Billigexporte, Notschlachtungen, Preisschock
Bauern bangen um ihre Existenz – Supermärkte hauen Schweinefleisch mit Aktionen raus

Detailhändler verbilligen aktuell die Preise von Schweinefleisch. Ausnahmsweise sprechen sich auch Schweinezüchter für Preissenkungen aus. Denn der Markt ist überlastet und die Züchter bleiben auf ihren Schweinen sitzen. Existenznot herrscht.
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In der Schweiz hat es aktuell zu viele Schweine auf dem Markt.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Lidl senkt Preise für Schweinefleisch, 20 Produkte sind jetzt günstiger erhältlich
  • Schweinemarkt mit Überangebot: Circa 4000 Schweine pro Woche landen zu viel auf der Schlachtbank
  • Schweinezüchter Turi Röösli verliert monatlich bis zu 25'000 Franken
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Milena KälinRedaktorin Wirtschaft

Speck, Plätzli oder Steak: Der Discounter Lidl senkt grossflächig die Preise für Schweinefleisch. Unter anderem gibt es Bauernbratwürste für neu 3.99 Franken, eine Reduktion um 20 Rappen. Ganze drei Franken günstiger liegt das Kilo Schweinemedaillons mit Speck in der Kühltheke. 

Damit will der Discounter laut eigenen Angaben seine Kundschaft entlasten – aber auch den Schweinemarkt vor einem Zusammenbruch bewahren. Denn aktuell gibt es einen krassen Überbestand: Die Züchter produzieren mehr Schweinefleisch, als konsumiert wird. Pro Woche kommen etwa 4000 Schweine zu viel zur Schlachtbank! Da das Angebot die Nachfrage bei weitem übersteigt, gibt es derzeit haufenweise Rabatte im Detailhandel. 

Deshalb begrüssen selbst die Schweinezüchter die Aktionen der Händler wie Lidl. «Wir brauchen günstigere Preise, um den Markt wieder ins Lot zu bringen», sagt Schweinezüchter Turi Röösli (53) im Gespräch mit Blick. Wenn es nach ihm geht, dürften die Fleischpreise im Laden noch viel mehr sinken.

Jeden Monat heftige Einbussen

Das Überangebot ist «eine Katastrophe» für Schweinebauer Röösli und seinen Betrieb in Hohenrain LU: «Ich habe weniger produziert als im Vorjahr, werde nun aber trotzdem bestraft.» Einen Gewinn aus seiner Arbeit kann er wegen des Überbestands nicht mehr ziehen, im Gegenteil: «Pro Monat verliere ich bis zu 25'000 Franken.»

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«Man müsste diesen schwarzen Schafen auf die Finger klopfen.»
Schweinezüchter Turi Röösli (53)
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Das Problem ist der sogenannte Zuchtfortschritt: Schweine werden schwerer und gebären mehr Ferkel. Da der Konsum von Schweinefleisch jedoch stagniert, müsste der Bestand sinken. Tut er aber nicht. Denn nicht alle Züchter haben wie Röösli den Bestand im letzten Jahr vorausschauend reduziert. «Man müsste diesen schwarzen Schafen auf die Finger klopfen», ärgert sich der Bauer.

Letzte Woche musste Turi Röösli weitere Jungschweine nach Deutschland exportieren.
Foto: Beat Michel

Sofort reagieren kann der Markt nicht: Von der Besamung des Mutterschweins bis zum Endprodukt Fleisch dauert es zehn Monate. Der Schweizer Züchterverband Suisseporcs hat deshalb eine drastische Massnahme ergriffen: Seit Anfang Juni werden wöchentlich über 900 Ferkel zu einem Schlachthof in der Nähe von Stuttgart (D) transportiert und dort geschlachtet, wie SRF zuerst berichtete. 

Auch Röösli exportierte bereits 120 Jungschweine nach Deutschland, letzte Woche kamen nochmals 88 dazu. Über die Zwischenlösung ist der Züchter froh, denn ansonsten drohen die Tiere zu schwer zu werden. 

«Für diese Ferkel gibt es in der Schweiz keinen grösseren Absatzmarkt, in Süddeutschland hingegen schon. Und damit stellen wir sicher, dass dieses Fleisch in der Lebensmittelkette verbleibt», erklärt Suisseporcs-Chef Stefan Müller (55). Doch auch mit dieser Massnahme verlieren Schweinezüchter jeden Monat viel Geld. «Für die Produzenten gibt es zurzeit nur zwei Optionen: Durchhalten oder die Produktion aufgeben», so Müller weiter. 

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Halb leere Ställe sind keine Lösung

Aufgeben ist für Martin Wenger (58) keine Option. Er arbeitet bereits seit 30 Jahren als Schweinezüchter auf seinem Familienbetrieb in Diegten BL und verkauft tragende Muttertiere. «Wegen einer Krise geben wir unseren wichtigsten Betriebszweig nicht einfach auf. Preisschwankungen gehören zu unserem Geschäft.»

Martin Wenger bleibt seinem Job als Schweinezüchter auch in schwierigen Zeiten treu – trotz Krise.
Foto: zVg

Doch auch Wenger lebt zurzeit von seinem Ersparten, die aktuelle Situation empfindet er als unbefriedigend. Weniger zu produzieren, ist für ihn aber nicht die Lösung. «Es kann nicht sein, dass wir halb leere Ställe haben. Wir müssen konstant produzieren können», fordert Wenger. Die Schweizer Schweinezüchter wollen grundsätzlich 90 bis 92 Prozent des Inlandsverbrauchs decken. Der Rest wird importiert, wie Schinken aus Italien. «Die Branche muss einen Weg finden, damit die im Markt verbleibenden Produzenten zukünftig mit voller Auslastung produzieren können», so Wenger. 

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«Wenn wir zu Dumpingpreisen verkaufen, sollte auch der Konsument davon profitieren»
Schweinezüchter Martin Wenger (58)
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Der Züchter begrüsst ebenfalls die Preissenkungen im Detailhandel: «Wenn wir zu Dumpingpreisen verkaufen, sollte auch der Konsument davon profitieren.» Pro Kilogramm bezahlen die Schlachtbetriebe aktuell 2.50 Franken. Ein Preisschock, denn noch nie war der Preis offenbar so tief. Ende 2025 lag der Schlachtpreis für Schweine noch bei 4.50 Franken pro Kilo. «Diesen Preis müssen wir mittelfristig wieder erreichen und mit angepassten Produktionsmengen langfristig halten können», so Wenger.

So reagiert der Detailhandel

Wie Lidl hat auch Coop auf die gesunkenen Schlachtpreise reagiert und die Preise jeweils reduziert. Das Schweinsfilet der Marke Prix Garantie kostet neu 28.90 pro Kilo, 1 Franken weniger als bisher. In der aktuellen Grillsaison sei Schweinefleisch sehr beliebt, heisst es auf Anfrage von Blick. 

Verhaltener ist die Nachfrage bei der Migros. Mitte Juni senkte der orange Riese die Preise für IP-Suisse-Produkte. Schweinsplätzli kosten nun 2.85 für 100 Gramm – 70 Rappen weniger! Zuvor versuchte die Migros, die Nachfrage mit gezielten Rabatten anzukurbeln.

«Wir haben die Aktionen auf Schweinefleisch ausgebaut, um mitzuhelfen, dem aktuellen Überangebot entgegenzuwirken», teilt die Migros-Discounttochter Denner mit. 150 Gramm Vorderschinken sind mittlerweile 10 Rappen günstiger. Auch Konkurrent Aldi drehte seit Anfang Jahr mehrfach an der Preisschraube: Die Preise sanken um bis zu 16 Prozent. 

Für Juli stellen Migros und Coop weitere Preisreduktionen bei Schweinefleisch in Aussicht. Auch bei Denner werden die Preise im Kühlregal «in Kürze» nochmals sinken. So arbeiten Detailhandel und Schweinezüchter Hand in Hand, damit sich der Markt wieder stabilisiert. Die Konsumentinnen und Konsumenten profitieren derweil von tiefen Preisen in der Grillsaison.

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