Darum gehts
- Camille Rast holt Silber im Slalom bei Olympia in Cortina
- Sie bewältigt den Druck und zeigt mentale Stärke trotz Kritik
- 23 Hundertstel Rückstand zu Gold, feiert mit berühmtem Freudensprung
Cool, cooler, Camille Rast. Die 26-Jährige bewahrt das Schweizer Frauen-Team vor der Olympia-Schmach. Im letzten Rennen von Cortina holt sie Silber. Wie? Auch dank ihren berühmt-berüchtigten Nerven aus Stahl.
Doch der Reihe nach. Zur Halbzeit liegt Rast auf Rang vier. Vier Hundertstel fehlen zu Bronze, 23 zu Silber. «Ich sah ein Plakat von Freunden. Darauf stand: ‹Rast fast›. Also schnelle Rast. Da musste ich fast Gas geben», sagt sie und schmunzelt. Genau das tut sie. Rast zündet den Turbo, fährt angriffig, aber feiner als am Vormittag. Grün, Bestzeit. Noch ist ihre Medaille nicht fix. Eine Fahrerin muss noch ausscheiden oder hinter sie zurückfallen – nur dann gibts Edelmetall.
Und siehe da: Bereits Cornelia Öhlund (20), das schwedische Ski-Küken, fällt hinter Rast zurück. Mindestens Bronze. Es folgt Lena Dürr, 14 Jahre älter als Öhlund, nervlich aber ebenso labil. Die Deutsche fädelt beim ersten Tor ein. Rast hat Silber auf sicher. Gibts sogar Gold? Nein. Mikaela Shiffrin (30, USA), die Beste der Geschichte, bleibt kühl. Der US-Star vertreibt seine Dämonen – bei acht Olympiarennen war sie leer ausgegangen – und siegt souverän.
«Öl, Schrauben, Werkzeug – ich habe es geliebt»
Rast jubelt trotzdem. Bei der Medaillenübergabe zeigt sie ihren berühmten Freudensprung. Wie bei der WM vor einem Jahr in Saalbach (Ö). Damals führte sie nach dem ersten Lauf und holte Gold. Und nun beweist sie erneut ihre mentale Stärke.
Das kommt auch aus der Kindheit, sagt ihr Trainer Denis Wicki. «Camilles Vater Philippe fuhr Motocross-Rennen. Dort gehört die Show dazu: Motor aufheulen lassen, Publikum packen. Camille tickt ähnlich. Sie ist hochprofessionell, weiss aber: Ein Skirennen ist auch Unterhaltung. Und die liefert sie.»
Als Kind fuhr Rast selbst Motocross, auf einer Mini-Maschine. «Das Öl, die Schrauben, das Werkzeug – ich habe es geliebt. Mein Vater hat mich auch aufs Podest mitgenommen. Vielleicht habe ich von dort meine Lust auf Adrenalin. Sicher ist, dass meine Lust auf Wettkämpfe früh geweckt wurde», erinnert sie sich. Die Affinität ist geblieben. Rast ist Fan von Moto-GP-Weltmeister Pecco Bagnaia (29, It) und besuchte in Jerez (Sp) den Ducati-Rennstall. «Ich kann von jeder Sportart etwas lernen», sagt sie.
Rast übte Kritik und steckte Kritik ein
Nachtrennen, WM, Olympia – je grösser die Bühne, desto besser für Rast. «Camille fürchtet nicht, dass etwas schiefgeht», sagt Wicki. «Unter Druck ruft sie 100 Prozent ab. Andere nur 97. Das ist der Unterschied.»
Einer, der ähnlich tickte, war Alberto Tomba (59, It). Er war Ski-Star, Lebemann, Frauenheld. Sein Motto: «Es heisst Olympische Spiele. Also lasst uns spielen!» Auch Rast wollte dies in Cortina tun. Dann aber vermieste die Team-Kombi letzte Woche ihre Laune. Rast lederte: «Dieser Hang ist nicht olympiawürdig. Er ist kurz und flach, wie bei einem Juniorenrennen.»
Nach dem Riesenslalom – sie blieb erneut ohne Medaille – setzte Rast noch einen drauf. «Ich bin froh, wenn Olympia vorbei ist», sagte sie.
Die Kritik folgte prompt. Falsche Einstellung, hiess es. Rast kontert mit der Silbermedaille um den Hals: «Der Hang ist immer noch flach und kurz. Das war keine Klage, sondern Fakt.» Sie habe aber gespürt, dass der Druck wuchs. «Auch weil wir Frauen noch keine Medaille hatten. Ich musste zeigen, dass ich damit umgehen kann.»
Ihr Trainer verlor seinen Sohn – und hört nun auf
Jetzt hat Rast Silber. Ausflippen wird sie nicht. Für sie zählen WM, Olympia und Weltcup gleich viel. «Für meine Karriere ist es gut, dass ich schon eine olympische Medaille habe.»
Bald steht ein Abschied an. Wicki hört als Trainer auf. Das war seit einem Jahr geplant. Er ist im Pensionsalter und versprach seiner Familie mehr Zeit. Im Mai 2024 verunglückte sein jüngster Sohn Antoine am Breithorn. Er war in der Ausbildung zum Bergführer. «Wir wissen nicht genau, was passiert ist», so Wicki.
Rasts Ski-Mentor hört also auf. Sie sagt: «Das ist ein Abschiedsgeschenk für Denis. Wir verstehen uns blind. Ich verdanke ihm viel und werde ihn vermissen – als Trainer und als Mensch.»
Und jetzt? Rast feiert. In Cortina, vor allem daheim in Vétroz VS. Das nächste Weltcuprennen folgt erst in drei Wochen. «Super», sagt sie und lacht. «Dann kann ich auch meine Wäsche waschen.»
