Darum gehts
- Nadine Fähndrichs Nachfolge ist ein schwieriges Unterfangen
- Nadja Kälin gewann zwei Olympia-Medaillen, mit Anja Weber wird sie neue Leaderin
- Schweizer Nachwuchs: Marina Kälin (22), U23-WM-Silber; Roman Alder (21), Bronze
Die Langlaufszene verneigt sich vor Nadine Fähndrich (30). 28 Podestplätze, 3 WM-Medaillen und zum Abschluss der Karriere auch noch das langersehnte Olympia-Edelmetall mit Silber im Teamsprint. Schwedinnen, Norwegerinnen, Deutsche, Amerikanerinnen – zahlreiche Weltklasse-Läuferinnen zollten der Eigenthalerin nach deren Rücktritt ihren Respekt. Jonna Sundling, zweifache Olympiasiegerin, schrieb ihrer langjährigen Konkurrentin: «Wir werden dich vermissen!»
Auch im Schweizer Team wird Fähndrich eine riesige Lücke hinterlassen. Eine Bestandesaufnahme nach dem Rückzug der besten eidgenössischen Langläuferin der Geschichte.
Wer übernimmt Fähndrichs Leaderrolle?
Jürg Capol, Nordisch-Direktor bei Swiss-Ski, sagt es geradeheraus: «So viele Podestplätze, wie Nadine herausgelaufen hat, können wir nicht kompensieren. Dies zu behaupten, wäre verwegen.» Trotzdem ist er im anstehenden Sommer in der komfortablen Lage, den unumgänglichen Umbruch mit viel Rückenwind gestalten zu können. Die Saison war vor allem auf Frauenseite gut: Nadja Kälin ist mit zwei sensationellen Olympiamedaillen die grosse Entdeckung. Die Engadinerin, die im Vergleich mit Sprintspezialistin Fähndrich ihre Stärken mehr über die Distanz einsetzt, wird nun mehr in eine Leaderrolle hineinwachsen. Genauso wie Anja Weber, die als Zwölfte die zweitbeste Schweizerin im Gesamtweltcup hinter Fähndrich (Platz sieben) war.
Wie wurde der Weber-Aufreger aufgearbeitet?
Die Kurzversion dieser Episode: Weil Kälin derart gut in Form war, hatte sie für den Olympia-Teamsprint den Vorzug gegenüber der vermeintlich gesetzten Weber erhalten. Mit Erfolg: Kälin und Fähndrich holten Silber. Weber aber warf dem Verband ein Fehlen von Transparenz, Fairness und ehrlicher Kommunikation vor – und verliess das Team vorzeitig. Für sie ist der Fall nach Aussprachen mit Trainern und Capol abgeschlossen, dazu äussern will sie sich nicht mehr. Von Verbandsseite heisst es derweil, man wolle den Ablauf intern noch einmal rekapitulieren, um künftig ähnliche Szenarien zu vermeiden. Capol sagt: «Wir sind froh um die Direktheit von Anja. Und wir können es noch besser machen, das will ich nicht absprechen.»
Allerdings hält er auch deutlich fest, dass der Verband künftig darauf bestehe, dass eine Ersatzläuferin vor Ort bleiben müsse: «Eine frühzeitige Abreise ist in diesem Fall nicht vorgesehen. Die Rolle als Ersatz ist ein wichtiger Bestandteil des Teams. Im Fussball sitzt die Nummer zwölf auch nicht zu Hause, sondern ist bereit, jederzeit einzuspringen. Genau dieses Mindset brauchen wir auch bei uns – nur so können wir als gesamtes Team stärker auftreten und uns gegenseitig bestmöglich unterstützen.»
Was passiert jetzt mit Fähndrichs Bruder Cyril?
Nadine und Cyril Fähndrich (26) machten bis zuletzt eigene Sache. Weil Trainer Ivan Hudac (54) im Frühjahr 2024 bei Swiss-Ski gehen musste und die Geschwister sich nicht vom Slowaken trennen wollten, bildeten sie kurzerhand ein eigenes Trainingsteam. Das gefiel damals nicht allen beim Verband. Aber was macht Distanzläufer Cyril jetzt nach dem Rücktritt seiner Schwester? Capol will die Konkurrenzsituation stärken: «Es ist unser Wunsch, dass er sich wieder voll ins Männerteam integriert.»
Welche Talente stossen nach?
Nadja Kälins jüngere Schwester Marina (22) holte an der U23-WM über 10 Kilometer klassisch Silber. Sie soll in den nächsten Jahren genauso wichtige Erfahrungen sammeln wie Roman Alder (21, U23-WM-Bronze im Sprint), Fabienne Alder (23) oder die Näff-Brüder Noe (22) und Isai (20). «Was sie vor allem brauchen, ist Zeit», betont Capol. «Die Jungen im Team wollen wir im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2030 aufbauen.» Grosse Baustellen für die nächsten Jahre sind nicht nur die Nachwuchsförderung und die fehlende Breite allgemein, sondern auch die Stärkung des Distanzbereichs. Mit Valerio Grond (25), Janik Riebli (27), Weber und Co. ist man bei Swiss-Ski im Sprint stark aufgestellt. Doch vor allem bei den Männern hinkten die Schweizer im Distanzbereich zuletzt hinterher.