Darum gehts
- Hotel Seehof in Davos schliesst überraschend ab 14. Juni für Sommersaison
- Pächterin Revo Hospitality Group will Synergien mit Schwesterhotel optimieren
- 140 Tochtergesellschaften von Revo stellten im Januar einen Antrag auf Insolvenz
Das Traditionshotel Seehof direkt an der Talstation der Parsenn-Bahnen ist in der Bündner Luxushotellerie eine Institution. Wohlbetuchte Seehof-Gäste, die sich auf ein paar entspannte Sommertage in den kühlen Alpen gefreut haben, gehen nun aber leer aus: Der Betrieb stellt seine diesjährige Sommersaison überraschend ein, wie die «Südostschweiz» berichtet. Bereits ab dem 14. Juni bleiben die gläsernen Schiebetüren an der noblen Dorfpromenade geschlossen.
Das hat der Konzern Revo Hospitality Group – einer der grössten europäischen Hotelbetreiber – mit Sitz in Berlin (D) entschieden. Seit Januar 2025 pachten die Deutschen das Fünf-Sterne-Haus. Aber was steckt hinter dem abrupten Entscheid?
«Synergien verbessern» – Gäste werden umgebucht
Mit der Übernahme des Seehofs landete die deutsche Gruppe nicht den ersten Coup in der Stadt: Bereits im März 2024 hat sie das nur ein paar Hundert Meter entfernt gelegene Grandhotel Belvédère übernommen. Nun sollen «die Synergien unserer beiden Hotels in Davos weiter verbessert werden», begründet ein Sprecher die Massnahme gegenüber Blick. Bestehende Buchungen würden ins Schwesterhotel Belvédère übertragen, das pünktlich zur Sommersaison wieder öffnen soll.
«Der Betrieb des Hotel Seehof wird zur Wintersaison wieder aufgenommen», erklärt der Sprecher weiter. Für die Angestellten gibt es aber nur teilweise Entwarnung: Ein Teil wechsle ins Grandhotel Belvédère. Den Rest wolle man bei der Suche «nach neuen Aufgaben in der Region Davos unterstützen». Zur Anzahl der betroffenen Mitarbeiter äussert sich der Sprecher nicht.
Schliessung kam für Star-Hotelier nicht überraschend
Ernst «Aschi» Wyrsch (63) schmerzt die Schliessung. Der Bündner war einer der erfolgreichsten Hoteldirektoren der Schweiz – von 1996 bis 2011 führte er das Belvédère, das damals noch den Namen Steigenberger Grandhotel Belvédère trug. 2015 wurde Wyrsch zudem zum Verwaltungsratspräsidenten des Hotel Seehof ernannt. «Ich finde das bedauerlich, es tut natürlich weh», sagt der ehemalige Hotelier, der heute als Dozent an der St. Galler Business School tätig ist, im Gespräch mit Blick.
«Wir haben uns über Jahre eine treue Stammkundschaft für das Sommergeschäft aufgebaut – diese Bemühungen sind jetzt kaputt.» Die Schliessung überrascht Wyrsch aber nicht. Weshalb? «Weil die Hiobsbotschaften rund um die Pächtergesellschaft schon länger herumgeistern.»
Mit den «Hiobsbotschaften» meint er die finanzielle Schieflage, in der sich der Hotelriese zurzeit befindet. Die Revo Hospitality Group ist nämlich seit Januar dieses Jahres zahlungsunfähig. Rund 140 Tochtergesellschaften stellten am 16. Januar bei einem Berliner Amtsgericht einen Insolvenzantrag in Eigenverwaltung. Heisst: Die Geschäftsführung bleibt zunächst im Amt und führt den Betrieb weiterhin selbst. Die Gruppe betonte, dass nur Hotels in Deutschland und Österreich betroffen seien.
Wie gross ist der Schaden für das Nobelhotel?
Die nun getroffene Massnahme für das Davoser Traditionshaus lässt laut Wyrsch nicht automatisch darauf schliessen, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in unseren Nachbarländern jetzt auch auf die Schweiz überschwappen. «Die offizielle Erklärung mit der Nutzung von ‹Synergien› klingt für mich plausibel und nachvollziehbar – auch als ehemaliger Hoteldirektor», sagt Wyrsch. Aber: «Jede Unsicherheit löst bei Stammgästen eine Art Fluchtreaktion aus», so der Branchenkenner. «Sie weichen auf andere Hotelbetriebe aus oder bleiben der Destination schlimmstenfalls gänzlich fern.»
Entscheidend ist für den Bündner jetzt vor allem die Frage, wie es mit dem Seehof weitergeht. «Die Gefahr für einen nachhaltigen Schaden vergrössert sich, je länger die Unsicherheit bestehen bleibt», so Wyrsch. «Öffnet der Seehof tatsächlich wie geplant im Winter wieder, kann man von einem singulären Ereignis sprechen, das das Hotel verkraften dürfte.»