «Friseurmeisterpflicht» wie in Deutschland gibt es aber nicht.
Auch in seiner Heimat Italien sei der Coiffeurberuf stärker reguliert, so Alario. «Der Job ist für mich wie Kunst, ich fühle mich als Künstler», sagt er. «Deshalb finde ich es schade, dass das hier so schwach kontrolliert wird. Ich wünschte, das würde sich ändern.»