Darum gehts
Seit dem 1996 eingeführten Krankenversicherungsgesetz (KVG) muss jede in der Schweiz wohnhafte Person grundversichert sein. Die Leistungen sind die gleichen, abgelehnt werden darf niemand und es gilt das Solidaritätsprinzip. Eine staatliche Krankenkasse gibt es jedoch nicht. Stattdessen buhlen 34 Anbieter um Kundinnen und Kunden – obwohl sie in der Grundversicherung alle dieselben Leistungen anbieten müssen. Wie konnte ein Markt entstehen, in dem alle das Gleiche verkaufen, aber unterschiedliche Preise verlangen?
Warum gibt es so viele Krankenkassen?
Die älteste Krankenversicherung der Schweiz, die Sumiswalder Krankenkasse, wurde 1823 als Handwerkerverein gegründet. Sie ist beispielhaft für die «Hilfskassen», welche Unternehmen, Gemeinden und Berufsverbände im 19. Jahrhundert gründeten, um ihre Mitglieder im Krankheitsfall vor finanziellen Ausfällen zu schützen. Ende der 1880er-Jahre existierten bereits über tausend Kassen – trotzdem lag da die Zahl der Versicherten bei weniger als 5 Prozent der Bevölkerung. Das Kranken- und Unfallversicherungsgesetz von 1900 sollte einen staatlichen Versicherungszwang für Arbeitnehmer einführen.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Handelszeitung» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.handelszeitung.ch.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Handelszeitung» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.handelszeitung.ch.
Wo das private Angebot ungenügend war, sollten staatliche Kassen Krankenversicherungen flächendeckend garantieren. Doch erst die revidierte Vorlage von 1912 wurde angenommen und verankerte die heutige Form der öffentlich-privaten Partnerschaft des Gesundheitswesens im Gesetz. Der privatrechtliche Charakter der Hilfskassen blieb bestehen, während der Bund Kantone subventionierte, welche obligatorische Krankenkassen errichteten. Zuletzt scheiterte die Forderung einer nationalen Einheitskasse 2014 an der Urne.
Gleiche Leistung zu unterschiedlichen Preisen
Das KVG von 1996 hat festgelegt, dass die Leistungen aller Grundversicherungen einheitlich sein müssen. Arztbesuche, Spitalaufenthalte, Medikamente oder eine Geburt werden nach denselben Regeln vergütet. Welche Behandlungen die Grundversicherung übernimmt, legt nicht die Krankenkasse fest, sondern der Bund. Durch die Grundversicherung dürfen die Kassen keine Gewinne erzielen. Dennoch bestehen zwischen den verschiedenen Kassen grosse preisliche Unterschiede.
Der Grund dafür ist, dass jede Versicherung mit anderen Kapitalpuffern, Zukunftserwartungen und Verwaltungskosten arbeitet. Somit unterscheiden sich die Prämien der Kassen abhängig davon, wie viele Reserven das Unternehmen hat, wie optimistisch oder pessimistisch es die Ausgaben für das kommende Jahr prognostiziert und wie hoch die Verwaltungs- und Betriebskosten ausfallen. Dazu gehören beispielsweise das Personal, die digitale Infrastruktur sowie Marketing und Werbung.
Der Wohnort beeinflusst die Prämie
Zwei gleichaltrige Personen mit identischem Versicherungsmodell und derselben Kasse bezahlen je nach Gemeinde unterschiedlich hohe Prämien. Verantwortlich dafür sind die vom Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) festgelegten Prämienregionen. Je nach Kanton gibt es bis zu drei solcher Regionen, wobei vor allem grössere Kantone unterteilt sind. Günstigere Regionen zahlen dabei bis zu 15 Prozent weniger als teure Regionen des gleichen Kantons. Grundlage sind unterschiedliche Gesundheitskosten. Entsprechend bezahlen Bewohner ländlicher Regionen im Durchschnitt weniger als Stadtbewohner.
Wie diese Unterschiede entstehen, zeigt eine Studie des CSS Instituts von 2025: Rund 40 Prozent der Kostenunterschiede lassen sich durch das Angebot erklären, etwa durch die Dichte von Ärzten, Spezialisten und Spitälern. Die übrigen 60 Prozent gehen auf die Nachfrage zurück. Städter verursachen höhere Gesundheitskosten, weil sie medizinische Leistungen häufiger in Anspruch nehmen. Bemerkenswert dabei: Dieses Nutzungsverhalten bleibt auch nach einem Umzug bestehen.
Der Unterschied liegt am Modell
Das Hauptargument gegen die Einheitskasse und für die Vielzahl an Krankenkassen ist die Annahme einer grösseren Effizienz. Der privatwirtschaftliche Wettbewerb soll Versicherer dazu bringen, Kundinnen und Kunden durch Effizienz und Service zu gewinnen. Genau hier setzen die verschiedenen Versicherungsmodelle an. Sie steuern, wie Versicherte medizinische Leistungen in Anspruch nehmen, und beschränken den Zugang. Die freie Arztwahl bietet maximale Autonomie, ist aber auch das teuerste Modell.
Günstigere Modelle setzen voraus, dass Versicherte zunächst den Hausarzt, eine Gruppenpraxis oder eine telemedizinische Beratungsstelle kontaktieren, bevor sie zu Spezialisten überwiesen werden. Ziel ist es, unnötige Arztbesuche und Spitalaufenthalte zu vermeiden. Durch diese Steuerung sollen die Gesundheitskosten sinken. Im Gegenzug können Versicherer tiefere Prämien anbieten.
Warum steigen die Krankenkassenprämien?
Die Krankenkassenprämien steigen seit Jahren kontinuierlich an. 2025 legten sie um 6 Prozent zu, in diesem Jahr nochmals um 4,4 Prozent. Für 2027 rechnet das Bundesamt für Gesundheit erneut mit einem Anstieg von mindestens 4,5 Prozent. Treiber sind die weiter anziehenden Gesundheitskosten – 2025 betrug das Plus 5,2 Prozent. Am stärksten verteuerten sich die Leistungen von Pflegeorganisationen. Die Lebenserwartung steigt, die Bevölkerung überaltert, und Behandlungen sowie Pflegebedarf nehmen zu.
Zusätzlich belasten neue und teure Behandlungsmethoden die Gesundheitskosten. Dazu gehören beispielsweise Psychotherapie, Abnehmspritzen und Angehörigenpflege. Auch die Nachfrage nach medizinischen Leistungen wächst, während gleichzeitig Tarife im ambulanten und stationären Bereich angepasst wurden. Zusätzlicher Druck kann durch die internationale Handelspolitik entstehen: Durch Zölle auf Schweizer Arzneimittel drohen der Schweiz in diesem Sektor besonders hohe Preissteigerungen.
Fazit
Die Schweizer Krankenkassenlandschaft ist das Ergebnis eines historischen Kompromisses zwischen staatlicher Regulierung und privatem Wettbewerb. Die Preisunterschiede entstehen nicht durch unterschiedliche medizinische Leistungen, sondern durch eine Vielzahl struktureller Faktoren: unterschiedliche Kapitalpolster, Kostenprognosen und Verwaltungsausgaben der Versicherer, regionale Unterschiede in den Gesundheitskosten sowie die Wahl des Versicherungsmodells.
Gleichzeitig treiben demografische Entwicklungen, neue Behandlungsmethoden und eine steigende Nachfrage die Gesundheitsausgaben kontinuierlich nach oben. So entsteht ein System, das zwar auf Gleichheit der Leistungen beruht, in der Praxis aber stark von Preis, Wohnort und Verhalten geprägt ist und dessen Kostendruck durch internationale Faktoren wie die US-Handelspolitik zusätzlich verschärft werden kann.