Darum gehts
- Stan Wawrinka feiert seine Abschiedstour in Gstaad vor Hunderten Fans
- Tennislegende plant Zukunft, will erst Karriereende und Skifahren geniessen
- Am Dienstag spielt Wawrinka gegen Jaime Faria (ATP 98) in Gstaad
Mal stehen die Fans Schlange vor der Gelateria, mal drängen sie sich unter den wenigen Schattenplätzen. Bei sommerlichen Temperaturen suchen viele in Gstaad den Schatten. Eigentlich suchen sie aber alle nur einen: Stan Wawrinka (41).
Kurz nach 15 Uhr betritt der dreifache Grand-Slam-Sieger gemeinsam mit Dominic Stricker (23) die Bühne im Village der Swiss Open. Hunderte Fans applaudieren, viele tragen Wawrinka-Shirts oder halten Tennisschläger in den Händen. Es ist der Auftakt eines besonderen Nachmittags. Zum bereits 14. Mal in dieser Saison macht Wawrinkas Abschiedstour halt an einem ATP-Turnier. Unter den Besuchern befindet sich auch Ski-Superstar Marco Odermatt (28), der das Wochenende gemeinsam mit seiner Freundin Stella in Gstaad verbringt und sich den Abschied von Wawrinka nicht entgehen lässt.
Der Lausanner wirkt dabei genau so, wie man ihn seit über zwei Jahrzehnten kennt: ruhig, bescheiden und professionell. Er lächelt viel, beantwortet jede Frage geduldig und lockert die Stimmung immer wieder mit einem trockenen Spruch auf. Als es um seine Zeit nach der Karriere geht, verrät Wawrinka zwar, dass die Zukunft bereits weitgehend geplant sei. Konkrete Details will er aber noch nicht preisgeben. Zuerst wolle er dieses letzte Kapitel als Tennisprofi geniessen. Danach freue er sich auf «ein wenig Chillen» und vor allem darauf, erstmals seit über 20 Jahren wieder Ski zu fahren.
Für einen Lacher sorgt der Romand, als das Gespräch auf seine Kochkünste kommt. Lieber essen als kochen, meint Wawrinka schmunzelnd. Und als Moderator und Stricker ihm attestieren, dass er dafür umso besser feiern könne, kontert er trocken: «Da bin ich tatsächlich sehr gut.»
«Ich fühle mich hier zu Hause»
Bereits vor der Feier nimmt sich Wawrinka Zeit für die Medien. Obwohl ihn auf seiner Abschiedstour seit Monaten an jedem Turnier ähnliche Fragen erwarten, zeigt er keinerlei Ermüdungserscheinungen. «Nein, überhaupt nicht. Sonst würde ich gar nicht mehr spielen. Ich sehe es als riesige Chance, meine letzte Saison noch spielen zu dürfen. Ich fühle mich körperlich und technisch noch gut.»
Dass Wawrinka ausgerechnet hier noch einmal aufschlägt, bedeutet ihm besonders viel. «Gstaad war mein erstes ATP-Turnier. Ich habe hier meinen ersten Final gespielt. Ich habe grosse Enttäuschungen erlebt, aber auch wunderschöne Momente. Ich fühle mich hier zu Hause.»
Gefragt, was er dem jungen Stan von 2003 heute sagen würde, muss der 41-Jährige nicht lange überlegen. «Er wäre glücklich mit seiner Karriere. Damals war es ein Traum, hier überhaupt einmal spielen zu dürfen. Jetzt bin ich mit 41 Jahren noch einmal im Hauptfeld dabei.»
Auch auf den dramatischen WM-Viertelfinal der Schweizer Fussball-Nati angesprochen, verrät Wawrinka, dass er wegen seines Turnierrhythmus auf das Livespiel verzichtet. Die Highlights schaut er sich dafür am Morgen an. «Für ein kleines Land können wir wirklich stolz sein, was wir in allen Sportarten leisten», sagt er mit Blick auf die Erfolge der Schweizer Athletinnen und Athleten gegenüber Blick.
Am Dienstag (17.35 Uhr) wartet dann der sportliche Teil. Bei seiner letzten Gstaad-Teilnahme trifft Wawrinka in der Startrunde auf den Portugiesen Jaime Faria (22, ATP 98), der zuletzt an den French Open mit Siegen gegen Denis Shapovalov und Jan-Lennard Struff für Aufsehen sorgte.
Fans stehen Schlange
Nach dem Bühnenauftritt nimmt sich Wawrinka Zeit für seine Fans. Kinder strecken ihm ihre Tennisschläger entgegen, Erwachsene reichen Shirts, Kappen oder Bälle. Er unterschreibt geduldig, posiert für Selfies und witzelt immer wieder mit den Jüngsten. Der Andrang wird schliesslich so gross, dass die Organisatoren die Autogrammstunde kurz nach 16 Uhr abbrechen müssen – obwohl noch immer Dutzende Fans warten.
Während Wawrinka anschliessend das Konzert seines langjährigen Freundes Bastian Baker (35) aus der VIP-Bar verfolgt, erzählt der Musiker, wie ihre Freundschaft begann. Vor 16 Jahren schrieb ihm Wawrinka auf Facebook und machte ihm ein Kompliment zu seiner Musik. Daraus entwickelte sich eine enge Freundschaft. Baker begleitet ihn seither regelmässig an Grand Slams und erinnert sich lachend daran, wie er nach Wawrinkas Triumph an den French Open seinen Flug nach Moskau verpasste, weil das Finalspiel länger dauerte.
Vorbild für die Jungen
Mitten in der Feier brandet plötzlich lauter Applaus aus dem Stadion herüber. Dylan Dietrich (21) hat soeben den Brasilianer Thiago Monteiro sensationell bezwungen. Auch Wawrinka bekommt den Jubel mit und gratuliert dem jungen Schweizer. Als Blick Dietrich später in der Mixed Zone davon erzählt, strahlt dieser: «Megacool, das bedeutet mir sehr viel.»
Wie gross sein Einfluss auf die nächste Generation ist, zeigt auch Dominic Stricker. «Es ist schön, solche Momente mitzuerleben. Ich durfte mit Stan so viele tolle Sachen erleben. Das erste Training mit ihm oder unser Doppeltitel hier in Gstaad – das werde ich nie vergessen», sagt er zu Blick.
Auch Kilian Feldbausch (20) muss nicht lange überlegen. Sein prägendster Wawrinka-Moment? «Der French-Open-Triumph 2015 gegen Novak Djokovic», sagt das junge Genfer Tennistalent zu Blick.
«Es ist ein Traumleben»
Bei aller Abschiedsstimmung bleibt Wawrinka sich selbst treu. Keine grossen Gesten, keine Tränen, keine lauten Worte. Vielmehr blickt er mit Dankbarkeit auf seine aussergewöhnliche Karriere zurück. «Als Kind habe ich von diesem Leben geträumt. Es ist wichtig, nie zu vergessen, dass es ein Traumleben ist.»
Dabei verschweigt der dreifache Grand-Slam-Sieger auch die Schattenseiten des Spitzensports nicht. «Wenn man die Chance hat, extrem schöne Emotionen zu erleben, muss man akzeptieren, dass es auch extrem schwierige Momente gibt.»
Genau diesen Eindruck hinterlässt Wawrinka auch an diesem Sonntagnachmittag in Gstaad. Einer, der weiss, dass seine Karriere langsam zu Ende geht – und deshalb jeden Moment noch einmal bewusst geniesst. Am Dienstag folgt gegen Jaime Faria das nächste Kapitel seiner Abschiedstour.