Darum gehts
- Laut des abtretenden Switzerland-Travel-Centre-CEOs Michael Maeder hält sich der Einfluss des Iran-Kriegs auf die Schweizer Tourismusbranche in Grenzen
- Als Reiseland profitiere die Schweiz indirekt von globalen Krisen
- Die Schweiz hat gemäss Maeder kein Problem mit Overtourism
Herr Maeder, wo verbringen Sie aktuell Ihre Ferien?
Michael Maeder: Ich bin derzeit auf den Seychellen. Es ist wunderschön, sehr tropisch und heiss. Gleichzeitig hat es aktuell weniger Touristen als üblich, wohl wegen des Iran-Kriegs und der geopolitischen Lage rund um den Golf. Viele haben offenbar abgesagt. Entsprechend ist es angenehm ruhig.
Reisen Sie heute anders als noch vor fünf oder zehn Jahren?
Eigentlich nicht. Ich reise noch immer wie in meinen frühen Zwanzigern: mit Rucksack und möglichst nur mit Handgepäck. Grosse Resorts sprechen mich nicht an – ich bevorzuge kleine Unterkünfte wie Studios oder Airbnb, wo ich unabhängig bin. Vielleicht ist das nicht ganz altersgerecht, aber diese Freiheit schätze ich sehr.
Nach 14 Jahren treten Sie als CEO des Reiseveranstalters Switzerland Travel Centre (STC) zurück. Wenn Sie auf Ihre Zeit in der Reisebranche zurückblicken: Was war die prägendste Veränderung?
Ganz klar der Wandel hin zum Onlinebuchen. Früher war das Internet nur ein zusätzlicher Vertriebskanal, heute ist es Standard. Und nun stehen wir vor der nächsten grossen Veränderung: Künstliche Intelligenz wird das Such- und Buchungsverhalten vermutlich erneut grundlegend verändern.
Das STC ist der grösste Reiseveranstalter für Ferien in der Schweiz. Spüren Sie aktuell Auswirkungen des Iran-Kriegs auf Ihr Geschäft?
Bisher weniger als erwartet. Unsere Kundschaft stammt vor allem aus Europa und Nordamerika, weniger aus Asien. Zudem steht die Hauptreisezeit erst bevor. Es gibt zwar einzelne Stornierungen aus Asien, und wir verkaufen weniger Bahnpässe, aber insgesamt sind die Auswirkungen moderat.
Profitiert die Schweiz als Reiseland indirekt von globalen Krisen?
In gewisser Weise schon. Die Schweiz gilt international als stabil, sicher und landschaftlich schön. Dieses Image hilft sicher – auch wenn wir es nicht aktiv als Marketingargument ausspielen sollten, das wäre verantwortungslos.
Die Schweiz ist sehr teuer. Kann man sie auch mit kleinem Budget bereisen?
Ja, etwa indem man Jugendherbergen bucht, oder den Swiss Travel Pass nutzt. Aber es gibt sehr viele Menschen auf der Welt, die bereit sind, für Ferien in der Schweiz viel Geld auszugeben. Grundsätzlich finde ich, dass man nicht immer möglichst günstig sein muss – höhere Preise können auch ein Instrument sein, um Touristenströme zu steuern und Massentourismus zu begrenzen.
Der Preis für eine Hin- und Rückfahrkarte von Grindelwald oder Lauterbrunnen zum Jungfraujoch beträgt ohne Halbtax über 200 Franken. Für viele Schweizerinnen und Schweizer ist das zu teuer.
Ich als Schweizer finde den Preis schon auch hoch und kann die Kritik nachvollziehen. Gleichzeitig ist es für internationale Gäste ein einzigartiges Erlebnis: Man landet in Zürich und steht wenige Stunden später auf dem Berg und sieht Schnee und Gletscher. Diese Kombination aus Zugänglichkeit und spektakulärer Natur hat einen hohen Wert. Ich sehe beide Seiten: Die Preise sind hoch, aber die Begeisterung der Gäste ist es oft auch.
Der Berner Michael Maeder (56) war während 14 Jahren Geschäftsführer des Switzerland Travel Centre (STC). Per Ende Juni verlässt er den offiziellen nationalen Reiseveranstalter der Schweiz auf eigenen Wunsch. Konkrete berufliche Pläne hat er noch nicht. Fest steht nur, dass er nach seinem Abschied erst einmal auf Reisen geht – vermutlich mit dem Rucksack.
Der Berner Michael Maeder (56) war während 14 Jahren Geschäftsführer des Switzerland Travel Centre (STC). Per Ende Juni verlässt er den offiziellen nationalen Reiseveranstalter der Schweiz auf eigenen Wunsch. Konkrete berufliche Pläne hat er noch nicht. Fest steht nur, dass er nach seinem Abschied erst einmal auf Reisen geht – vermutlich mit dem Rucksack.
Trotz des stolzen Preises besuchten letzten Jahr über eine Million Gäste den Berg. Auch Lauterbrunnen ist zum Touri-Hotspot geworden. Muss sich die Schweiz deswegen Sorgen machen?
Nein, die Schweiz hat kein Massentourismusproblem, weil sich dieser relativ stark auf einzelne Orte konzentriert und nicht flächendeckend ist. Persönlich versuche ich, Massentourismus auf Reisen eher zu vermeiden. Gleichzeitig arbeite ich in einer Branche, die ihn – zumindest teilweise – mitträgt. Das ist ein gewisser innerer Widerspruch.
Hat man in Orten wie Lauterbrunnen zu stark auf Wachstum gesetzt?
Nein, der starke Besucheranstieg ist vor allem durch Social Media getrieben. Plötzlich werden Orte weltweit sichtbar und ziehen grosse Besucherströme an. Dass das zu Spannungen führt, ist verständlich. Gleichzeitig bringt es nichts, über die bösen Touristen zu jammern. Sie reisen in der Regel im guten Glauben an. Entscheidend ist, wie man vor Ort damit umgeht.
Was schlagen Sie vor?
Komplett verhindern lassen sich die Besucherströme kaum, aber man kann sie aktiv steuern. Etwa mit Verkehrsleitsystemen, Zugangsbeschränkungen oder Preismechanismen. Beispielsweise könnte die Zahl der Fahrzeuge begrenzt oder der Zugang kostenpflichtig gemacht werden. Ein weiterer Ansatzpunkt ist die zeitliche Verteilung: Der Tourismus konzentriert sich stark auf die Sommermonate. Hier besteht Potenzial, gezielt Anreize für Reisen im Herbst und Winter zu schaffen. Mir ist bewusst, dass die Belastung für die betroffenen Orte real ist. Umso wichtiger ist es, Lösungen zu finden, damit die Lebensqualität der Bevölkerung nicht leidet.
Vergangenes Jahr sorgte eine Schweiz-Tourismus-Werbekampagne mit Roger Federer für viel Furore. Die Kritik: Er heize den Overtourism an.
Ich denke nicht, dass man Roger Federer anlasten kann, dass Orte wie Lauterbrunnen überlaufen sind. Vielmehr ist er ein Glücksfall für den Schweizer Tourismus, denn er verkörpert viele Werte, die man mit der Schweiz verbindet. Ich glaube, er verstärkt das positive Image der Schweiz im Ausland.
Und Influencer-Marketing?
Social Media kann bestimmte Orte stark pushen – oft sehr punktuell. Das kann zur Überlastung einzelner Destinationen führen. Aber es ist schwierig, zu sagen, ob es jetzt zu mehr Umsatz führt oder zu mehr Besucherinnen oder Besuchern.
Gibt es Regionen mit ungenutztem touristischen Potenzial?
Fast alle. Die grosse Mehrheit der Destinationen würde sich über mehr Gäste freuen – etwa im Wallis, in Graubünden, in der Ostschweiz oder im Jura. Der Tourismus konzentriert sich oft auf wenige Orte, während viele andere unter dem Radar bleiben.
Wo machen Sie in der Schweiz gerne Ferien?
Ich mag Zermatt sehr, obwohl es ein sehr touristischer Ort ist. Auch Mürren, das Tessin und das Appenzell gefallen mir sehr. Generell zieht es mich eher zu ruhigeren, weniger überlaufenen Orten. Das entspricht wohl auch dem typischen Reiseverhalten vieler Schweizerinnen und Schweizer, die im eigenen Land eher abseits der grossen Hotspots unterwegs sind.
Und wohin geht Ihre nächste Reise?
Konkrete Pläne habe ich keine – weder was das Reisen angeht noch beruflich. Vielleicht bin ich nach drei Monaten wieder zurück, vielleicht bleibe ich länger. Ich lasse mir bewusst alle Optionen offen. Ideen gibt es allerdings viele: von Japan über den Südpazifik bis hin zu einer Europareise entlang der Küste, von Skandinavien bis ans Mittelmeer. Es gibt einfach noch zu viele spannende Orte auf der Welt.