Darum gehts
Blick: Alexander Ospelt, wie haben Sie den ersten Sturm Ihrer Amtszeit überstanden?
Alexander Ospelt: Sie meinen sicher die Diskussion um die Ski-Weltmeisterschaften. Gut, danke.
Ihr Plan ist, jedes Jahr eine WM durchzuführen. Ausser in Jahren mit Olympischen Winterspielen. Der ÖSV erklärte öffentlich, «dass ein solches Modell aus sportlicher und strategischer Sicht nicht sinnvoll ist». Hat Sie die Kritik überrascht?
Ein Stück weit schon, zumal der ÖSV selbst zunächst Interesse an einer Austragung gezeigt hat. Im Übrigen handelt es sich dabei ja um eine zusätzliche WM innerhalb von fünf Jahren. Der Council hat die Weiterverfolgung des Konzepts grundsätzlich unterstützt. Zur jährlichen WM ab 2032 gab es in diesem Gremium keine negative Rückmeldung. Wir bringen dies nun auf den Weg und werden dies mit allen Verbänden bei den Technical Meetings in Genf diskutieren. Aktuell sind wir auch am Prüfen, ob allenfalls eine Ausführung im Jahr 2028 möglich und sinnvoll wäre.
Sie trafen die österreichischen Ski-Bosse kürzlich zum klärenden Gespräch.
Das Gespräch war offen und konstruktiv. Wir haben die Bedenken des ÖSV aufgenommen und ihnen auch unsere Überlegungen und Hintergründe erläutert. Wir von der FIS sehen in dem Modell einen klaren Mehrwert: Athleten erhalten so mehr Chancen, sich als Weltmeister zu etablieren. Ein Weltmeistertitel wird für jeden Athleten immer etwas Besonderes bleiben. Zugleich könnten wir den Wintersport durch neue Austragungsorte, etwa in Japan oder China, weiterentwickeln. Von dieser angestrebten Breite im Skisport würden letztlich auch der ÖSV und Disziplinen wie die Nordische Kombination profitieren, da sie so eine höhere Plattform erhalten würden.
Sie haben vor Ihrer Wahl im Blick-Interview gesagt, dass es unter Ihnen niemals eine Abfahrt in China geben würde.
Im Rahmen des Weltcups, ja. Für mich stehen die Athletinnen und Athleten im Vordergrund. Sie bekommen zusätzliche Chancen, Weltmeister zu werden. Das bedeutet mehr Wert und auch mehr Geld. Regionen und Länder können sich der Welt präsentieren und damit beste Werbung in eigener Sache machen. So können wir auch neue Märkte erschliessen.
Alexander Ospelt wurde am 11. Juni 2026 am FIS-Kongress in Belgrad mit 65 zu 64 Stimmen zum neuen FIS-Präsidenten gewählt. Der 58-jährige Rechtsanwalt aus Liechtenstein beerbte den umstrittenen britisch-schwedischen Milliardären Johan Eliasch. Sportlich war Ospelt nie Spitzenathlet. Er arbeitete als Skilehrer und Klubtrainer, spricht offen von «zu wenig Talent» für eine grosse Karriere. Acht Jahre lang führte er den Liechtensteiner Skiverband als Präsident.
Alexander Ospelt wurde am 11. Juni 2026 am FIS-Kongress in Belgrad mit 65 zu 64 Stimmen zum neuen FIS-Präsidenten gewählt. Der 58-jährige Rechtsanwalt aus Liechtenstein beerbte den umstrittenen britisch-schwedischen Milliardären Johan Eliasch. Sportlich war Ospelt nie Spitzenathlet. Er arbeitete als Skilehrer und Klubtrainer, spricht offen von «zu wenig Talent» für eine grosse Karriere. Acht Jahre lang führte er den Liechtensteiner Skiverband als Präsident.
Sind Marco Odermatt und Mikaela Shiffrin dafür?
Ich habe nicht persönlich mit ihnen gesprochen. Aber sie wissen von den Plänen, wie wohl alle anderen auch. Kritik habe ich von den Athletenvertretern bisher keine gehört.
Sie sind seit 100 Tagen FIS-Präsident. Wie hat die Wahl Ihr Leben verändert?
Die Zahl der Kontakte und Anfragen ist massiv gestiegen. Ich habe sehr viele Gratulationsschreiben erhalten, und dafür möchte ich mich auch auf diesem Wege bedanken. Ich sehe mich hier aber auch in der Pflicht, die damit in mich gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Ich musste auch feststellen, dass dieses Amt sehr politisch ist. Politiker aus verschiedenen Ländern fragen nach Treffen und einem Meinungsaustausch. Und auch dies bedarf einer Einarbeitung und Vorbereitung.
Haben Sie noch Freizeit?
Ja. Aber man ist 24/7 auf Pikett. Das heisst nicht, dass man ständig arbeitet. Man muss aber jederzeit bereit sein, eine Entscheidung zu treffen, eine Antwort zu geben oder zur Verfügung zu stehen. Freizeit und Erholung bleiben trotzdem wichtig.
Wie schaffen Sie das?
Ich bin zum Glück ein Frühaufsteher. Heute war ich beispielsweise von 5.30 bis 6.30 Uhr im Fitnessraum. Diese vier bis sechs Stunden Sport in der Woche nehme ich mir in der Regel.
Normalerweise wird ein neuer Verbandspräsident von seinem Vorgänger eingearbeitet. Das war bei Ihnen und Eliasch offenbar anders.
Das stimmt. Ich habe mich deshalb schnell darauf konzentriert, mein Wahlprogramm umzusetzen und mit dem Personal am FIS-Hauptsitz in Oberhofen am Thunersee zu sprechen. Die 143 Mitarbeitenden sind sehr engagiert. Ich will eine Kultur schaffen, in der wir uns austauschen, voneinander lernen und gemeinsam die richtigen Entscheidungen treffen.
Haben die Mitarbeitenden in Oberhofen, dem FIS-Sitz, überrascht reagiert, dass der neue Präsident tatsächlich vor Ort ist?
Ja, tatsächlich ging das in diese Richtung.
Sie haben nach der Wahl gesagt, die FIS sei gespalten. Ist es Ihnen gelungen, sie wieder zusammenzuführen?
«Zusammenführen» ist vielleicht noch nicht das richtige Wort. Wir nehmen die Anliegen der nationalen Verbände ernst und sorgen dafür, dass sie gehört und umgesetzt werden. Für das Technical Meeting Ende September in Genf haben wir deshalb viel vorbereitet.
Was ist konkret geplant?
Wir führen einen Gipfel ein, bei dem alle nationalen Verbände eingeladen sind. Ich werde informieren, aber auch Themen aufnehmen, die mir zugetragen wurden. Zudem ersetzen wir das President’s Gala Dinner durch eine «FIS Family Reception». Dort soll es fachliche Vorträge und vor allem Raum für Meinungsaustausch geben.
Urs Lehmann wollte 2021 auch FIS-Präsident werden. Das gelang nicht. Im September 2025 wurde er FIS-CEO, im Juni 2026 trat er zurück. Nur eine Woche nach Ihrer Wahl holten Sie ihn zur FIS zurück. Warum?
Urs hat einen super Job gemacht und geniesst international einen sehr guten Ruf. Seine Rückkehr war kein einseitiges Angebot. Wir haben diesen Weg gemeinsam entwickelt.
Lehmann wäre gerne als CEO zurückgekehrt. Nun ist er Generalsekretär ad interim bis März 2027. Weshalb?
Ich war immer der Meinung, dass seine Funktion statutarisch als Generalsekretär und nicht als CEO ausgestaltet sein sollte.
Warum die befristete Anstellung?
Wir prüfen, ob ein Generalsekretär oder ein CEO die richtige Position ist, um das Management und den Staff zu führen. Wenn die Revision zum Schluss kommt, dass ein CEO sinnvoller ist, wird diese Stelle ausgeschrieben. Wenn der Generalsekretär die richtige Lösung ist, bleibt es bei dieser Struktur.
Kommen wir zu den Finanzen. Die FIS hat ein strukturelles Defizit von 5,7 Millionen Franken. Das Vermögen ist innerhalb von fünf Jahren von 130 auf 43 Millionen Franken gesunken. Ist der Absturz gestoppt?
Wir sind auf dem Weg dazu. Im President’s Office hatte Eliasch zehn Mitarbeitende an seiner Seite. Das haben wir massiv auf drei Stellen abgebaut. Zudem hat Urs die Aufgaben von Michel Vion übernommen und die CEO-Stelle wurde ebenfalls abgeschafft. Wir prüfen jetzt weiter, wo wir Personalkosten reduzieren können. Gleichzeitig führen wir Gespräche, um unsere Einnahmen zu erhöhen. Ich bin zuversichtlich, dass wir spätestens nächstes Jahr den Turnaround schaffen.
Stehen bereits grosse Sponsoren Schlange?
«Schlange stehen» wäre übertrieben. (Lacht.) Aber wir sind auf einem guten Weg. Ich glaube, die FIS wird jetzt wieder anders wahrgenommen. Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass wir gute Partnerschaften eingehen können.
Bekommen Sie von Sponsoren tatsächlich das Signal: Ohne Eliasch können wir uns eine Zusammenarbeit wieder vorstellen?
Genau dieses Signal bekommen wir.
Wie sieht es mit dem Preisgeld im Weltcup aus? Im letzten Winter wurden im alpinen Skiweltcup gut 13 Millionen Franken ausgeschüttet. Allein bei den US Open im Tennis waren es in diesem Jahr 87 Millionen – und das in zwei Wochen.
Man kann nicht einfach sagen, dass wir eine bestimmte Summe erhöhen. Wir müssen zuerst die Qualität rund um die Rennen verbessern. Das bedeutet mehr Zuschauer, bessere Hospitality und attraktivere Veranstaltungen. Dadurch können wir zusätzliche Sponsorengelder generieren und mehr Geld an die Athleten ausschütten.
Kitzbühel gilt als Krösus.
Ja. Aber nicht jeder Veranstalter muss Kitzbühel werden. Es geht darum, die Veranstaltungen für Sponsoren und Partner attraktiver zu machen. Wenn beispielsweise ein Unternehmen 20 Kunden zu einem Rennen einlädt, muss es ihnen dort ein entsprechendes Erlebnis bieten können.
Auch beim Saisonstart gibt es Kritik. Sölden, drei Wochen Pause, dann Levi und Gurgl. Ist das sinnvoll?
Genau solche Fragen werden derzeit diskutiert. Aber wir können das nicht einfach am Reissbrett planen. Die Organisatoren sind enorm wichtig. Wenn Levi nur an einem bestimmten Wochenende organisieren kann, müssen wir das berücksichtigen. Wir müssen Athleten, nationale Verbände und Organisatoren einbinden.
Ein grosses Thema bleibt die Sicherheit. Was wollen Sie verändern?
Wir holen die Athlete Health Unit näher an den Council. Sie hatte bisher nie die Möglichkeit, dort zu präsentieren. Das wird sie in Genf tun.
Es gibt Kritik an den aktuellen Helmstandards im alpinen Skisport.
Das sehen wir genau gleich. Wenn Experten feststellen, dass die Standards nicht ausreichen, werden wir handeln. Wir orientieren uns an den Empfehlungen der AHU und arbeiten an einer Weiterentwicklung des Standards. Sicherheit ist nicht verhandelbar.
Sicherheit betrifft aber nicht nur Helm, Rückenprotektor und Airbag. Auch die Pisten spielen eine Rolle.
Absolut. Viele Verletzungen passieren im Training. Deshalb müssen wir dort stärker beaufsichtigen. Wir arbeiten an den bestehenden Homologationen und den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen auch für das Training.
Also eine Art Abnahme?
Trainingspisten müssen schon heute durch eine periodische Abnahme. Wir arbeiten aber daran, die Trainingspisten noch sicherer zu machen.
Russland und Belarus dürfen unter dem AIN-Status wieder starten. Der Krieg dauert aber an. Warum hat die FIS ihre Haltung geändert?
Die Athleten starten weiterhin unter einem AIN-Status als neutrale Athleten. Wir haben aber unser System vereinfacht. Das bisherige System hat enorm viel Zeit und finanzielle Ressourcen gebunden. Zudem landeten wir in vielen Fällen vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS.
Was bleibt gleich?
Ein Athlet darf keine Propaganda betreiben und den AIN-Status nicht missbrauchen. Tut er das trotzdem, sperren wir ihn sofort. Es geht also nicht darum, dass alle einfach zurückkommen. Die Athleten müssen neutral bleiben.
Beim Doping besteht allerdings die Gefahr, dass Athleten während ihrer Sperre profitieren und später zurückkehren.
Diesem Aspekt messen wir grosses Augenmerk bei. Die Athleten wurden regelmässig getestet. Aber ich habe Vertrauen in die Wada. Wenn diese Athleten zurückkommen, werden sie häufiger getestet als andere. Wir haben ein rigoroses System und achten besonders darauf.
Die nordischen Verbände sind mit der Rückkehr russischer Athleten nicht einverstanden.
Das ist kein Geheimnis. Natürlich gibt es diese Diskussion. Wir haben versucht, einen Weg zu finden, der gewährleistet, dass ein Athlet neutral bleibt, seinen AIN- Status nicht missbraucht und keine Propaganda betreibt.
Netflix ist ebenfalls ein Thema. Wie konkret?
Wir sind in Gesprächen. Was daraus entsteht, kann ich noch nicht sagen. Es könnte um einzelne Athleten gehen – oder um eine FIS-Dokumentarserie. Netflix ist auf jeden Fall ein Thema.
Die Serie «Drive to Survive» der Formel 1 ist Vorbild?
Sicher. Wir wollen die Athleten näher zum Zuschauer bringen. Die Superstars stehen dabei im Mittelpunkt.
Was wird künftig im Ski-Weltcup anders sein?
Die Formate werden sich verändern. Der Kern bleibt, aber wir wollen flexibler werden. Junge Athleten sollen beispielsweise schneller in den Weltcup kommen. Auch Local Heroes sollen leichter starten können. Wenn ein ungarischer Athlet in Wengen fährt, kann das für den ungarischen Markt enorm wichtig sein. Das gilt auch für Liechtenstein.
Mit Marco Pfiffner ist der letzte liechtensteinische alpine Skifahrer zurückgetreten. Damit gibt es keinen Liechtensteiner mehr im Männer-Weltcup. Tut Ihnen das weh?
Ja, unglaublich. Das ist sehr bedauerlich. Liechtenstein hat eine lange Tradition im Skirennsport. Hoffentlich ändert sich das bald wieder.