Darum gehts
Michelle Gisin liegt im Spital. Schwer verletzt. Brüche am Nacken, ein zerfetztes Knie, die Hand kaputt. Das ist acht Monate her. Die Erinnerung daran bleibt.
Gisin weiss: Mit etwas Pech wäre sie querschnittgelähmt gewesen. «Ich hatte grosses Glück», sagt die 32-Jährige. Gleichzeitig blickte sie nach vorne. Gesund werden, trainieren, vielleicht eines Tages wieder Rennen fahren – das waren ihre Ziele.
Und dann gab es noch etwas: die Hochzeit mit Luca de Aliprandini (35, It). «Bis zur Heirat heilt es wieder», sagte ihr langjähriger Servicemann Christian «Gämp» Gamper. Ein Spruch, klar. Gisin sagt heute dennoch: «Ich habe ihn schon sehr früh gebraucht.»
Die Kombinations-Olympiasiegerin von 2018 und 2022 wollte die geplante Hochzeit durchziehen. Der Termin stand: 20. Juni 2026. Malcesine am Gardasee. Bloss musste sie bis dahin wieder auf die Beine kommen. Sie schaffte es. «Sogar noch ein bisschen mehr», sagt Gisin und lächelt. Das Brautkleid musste angepasst werden, weil sie viel Muskelmasse verloren hatte. Doch das war nebensächlich. Heute sagt sie: «Die Hochzeit war absolut perfekt.»
Carbonara-Ravioli, Mille-feuille und viel Wasser
Zum ersten Mal erzählt Gisin ausführlich von diesem besonderen Tag. Ihre Augen glänzen sofort. «Luca und ich sind nicht in einen Kontrollwahn gekommen, sondern haben es einfach laufen lassen.» Vieles war organisiert, doch Raum für Spontanes blieb. «Viele Menschen haben uns geholfen. Dafür sind wir sehr dankbar.»
Der Tag sei wie ein Film abgelaufen. Sonnenschein, 33 Grad, mehr als 100 Gäste. Familie und Freunde. Dazu gutes Essen. «Wir hatten ein fantastisches Catering. Mein Highlight waren die selbstgemachten Carbonara-Ravioli. Und Mille-feuille zum Dessert, das war Lucas grosser Wunsch. Einfach himmlisch.»
Getrunken wurde weniger – zumindest Alkoholisches. «Es war so heiss, dass die meisten beim Wasser blieben.» Gefeiert wurde trotzdem. Gelacht, getanzt, bis tief in die Nacht.
Tränen? «Es war ein enges Battle»
Dann die Trauung. Der emotionale Höhepunkt einer Beziehung, die vor zwölf Jahren am anderen Ende der Welt begann. In Ushuaia (Arg) trafen sich Gisin und de Aliprandini während eines Ski-Camps der Schweizerinnen und Italiener auf ein Getränk. «Keiner von uns hätte damals gedacht, dass wir eines Tages heiraten würden.»
Nun standen sie am Gardasee und sagten Ja. Wer wurde emotionaler? Gisin lacht. «Das war ein enges Battle. Ich hätte nicht gedacht, dass es mich so nehmen würde.»
Für Gisin ist die Hochzeit auch deshalb besonders, weil die vergangenen sechs Monate das Paar noch enger zusammengeschweisst haben. Zwölf Tage lag sie nach dem Sturz im Spital. Danach holte Luca sie nach Hause. «Es war wunderschön, nach Hause zu kommen.»
In den ersten fünf Wochen war sie auf Hilfe angewiesen. Luca war für sie da. «Bei allem.» Auch für ihn sei der Unfall schwer gewesen. «Aber er hat uns noch einmal mehr zusammengeschweisst», sagt Gisin.
Zukunft als Rennfahrerin? Es bleibt ungewiss
Ob sie jemals wieder Rennen fahren wird, weiss sie noch nicht. Sie stand wieder auf den Ski, fuhr aber noch keine Tore. Sie hat keine Schmerzen. Ein Weltcuprennen ist trotzdem eine andere Geschichte. Vielleicht setzt sie den kommenden Winter aus. Vielleicht kehrt sie später zurück.
An diesem Tag am Gardasee spielte das keine Rolle. Nur einmal musste Gisin während der Feier eine Pause einlegen. «Zehn Minuten reichten.» Dann ging es weiter. Bis es wieder hell wurde.
Aus dem Hochzeits- wird ein Sommerkleid
Und das Brautkleid? Das hat Gisin verstaut. Für immer? Nicht unbedingt. «Mal schauen, vielleicht färbe ich es ein. Und ich lasse es kürzen. Dann hätte ich ein Sommerkleid und eine coole Erinnerung.»
Ein Kleid für einen neuen Abschnitt. Und eine Erinnerung an einen Tag, von dem sie lange nicht wusste, ob sie ihn so erleben würde.