Darum gehts
Foodwaste ist ein Problem. Die Schweiz möchte ihre Lebensmittelabfälle bis 2030 halbieren. Bisher ist das nicht gelungen. Einen grossen Hebel hat der Detailhandel. Und die Händler preisen vollmundig ihre Bestrebungen an, Foodwaste zu reduzieren.
Gerade in diesem Licht irritiert eine aktuelle Werbung der Migros: «Beliebteste Brotsorten» seien «immer und überall erhältlich», heisst es auf einem Plakat in der Filiale am Hauptsitz am Zürcher Limmatplatz. Frisches Brot wird also direkt bis vor Ladenschluss gebacken? Wie passt das zum Ziel, Foodwaste zu reduzieren?
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Die Migros sagt, um Foodwaste zu reduzieren, setze man auf eine «präzise Mengenplanung» und auf das sogenannte Backen in Wellen. Das bedeutet, dass die Filialen versuchen, die Brotproduktion und -lieferung so genau wie möglich an die Nachfrage anzupassen.
Druck, mehr aufzubacken
Gleichzeitig werde durch Aktionen – wie die Zusammenarbeit mit Organisationen wie Too Good To Go – sichergestellt, dass überschüssige Ware nicht verschwendet werde. Es wird also lieber mehr Brot aufgebacken, um das Werbeversprechen einzulösen, und dieses dann notfalls einfach über andere Kanäle weiterverkauft?
Ursina Krähenmann, Geschäftsführerin von foodwaste.ch, sagt: «Solche Werbebotschaften bestärken aus meiner Sicht die Vorstellung, Brot sei nur dann wirklich gut, wenn es ganz frisch ist. Das kann dazu führen, dass es zu Hause schneller weggeworfen wird.» Brot gehöre zu den Lebensmitteln, die in Haushalten besonders häufig weggeworfen werden. Gemäss aktuellen Schätzungen entsorge eine vierköpfige Familie pro Jahr rund 50 Kilogramm Brot und Backwaren.
Gemäss Claudio Beretta, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, liesse sich Brot mit Aufbackstationen bis Ladenschluss durchaus relativ frisch anbieten, ohne zwingend grosse Überschüsse zu erzeugen. Allerdings nur, wenn das Personal sehr gut instruiert sei und wenn akzeptiert werde, dass gewisse Brotsorten gegen Ende des Tages nicht mehr verfügbar sind. «Solche Werbung erhöht den Druck, eher zu viel als zu wenig bereitzuhalten.»
Spenden nicht ideale Lösung
Die Detailhändler beteuern zwar, dass mit ihren Massnahmen 99 Prozent (Migros) oder sogar 99,8 Prozent (Coop) der Lebensmittel verkauft, gespendet, weiterverarbeitet oder in der Biogasanlage verwertet würden.
Spenden seien sinnvoll, aber nicht die ideale Lösung für wachsende Brotüberschüsse, sagt Beretta. Denn Brot sei heute bei Spendenorganisationen bereits oft in sehr grosser Menge vorhanden. «Auch die Verwertung essbarer Lebensmittel in der Biogasanlage ist aus ökologischer Sicht keine sinnvolle Lösung, weil dabei nur ein Bruchteil der Energie zurückgewonnen wird, die in die Herstellung der Lebensmittel geflossen ist», so Beretta. Entscheidend sei deshalb, möglichst an der Quelle anzusetzen und Überschüsse gar nicht erst entstehen zu lassen.
Würde die Migros das Angebot für ofenfrisches Brot bis Ladenschluss mit einem konsequenten Angebot von Brot vom Vortag kombinieren, wäre das eher mit den Foodwaste-Reduktionszielen vereinbar.