Wer wird zum Olympia-Superstar?
Fritz Strobl: Es ist absolut gewaltig, was Marco Odermatt auch in diesem Winter geleistet hat. Aber bei Olympischen Spielen ist es ja schon oft so vorgekommen, dass nicht der Top-Favorit zum Superstar avanciert ist. Erinnern wir uns an Peking 2022, als viele von Mikaela Shiffrin erwartet haben, dass sie drei, vielleicht sogar vier Medaillen gewinnt. Letztendlich ist sie ohne Edelmetall aus China abgereist. Deshalb entscheide ich mich für die zweitheisseste Schweizer Aktie, für Franjo von Allmen. Mir gefällt seine jugendliche Frische so gut. Der wird in Bormio in der Abfahrt, dem Super-G und in der Teamkombination zuschlagen.
Marc Berthod: Eigentlich hätte ich auf Lindsey Vonn getippt. Aber nach dem Verletzungs-Update um ihren Kreuzbandriss wird das ein schwieriges Unterfangen. Nun kommt meine zweite Wahl zum Zug: Emma Aicher. Sie wird fünf Mal am Start stehen. Ich traue ihr in der Abfahrt, im Super-G und in der Team-Kombi eine Medaille zu. Und auch beim Slalom schätze ich sie stark ein. Letztlich tippe ich auf drei Medaillen – Aicher wird mit 22 Jahren zum Olympia-Superstar.
Welche Favoriten gehen leer aus?
Strobl: Giovanni Franzoni. In Wengen und Kitzbühel konnte der Italiener unbeschwert angreifen, weil von ihm kaum jemand etwas erwartet hat. Doch durch den Super-G-Triumph am Lauberhorn und den Abfahrtssieg auf der Streif hat sich das geändert. Bei den Olympischen Spielen zu Hause in Italien wird auf Franzoni ein gigantischer Druck lasten. Zudem hatte er zuletzt in Crans-Montana im Abfahrtstraining riesiges Glück, dass er nicht schwer gestürzt ist. Der gigantische Druck, gepaart mit der Erinnerung an diesen Schockmoment könnten dazu führen, dass diesem jungen, extrem talentierten Burschen beim Saisonhöhepunkt die nötige Lockerheit fehlt.
Berthod: Sofia Goggia ist für mich noch nicht jene Fahrerin, die ich von früher kenne. Sie strahlt nicht das Selbstbewusstsein wie sonst aus. Sie investierte in der Vorbereitung viel in den Riesenslalom – das hat sich nicht ausgezahlt. Und sie spürt den Druck von Vonn. Sie sind zwar Freundinnen, aber das macht es umso härter, wenn du teilweise über eine Sekunde verlierst.
Wie viele Medaillen holt die Schweiz?
Strobl: Eure Burschen holen mindestens sechs Stück.
Berthod: Bei den Frauen tippe ich zweimal auf Camille Rast. Allerdings traue ich Wendy Holdener in der Team-Kombi auch eine Medaille zu. Insgesamt also drei.
Wer holt sensationell Gold?
Strobl: Der Tanguy Nef erinnert mich ein bisschen an den ganz jungen Fritz Strobl. Er hat genau wie ich damals immer wieder extrem schnelle Abschnittszeiten, bisher konnte er es aber noch nie bis ins Ziel voll durchziehen. Ich musste 25 Jahre alt werden, bis ich meine schnellen Abschnittszeiten erstmals zu einem Sieg zusammensetzen konnte. Und ich habe das Gefühl, dass Tanguy genau das mit 29 Jahren in Bormio schafft und Olympiasieger im Slalom wird.
Berthod: Ich tippe auf Federica Brignone. Sie zeigte am Kronplatz ein sensationelles Comeback, wurde Sechste. Und auf der Tofana in Cortina hat sie zuletzt regelmässig trainiert. Niemand erwartet etwas von «Fede», das ist ein Vorteil. Sie hat keinen Druck von Aussen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie plötzlich eine Goldmedaille um den Hals tragen wird.
Auf welches Rennen freuen Sie sich am meisten?
Strobl: Natürlich auf die Abfahrt. Ich kann immer noch genau nachfühlen, wie sich die Olympia-Woche für einen Abfahrer entwickelt, wie er sich am Start fühlt. Und wenn eine Olympia-Abfahrt wie in diesem Fall in Bormio auf einer der schwierigsten Weltcup-Strecken ausgetragen wird, ist das ganz grosse Spektakel vorprogrammiert.
Berthod: Mikaela Shiffrin gegen Camille Rast – auf dieses Duell im Slalom bin ich besonders gespannt. Ich erinnere mich gern an Kranjska Gora, wo die beiden sich auf der Piste Saures gegeben haben. Das war grossartig. Shiffrin bleibt für mich Favoritin, aber Camille kann sie definitiv aus der Reserve locken.
Wenn sie einen verrückten Wunsch hätten, welcher wäre es?
Strobl: Dass meine Österreicher mehr Alpin-Medaillen machen als die Schweizer. Das ist eine ziemlich verrückte Vorstellung.
Berthod: Dass ein Schweizer einen Österreicher überholt (lacht)! In Albertville 1992 gab es solche Momente bei den hinteren Nummern, da vergesse ich das Lachen von SRF-Kommentator Hans Jucker nie. Generell mag ich Emotionen, Freude, Frust, überraschende Momente. Wenn Lucas Pinheiro Braathen seinen guten Freund Atle Lie McGrath auf dem Podest küssen würde, wäre das auch cool.
Auf welche andere Sportart freuen Sie sich am meisten?
Strobl: Auf Bob. Österreichs Zweierbob-Pilotin Kati Beierl kommt wie ich von der Polizei-Spitzensportgruppe, mit ihr verstehe ich mich richtig gut. Und wenn ich früher mit meinen Rennfahrerkollegen in der ÖSV-Teambekleidung in den USA unterwegs war, hatten wir einen Running Gag. Wenn wir von den Amis gefragt wurden, was wir bei ihnen machen, haben wir immer geantwortet: «We are from the Austrian Bobsleigh-Team». Die Skirennfahrer hat in den USA kein Mensch gekannt, aber als Bobfahrer sind wir in den Staaten immer ganz gut durchgekommen.
Berthod: Auf das Eishockey-Turnier. Die NHL-Spieler sind alle dabei. Wahnsinn, was für ein Team Kanada hat. Ich mag auch Freestyle-Sportarten. Und wer weiss, vielleicht entdecke ich das Eiskunstlaufen – meine Tochter macht das sehr gerne.
Welche ist ihre verrückteste Olympia-Erinnerung?
Strobl: Ganz klar Nagano 1998. Am Renntag in der Abfahrt war ein entscheidendes Tor plötzlich anders gesteckt als im Training und mein Teamkollege Hermann Maier ist fürchterlich abgeflogen. Was sich danach in unserem Teamhotel abgespielt hat, war wirklich völlig verrückt. Es hat zwei Ärzte gegeben, die den Hermann untersucht haben. Der eine hat gesagt, dass er im Super-G unmöglich starten könne, der andere hat genau das Gegenteil behauptet. Letztendlich musste einer von unseren Trainern dazwischen gehen, damit sich die Ärzte nicht in die Haare geraten konnten. Das Ende dieser Geschichte dürfte den meisten bekannt sein: Hermann Maier hat in Nagano im Super-G und im Riesenslalom gewonnen.
Berthod: Vancouver 2010. Wir fuhren in Whistler, nach dem letzten Rennen fuhren wir in die Stadt, wollten etwas feiern. Aber sie war leer. Wir verstanden die Welt nicht mehr. Dann eine Bar, alle schauten Eishockey – jetzt verstanden wir. Als Sidney Crosby in der Verlängerung traf, explodierte die Stadt. Die Fussgängerzone war voll, wie bei einer Demo. Eine riesige Euphorie, ich liess mich von ihr mitreissen. Es war feuchtfröhlich.
Haben Sie viel Bier getrunken?
Berthod: In Vancouver? Irgendwann nicht mehr (lacht)!
Strobl: Bei meiner ersten Olympia-Teilnahme in Japan hat es kein Bier gegeben, das meinen Geschmack getroffen hat. Meinen Olympiasieg 2002 habe ich im Mormonenstaat Utah herausgefahren, wo es gar keinen Alkohol gegeben hat. Da mussten wir illegale Garagen-Partys feiern, wo es dann doch das eine oder andere Bier gegeben hat. 2006 in Turin habe ich ausreichend Frustbier konsumiert, weil ich keine Medaille gewinnen konnte und mein Kumpel Michael Walchhofer in der Abfahrt mit der Startnummer 30 vom Franzosen Antoine Deneriaz vom Gold- auf den Silberplatz verdrängt wurde.