Darum gehts
- Lara Gut-Behrami: Rückkehr auf die Rennpiste ungewiss, Ski-Schweiz gespannt
- Marie-Theres Nadig sieht Parallelen zwischen sich und Gut-Behrami
- «Lara polarisiert viel mehr als Odermatt»
Kehrt Lara Gut-Behrami (34) noch einmal auf die Rennpiste zurück? Die Frage bewegt die Ski-Schweiz. Auf eine Antwort muss man aber noch lange warten. Sie sagt: «Ich liebe das Skifahren. Aber klar: Die Gesundheit geht vor. Wenn ich wieder fit bin, weiss ich wirklich, wie es weiter gehen wird. Ob ich noch Rennen fahre, weiss ich erst nächstes Jahr.»
Für Marie-Therese Nadig (72) ist das die richtige Haltung. «Es wäre blöd, wenn sie sich jetzt schon festlegen würde. Eines Tages wird Lara wieder auf den Ski stehen. Und spüren, ob das Knie noch hält. Und ob sie das überhaupt nochmals will.»
Zweifel sind angebracht, ob Gut-Behrami nochmals ins grosse Ski-Scheinwerferlicht zurückkehren wird – Heim-WM 2027 hin oder her. Nadig erklärt: «Je älter du wirst, desto mehr Gedanken hast du. Man ist reifer. Einigen Fahrerinnen ist eine schlimme Verletzung egal. Sie kommen zurück und riskieren gleich wieder. So wie Sofia Goggia. Ich lasse mich gerne täuschen, aber ich glaube nicht, dass Lara so tickt.»
«Sie hatte ihren Vater, ich war allein»
Nadig, die alle nur «Maite» nennen, hat einige Parallelen mit Gut-Behrami. Zwar stammen sie aus verschiedenen Epochen, genial auf den Ski waren sie jedoch beide. Nicht nur das. «Wir haben einen Grind und machen, was wir für gut halten», schmunzelt sie.
Die Ostschweizerin sah sich in den letzten 17 Jahren, in denen sie den Ski-Zirkus verfolgte, in Gut-Behrami widerspiegelt. «Lara lässt nicht alles mit sich machen. Gegenüber mir hatte sie allerdings den Vorteil, dass sie ihren Vater immer dabei hatte. Ich dagegen war allein.»
Nadigs Geschichte ist bekannt. Mit 17 wurde die Flumserin in Sapporo (Japan) völlig überraschend Doppel-Olympiasiegerin. Sie gewann die Abfahrt und den Riesenslalom. «Ich war erstmals so weit von daheim weg. Wir wohnten in riesigen Blöcken – hinter Stacheldraht, wie im Gefängnis. Männlein und Weiblein strikt getrennt.»
Als einer der wenigen Journalisten sie fragte, wie der Schnee sei, antwortete sie: weiss. «Ich wusste nicht, was ich damit in der Schweiz auslöse», erzählt Nadig. Bei ihrer Ankunft in Zürich war Nadig völlig übermüdet. Jemand bot ihr ein Kaugummi an – sie nahm dankend an. Bundesrat Rudolf Gnägi hielt eine Rede, Nadig kätschte daneben. Die Kritik – heute würde man von Shitstorm reden – war gewaltig. Nadig wurde über Nacht zum Star und wusste nicht, wie ihr geschah.
Social-Media-Verzicht? «Ziehe den Hut»
Gut-Behrami gewann mit 17 zwar nicht Olympiagold wie Nadig – das kam später, 2022 in Peking (China). Aber sie wurde ebenfalls innert Kürze zum Star. Mit 16 der erste Weltcup-Podestplatz in St. Moritz GR, mit 17 der erste Sieg. Sie war in aller Munde, im Gegensatz zu Nadig aber sofort der Ski-Schatz schlechthin. Kein Wunder: Gut-Behrami, damals noch unter dem Ledignamen Gut startend, war anders. Sie lachte viel, strahlte, war kommunikativ.
Das änderte sich nach und nach – die Beziehung zum Verband, Journalisten und Sponsoren erlitt Risse. Gut-Behrami fühlte sich im Stich gelassen und kapselte sich ab. «Auch ich wollte nie das Schätzli der Nation sein. Ich wollte bleiben, wie ich bin», sagt Nadig. Besonders hoch rechnet sie Gut-Behrami an, dass sie nach ihrer Heirat 2018 ihre Social-Media-Kanäle löschte. «Da ziehe ich den Hut. Denn das war damals und ist auch heute nicht so einfach. Du hast den Druck, auch von den Sponsoren. Das zeugt von Charakter.»
Ein Privatteam wie jenes von Gut-Behrami hätte Nadig allerdings nie gewollt. «Wenn andere gut waren, konnte ich mich an ihnen orientieren. Ich brauchte diesen Konkurrenzkampf, er half mir. Und ich mochte den Kontakt zu meinen Teamkolleginnen.»
«Das ist bei Lara anders als bei Odi»
Gut-Behrami polarisierte schon immer – so wie auch Nadig. «Man wird gehasst oder geliebt. Lara ist eine Persönlichkeit, die sagt, was sie denkt.» Auch Marco Odermatt (28) bewundert Nadig sehr. Einen grossen Unterschied zwischen den zwei grossen Schweizer Ski-Stars sieht sie im Verhalten neben der Piste. «Odi lebt sein Temperament sehr gut im Rennen aus. Wenn er nicht im Rennmodus ist, ist er der Kollege, den jeder in die Ferien mitnehmen würde. Das ist bei Lara anders – sie polarisiert viel mehr.»
Nadig hat sich in ihrer Karriere, die sie schon mit 25 beendete, nie das Kreuzband gerissen. Sie ist weit davon entfernt, Gut-Behrami einen Ratschlag zu geben. «Man kann nicht sagen: Ich würde zurücktreten! Oder: Ich würde weiterfahren! Lara selbst muss das wissen.»
Die Lücke, welche Gut-Behrami für mindestens einen Winter hinterlässt, ist gross – auf und neben der Piste. Nadig malt aber nicht schwarz: «Das kann auch eine Chance für die anderen sein. Jene, die ihnen oft vor der Sonne stand, ist weg. Ich bin gespannt, wie sie damit umgehen.»