«Nicht, was ich mir erhofft habe»
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Vonn vor Olympia:«Nicht, was ich mir erhofft habe»

Teilprothese rechts, Kreuzbandriss links: Knie-Spezialist rät Vonn von Olympia-Start ab
«Das kann dramatisch enden»

Trotz Kreuzbandriss und einer Titan-Teilprothese will Lindsey Vonn (41) am Sonntag in Cortina starten. «Ich gebe die Hoffnung nicht auf», sagt sie. Doch Experten warnen: Ein Rennen könnte ihr Knie dauerhaft schädigen.
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Der erste grosse Auftritt: Lindsey Vonn betritt vor 100 Journalisten den Pressekonferenzraum in Cortina. Viele müssen draussen bleiben – haben keinen Platz.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Lindsey Vonn will trotz Kreuzbandriss am 8. Februar in Cortina starten
  • Ärzte warnen vor Folgeschäden, Janka unterstützt ihren risikoreichen Olympiatraum
  • Vonn kennt die Strecke gut, gewann dort bereits 13 Mal
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Mathias GermannReporter Sport

Hollywood ist in Cortina. Show, Spannung, Drama. Lindsey Vonn (41) betritt am Dienstagabend den viel zu kleinen Pressekonferenzraum. Locker und lässig, leicht geschminkt, mit einem Lächeln auf den Lippen. Dabei sind ihre Nachrichten alles andere als gut. «Ich habe mir bei meinem Sturz in Crans-Montana das Kreuzband gerissen», sagt sie. Heisst: Der Traum von Olympia-Gold, ihr letztes grosses Ziel, ist geplatzt. Doch Vonn will nichts davon wissen. «Ich will am Sonntag bei der Abfahrt starten», sagt sie. 

Ans Aufgeben denkt Vonn nicht. Trotz 41 Jahren, einer Titan-Teilprothese im rechten und einem gerissenen Kreuzband im linken Knie. «Meine Chancen sind nicht mehr die gleichen wie vor dem Unfall. Aber es gibt immer noch eine Chance. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Es ist noch nicht vorbei», sagt sie. Bewunderung für ihren unbändigen Willen. Aber: Ist es wirklich eine gute Idee, neun Tage nach einem Kreuzbandriss ein Rennen zu bestreiten? Ein Training wird Vonn auch noch machen müssen.

Artur Trost hat dazu eine klare Meinung: «Kein vernünftiger Arzt wird Vonn das jemals empfehlen.» Trost ist einer der anerkanntesten Fachärzte für Unfall- und Kniechirurgie und Sporttraumatologie. Er hat das Bein von Österreich-Star Hermann Maier (53) gerettet, als dieser mit dem Motorrad schwer verunfallte.

Danach feierte der «Herminator» grosse Siege, wurde unter anderem Weltmeister – obwohl das keiner für möglich gehalten hätte. Trost erklärt: «Eine gesunde Muskulatur kann ein gerissenes Kreuzband kurzfristig kompensieren. Aber ratsam ist ein Start aus medizinischer Sicht keinesfalls, denn das kann dramatisch enden.»

Auch ohne Sturz riskiert Vonn einen Knorpelschaden

Nun könnte man meinen: Vonn hat sowieso schon das Kreuzband gerissen – wieso sollte sie nicht wenigstens versuchen, ihr Comeback-Märchen zu vollenden? So einfach ist es nicht. «Während der Fahrt stabilisieren die angespannten Muskeln das Knie. Aber sollte Vonn stürzen, setzt dieser Mechanismus aus. Dann fehlt dieser Schutz.»

Es drohen schlimme Folgeschäden. «Von Bandverletzungen bis zu Schienbeinkopfbrüchen», so Trost. Auch der Knorpel im Knie sei gefährdet – sogar dann, wenn sie nicht stürzt. «Bereits durch die ständige Belastung durch Schläge, Sprünge und Kurven kann er auf Dauer geschädigt werden.»

Janka: «Ich würde es auch versuchen»

Es gab immer wieder Athleten, die ohne rekonstruiertes Kreuzband fuhren. Und das teilweise sehr gut. Andreas Sander (36, De), Brigitte Obermoser (49, Ö), Daniel Hemetsberger (34, Ö). Aktuell die Bernerin Joana Hählen (34), sie sogar rechts und links.

Und natürlich Carlo Janka (39). Der «Iceman» sagt: «Als ich die Nachricht von Lindseys Plan gehört habe, dachte ich: schwierig.» Janka drückt Vonn die Daumen, dass alles klappt. «Nach meinem Kreuzbandriss im Oktober 2017 wäre es unmöglich gewesen, bereits eine Woche später wieder zu fahren. Aber Olympia ist der letzte Schuss ihrer Karriere. Sie hat offenbar keine Schmerzen und keine Schwellung. Ich würde es in ihrem Fall auch versuchen.»

Was, wenn das Licht flach ist und es schlägt?

Vonn hatte wohl Glück im Unglück – ein glatter Riss und keine starke Blutung im Knie. Das vermutet Trost. «Es ist ein gutes Zeichen, wenn ihr nichts wehtut.» Fakt ist: In Cortina fühlt sich Vonn pudelwohl. Hier gewann sie schon 13-mal, die Olimpia delle Tofane ist ihr Wohnzimmer. «Ich kenne die Strecke auswendig. Das gibt mir Selbstvertrauen», sagt sie.

Trost kontert: «Aber was, wenn die Sicht flach ist? Es plötzlich schlägt? Sie eine Kurve oder einen Sprung falsch einschätzt? Es ist ihre Entscheidung, und diese gilt es zu respektieren. Aber als Arzt würde ich ihr dringend davon abraten, zu fahren.»

Das letzte Wort gehört Janka. «Ich traue Lindsey weiterhin alles zu. Und mit dieser Geschichte wird die Frauen-Abfahrt zu einem echten Highlight. Ich wünsche ihr alles Gute und hoffe, dass ihr Gold-Traum wahr wird.»

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