Darum gehts
- Susan Bandecchi lebt in Roland Garros ihren Traum
- Die Weltnummer 215 belohnt sich nach schwierigen Jahren
- Viel Preisgeld und ein grosser Sprung in der Weltrangliste
Nach dem verwerteten Matchball gegen Cristina Bucsa (28) sinkt Susan Bandecchi (27) auf den Boden und lässt ihren Gefühlen freien Lauf. Sie zittert, weint, schlägt die Hände vors Gesicht, dann rennt sie für den Handshake zur Gegnerin und zum Schiedsrichter, um postwendend umzukehren und einen Sprint in Richtung Familie zu machen. Ihre Eltern Gilda und Thomas sind nach ihrer sensationellen Qualifikation fürs Hauptfeld kurzfristig nach Paris gereist, um den bislang grössten Karrieremoment ihrer Tochter nicht zu verpassen.
Bandecchi ist eine der grössten Überraschungen der diesjährigen French Open. Im Alter von 27 Jahren und als Weltnummer 215 hat sie über die Qualifikation erstmals überhaupt den Einzug in ein Grand-Slam-Hauptfeld geschafft. Die Spätzünderin aus Montagnola TI hat den Lauf ihres Lebens. Nach dem Auftaktcoup über Bucsa, immerhin die Weltnummer 33, sagt sie: «Bitte weckt mich nie aus dem Traum auf!»
Bandecchi kommt in Paris mindestens in den Genuss einer weiteren Partie – am Donnerstag gegen die Australierin Daria Kasatkina (29, WTA 53) – und eines Preisgeldchecks von umgerechnet 118’000 Franken (vor Steuern). Das ist mehr als das Sechsfache ihres bisherigen Jahreseinkommens an Prämien und eine grosse Erleichterung für eine Spielerin ihres Rankings.
«Mein ganzes Leben darauf hingearbeitet»
In den letzten Jahren hatte sie sich wie viele andere Profis in diesem Ranglistenbereich arg strecken müssen, um finanziell über die Runden zu kommen. Um Reisen, Unterkünfte, Trainer- und Physiokosten zu decken, reichen die Preisgelder bei den kleinen Turnieren längst nicht aus. Ohne Sponsoren, Gönner und Verbände sind solche Profilaufbahnen gar nicht erst möglich. Bandecchi sagt, sie habe zwischenzeitlich gar Interclub in der Bundesliga für Stuttgart sowie in Italien für Mailand spielen müssen, um Geld zu verdienen.
«Jetzt zahlt sich all das endlich aus», sagt sie strahlend. «Ich habe mein ganzes Leben darauf hingearbeitet.» Und sie gibt zu, während ihrer Karriere immer wieder Zweifel gehabt zu haben. «Andere sagten mir stets: ‹Du wirst einmal gross herauskommen.› Doch ich selbst habe nicht wirklich daran geglaubt und habe mich bei Misserfolgen herunterziehen lassen.» Das hatte auch mit einem grossen Verletzungsrückschlag 2022 zu tun, als sie wegen einer Stressfraktur im Fuss sechs Monate ausfiel. Danach habe sie zwei Jahre gebraucht, um wenigstens wieder auf ihr altes Niveau zu gelangen.
Jetzt glänzt Bandecchi auf der Grand-Slam-Bühne und schreibt an ihrem Tennismärchen, das in einem weiteren Erfolgsfall in der zweiten Runde ein nächstes, bemerkenswertes Kapitel bereithalten würde. Dann nämlich könnte sie auf die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka (28) treffen, und zwar in einem der grössten Stadien der Anlage. Fest steht schon jetzt: In der Weltrangliste wird sie einen grossen Sprung machen und nach dem Turnier ungefähr auf Position 166 klassiert sein.