«Wir haben so viel Glück»
Ski-Legende Cuche mit emotionalen Familienferien in Kambodscha

Inmitten von Reisfeldern, Klassenzimmern und Werkstätten erlebt Didier Cuche Kambodscha: Im Dorf von Smiling Gecko engagiert er sich für das Hilfsprojekt – und geniesst mit Frau und Kindern den Pool des Hotels, dessen Einnahmen den Ärmsten zugutekommen.
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Spass muss sein: Didier und Manuela Cuche planschen mit Noé und Amélie im Pool des Hotels, das Teil des Campus von Smiling Gecko ist.
Foto: Joseph Khakshouri
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Yara VettigerRedaktorin

Kleine Hände, gefaltet vor der Brust. Ein kurzes Senken des Kopfes. So begrüsst man in Kambodscha einen Gast. So auch an diesem Morgen. 550 Kinder verneigen sich in der Schule von Smiling Gecko vor Didier Cuche (51). Sie wissen nicht, wer er ist. Sie kennen keine Weltcupsieger, keine Olympiamedaillen, keine Schnee- und Eis-Legenden. Sie sehen nur einen grossen Mann mit warmem Blick. Und erweisen ihm Respekt.

Lokaler Gruss: Didier Cuche im Dorf von Smiling Gecko, wo mit Ausbildung, Handwerk, Landwirtschaft und Hotel den Bewohnern das Auskommen gesichert werden soll.
Foto: Joseph Khakshouri

Didier schaut auf die Kinder. Auf ihre strahlenden Augen. Auf die ausgewaschenen bunten Schuluniformen. Auf die nackten Füsse im Staub. Er lacht. Nicht aus Überheblichkeit. Sondern weil es ihm die Sprache verschlägt. Kambodscha gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die meisten Menschen hier können weder lesen noch schreiben, ernähren sich von Fröschen, Schlangen und Spinnen. Jeden Tag gehts ums nackte Überleben.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Die Schule ist ein Anker. Die meisten Kinder haben am Wochenende nichts gegessen. Hier bekommen sie am Montagmorgen endlich wieder eine erste Mahlzeit. Und sie dürfen duschen, erhalten frische Kleidung. Und Bildung, etwas, das hierzulande ganz selten ist. «Es ist wahnsinnig, dass so viele Dinge hier als Privileg angesehen werden, die bei uns völlig normal sind.»

Ausgewogene Ernährung, ohne zu verschwenden: Was sich die Kinder schöpfen, wird gegessen.
Foto: Joseph Khakshouri

Didier schüttelt den Kopf und schaut auf seine Kinder Noé (10) und Amélie (7): «Wisst ihr, was der einzige Unterschied zwischen euch und einem Kind von hier ist? Der Ort, an dem ihr auf die Welt gekommen seid.» Auch der kleine Noé wird nachdenklich. Und sagt dann: «Da kann ich aber dankbar sein, dass ich in der Schweiz geboren wurde, gell Papi!»

Auch Manuela (42) die Frau von Didier Cuche, trifft das Schicksal der Kinder hart. Bei der Essensausgabe laufen ihr die Tränen über die Wangen. Sie kann nicht mehr reden. Später sagt sie: «Als Mutter trifft dich so was noch härter. Ich stehe hier mit meinen Kindern, die wirklich alles haben, und die anderen müssen jeden Tag um Essen kämpfen. Das tut weh.» Und gleichzeitig sind Didier und Manuela berührt von der Lebensfreude und Leichtigkeit, die sie überrollt wie ein Wasserfall.

Zehnjähriges: Manuela und Didier feierten im Dezember ihre Rosenhochzeit. Beim Fine Dining im «Un» gabs Zweisamkeit.
Foto: Joseph Khakshouri

Noch nie Schnee gesehen

Die Schule von Smiling Gecko ist der erste Halt der Cuches. Seit einer Woche sind sie bereits in Kambodscha, reisten nach Siem Reap und Battambang.

Und nun sind sie zu Besuch bei Hannes Schmid und seinem Herzensprojekt. «Bevor wir hierherkamen, wollten wir wirklich die Geschichte dieses Landes erfahren und das Leben sehen und spüren», erklärt Didier Cuche. Kambodscha ist noch immer gezeichnet vom Bürgerkrieg in den 70er-Jahren, der zwei Millionen Menschenleben forderte, und einem Wiederaufflammen des Konflikts in den 90er-Jahren.

Sportunterricht bei 30 Grad: Der Skicrack rennt mit den Kindern um die Wette. «Sie sind offen, freudig und wahnsinnig höflich!»
Foto: Joseph Khakshouri

In der Schule lernen die Kinder Mathematik, Kunst, Englisch und ihre eigene Sprache Khmer. Dreimal die Woche haben sie Sport. Von sportlichem Erfolg, Disziplin und dem Glauben an sich selber kann Didier viel erzählen. Weltmeister, fünffacher Hahnenkammsieger, Olympiasilber und sechsfacher Gewinner der Disziplinenwertungen. Seine Geschichte erzählt er in einem Vortrag, zeigt Videos von der legendären Abfahrt in Kitzbühel, Bilder von meterhohem Schnee in seiner Heimat im Jura am Fuss des Chasseral.

Die Kinder staunen und machen grosse Augen. Von Skifahren, geschweige denn Schnee hat hier noch nie jemand etwas gehört. Plötzlich ruft Cuche auf Englisch: «So, nun geht alle mal in die Hocke!» Die Kinder in der grossen Halle stehen sofort auf und versuchen, es ihm gleichzutun.

«Ab in die Hocke!» Cuche hält einen Vortrag und zeigt, wie es geht. Erstmals sehen die Kinder Schnee (auf den Bildern) – und einen Skistar.
Foto: Joseph Khakshouri

Es wird gemurmelt und durcheinander gerufen. «Gell, das ist streng! Zwei Minuten müsst ihr das halten und ausbalancieren – bei 120 Kilometern pro Stunde!» Die Kinder lachen und geben schon nach ein paar Sekunden auf. Sie haben Freude am Skifahrer. Und Didier ist ebenfalls in seinem Element. Im Sportunterricht am folgenden Tag springt und rennt der 51-Jährige mit wie ein junges Geisslein. «Diese Kinder hier kennen keinen Luxus. Aber sie kennen Lebensfreude. Und die ist ansteckend!»

Der grösste Fan von Didier

Zum Smiling Gecko Campus wollte Didier Cuche schon seit langem reisen. Den Gründer Hannes Schmid lernte er – wie soll es anders sein – an seinem Herzensort Kitzbühel kennen. «Hannes sagte mir von der ersten Sekunde an, dass ich ihn besuchen soll. Dass wir jetzt hier sind – das musste so kommen!» Die beiden waren regelmässig in Kontakt. Im Frühling letzten Jahres trafen sie sich per Zufall in einer Hotellobby in Zürich. «Da wusste ich: Jetzt ist der richtige Moment.»

Planschen mit Papa: Noé ist ein kleiner Rowdy. Er will es Papa gleichtun – und ebenfalls Skirennfahrer werden.
Foto: Joseph Khakshouri

Für den bald 80-jährigen Hannes ist es eine Ehre: «Didier hier zu haben, ist ein riesiges Geschenk. Ich bin schliesslich sein grösster Fan!» Seinen Helden begleitet der Gründer des Hilfsprojekts anderntags persönlich über die Farm – ein wirtschaftliches System der Hoffnung. Zu Fuss gehen sie vorbei an Reisfeldern, Handwerkshäusern, Wasserbecken. Sie schauen in die Bäckerei, wo das Brot für die Schule und den Campus gebacken wird. Sogar Zopf wird hier hergestellt.

In der Fischzucht treffen sie auf Männer, die Futter auswerfen, Becken reinigen, Kübel schleppen. Noé und Amélie versuchen, einen Fisch zu fangen. Es gelingt ihnen sogar mehrmals. In der Schreinerei nebenan entstehen Tische und Betten, die hier gebraucht werden. Und in der Metzgerei blüht Didier Cuche auf. «Ich war früher Metzger, wisst ihr. Wer weiss, wenn ich im Skifahren keinen Erfolg gehabt hätte, wäre ich vielleicht heute noch Metzger», sagt er.

Die Fische, die aus der eigenen Zucht stammen, werden in den Küchen des Campus verarbeitet oder dann verkauft.
Foto: Joseph Khakshouri

Smiling Gecko ist eine Institution, die Armut nicht einfach lindern will, sondern sie durch Arbeit, Ausbildung und Selbstversorgung überwinden möchte. Schule, Farm, Werkstätten, Sozialprogramme und ein Resort arbeiten zusammen wie Zahnräder. «Was Hannes hier geschaffen hat, ist unglaublich. Und einmalig», sagt Cuche nach seinem Rundgang bewundernd. «Und trotzdem ist es irgendwie traurig, dass Hannes sagt, sein Tun sei nur ein Tropfen auf den heissen Stein.»

Ein Hotel zum Geldverdienen

Fast 70'000 Menschen auf und um den Campus profitieren direkt oder indirekt von Smiling Gecko. «Aber ich kann verstehen, was er meint», fährt Cuche fort, «schliesslich leben in diesem Land 17 Millionen Menschen. Es braucht einfach mehr Leute wie Hannes!»

Das langfristige Ziel: dass dieses System sich selbst finanziert und irgendwann ohne Spenden auskommen wird. Deshalb wohnt die Familie Cuche im Smiling-Gecko-Farmhouse. Ein Ort wie aus einer anderen Welt.

Alle zwei Wochen versorgt Smiling Gecko Menschen aus umliegenden Dörfern. 25 Kilo Reis bekommen die Familien, dazu Gemüse und Fisch.
Foto: Joseph Khakshouri

Holz, Ruhe, Pool, Fine Dining. Ein Boutique-Resort mitten im Nirgendwo. «Es ist schon verrückt», sagt Manuela. «Aber Hannes hat einen Ort geschaffen, an dem man geniessen kann und soll.» Und in dem jeder von Touristen ausgegebene Franken dem Projekt und den Menschen zugutekommt.

Das Farmhouse Resort gehört zu den besten des Landes – die fünf Restaurants sind ebenfalls top. Das Highlight der Kinder? «Der Pool!», rufen Amélie und Noé gleichzeitig. Dann fragt der Bub: «Papi, können wir wieder hierherkommen?» Didier sagt: «Das kann ich mir gut vorstellen, aber jetzt müssen wieder ein paar Jahre vergehen.» «Fünf?» – «Zu wenig.» – «Zehn?» – «Zu lange.» – «Bitte einfach noch, bevor ich 18 bin!», wünscht sich Noé.

Die Cuches reisen selten weit

Dass die Familie Cuche so weit reist, kommt nur ganz selten vor. Das tropische Klima und die Hitze sind nichts für den Olympia-Zweiten von Nagano 1998. «Ich bin halt ein Wintermensch.» Dem Schneesport ist Cuche bis heute eng verbunden. Er ist Präsident des Giron Jurassien, des Dachverbands der jurassischen Schneesportvereine. An die Weltcuprennen Adelboden, Wengen und Kitzbühel geht er nach wie vor jedes Jahr. «Am liebsten würde ich auch alle anderen Rennen schauen, aber ich möchte nicht, dass die Kinder vier Stunden vor dem Fernseher hocken. Also mache ich es meistens heimlich auf dem iPad!» Er lacht. Noé will übrigens auch Skirennfahrer werden. «Unbedingt! Wie Papi!» – «Das werden wir in ein paar Jahren dann sehen», schmunzelt dieser.

Jetzt gehts erst mal zurück nach Hause. In 13 Flugstunden sind sie wieder im Jura. «Wir nehmen vieles mit, vor allem Demut. Und wir haben wieder gelernt, wie gut wirs haben», sagt Cuche. Manche Orte verlässt man und trägt sie trotzdem weiter. Und manchmal führen einen die Erinnerungen schneller zurück als gedacht.

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