Darum gehts
- Hitzewelle treibt Schweizer in die Berge, Bahnen verzeichnen Gästeansturm
- Schweiz Tourismus spricht von neuem Gästeverhalten
- Bergbahnen Arosa Lenzerheide meldet 25,6 Prozent mehr Eintritte
Die Schweiz ächzt unter der Hitzewelle: Klimaanlagen fürs Homeoffice oder einen besseren Schlaf sind kaum mehr zu kriegen. In den zubetonierten Städten drückt die Hitzewand wie ein unsichtbares Gewicht auf Passanten und Arbeitskräfte. Wer freihat oder wem es die Arbeit erlaubt, flüchtet immer öfter in die Höhe statt in südliche Gefilde. Und das mehr als in den letzten Jahren. Viele Ausflugsbahnen und Bergbahnen sprechen von einem Gästeansturm, wie eine Blick-Umfrage bei 15 Anbietern zeigt.
«Die Hitze treibt die Schweizer Gäste in Scharen in die kühlen Berge», sagt Katja Wildhaber (45), Geschäftsleitungsmitglied der Bergbahnen Flumserberg SG. In der Destination geht es am Donnerstag besonders geschäftig zu und her. Der Familientag lockt etwa 1500 Personen zusätzlich auf den Tannenboden. An den Open Airs am Freitag und Samstag soll es das Vielfache davon sein.
Schweiz Tourismus spricht von neuem Gästeverhalten
Doch auch ohne diese Tage liegen die bisherigen Sommerfrequenzen klar über dem bereits erfreulichen Vorjahr. Die Bergbahnen konnten bis zum vergangenen Wochenende bei der Gästezahl nochmals 15 Prozent zulegen. «Bei uns hat es dennoch reichlich Platz», betont Wildhaber und lacht. Das Geschäft mit Tagesgästen sei zudem sehr wetterabhängig. Sprich: Im einen Sommer haben die Bahnen mehr Wetterglück, im anderen weniger.
Die Branche hat in den letzten Jahren viel ins Sommergeschäft investiert. Im Gebiet Flumserberg locken die Bahnen mit Attraktionen wie einer Rodelbahn und einem Kletterturm. In der Destination Arosa Lenzerheide GR setzt man auf Erlebniswelten, Wassersport und Abenteuerparks. Vielerorts wartet inzwischen ein üppiges Angebot für Mountainbiker.
In diesem Sommer haben aber auch die hohen Temperaturen das Reiseverhalten der Gäste merklich verändert, wie Schweiz Tourismus festhält. Die Tourismusorganisation spricht von einer «Hitzeflucht» aus den Städten und dem Flachland. Ziel sind Orte in den Bergen, mit Seen und schattigen Wäldern. Zudem führen die Hitzewellen zu sehr spontanen, also kurzfristigen Buchungen.
Fehlende Gäste aus Asien kompensiert
Ein beliebtes «Fluchtziel» ist die Engstligenalp im Berner Oberland. Das Plus beträgt im Vergleich zum Vorsommer 30 Prozent. Das Wetter habe vor allem Einfluss auf die Zahl der Schweizer Gäste, teilt Geschäftsführer Pascal Schär (46) mit. Er darf sich aber auch über eine Zunahme bei den internationalen Gästen freuen. Dies hänge jedoch weniger mit der Schönwetterperiode zusammen.
Der Ansturm aus dem Inland kann bei einigen Ausflugsbahnen gar die Abnahme von Gästen aus dem asiatischen Raum ausgleichen. Der Iran-Krieg hat Flugrouten aus Asien verknappt und die Reisekosten hochgetrieben. Das kriegt unter anderem die Grimselwelt zu spüren, die insgesamt neun Bahnen im Kanton Bern betreibt. «Auf unseren Attraktionen Gelmerbahn und Reichenbachfall-Bahn fehlen Gäste aus den asiatischen Fernmärkten, aber die vielen Schweizer Gäste und Gäste aus Europa können diese Märkte kompensieren», sagt Florian Spichtig (44). So bewege man sich bei den Frequenzen bis anhin auf dem Niveau der Vorjahre.
Je weiter oben, desto kühler
Auch die Stossbahnen in den Schwyzer Voralpen liegen dank der Lust auf Abkühlung im Juli «deutlich über dem Vorjahresniveau», wie es auf Anfrage heisst. Wer weiter in die Höhe fährt, profitiert von noch kühleren Temperaturen – trotz der vielen Sonnentage, von denen die Destinationen Arosa und Lenzerheide GR in diesem Sommer bereits über 30 zählen.
Bis zum 27. Juli wurden bereits rund 120'000 Ersteintritte registriert. «Das entspricht einem Plus von 25,6 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitpunkt im Vorjahr», sagt Nicole Gysi (32), Leiterin Marketing und Kommunikation bei der Lenzerheide Marketing und Support AG. Die Nachfrage wachse aktuell über alle wichtigen Märkte hinweg. Der grösste Wachstumstreiber bleibe jedoch der Schweizer Heimmarkt. «Viele Gäste entscheiden sich kurzfristig für einen Aufenthalt in den Bergen und nutzen die anhaltende Hitzephase für Wander-, Bike- und Familienferien in kühleren Höhen», führt Gysi aus.
Ist gar ein Rekordsommer möglich?
Angenehm kühle Luft verspricht auch die Aletsch Arena im Wallis. Dabei hilft der massive Aletsch Gletscher, der nebenher ein grosser Blickfang ist. Gemäss den Bergbahnen liegen die Gästefrequenzen aktuell 5 Prozent über dem Vorjahresniveau. Einer der stärkeren Sommer vermelden nach aktuellem Stand auch die Oberengadiner Bahnen im Kanton Graubünden. Bei den Niesenbahnen im Berner Oberland sorgen die vielen einheimischen Gäste ebenfalls für ein florierendes Sommergeschäft.
Gemäss Zahlen von Seilbahnen Schweiz liegt die Branche derzeit über dem erfolgreichen Vorjahr. Von Rekorden will derzeit aber noch niemand sprechen. «Eine Bilanz für diese Saison kann erst Ende Oktober gezogen werden. Wir würden uns freuen, wenn in diesem Jahr auch der Herbst wettertechnisch glückt», sagt Wildhaber von Bergbahnen Flumserberg. Die Zwischenbilanz darf die Branchenvertreter aber bereits optimistisch stimmen.