Darum gehts
- Joana Hählen beendet mit 34 ihre Ski-Karriere nach Super-G in Italien
- Vier Kreuzbandrisse prägten ihre Laufbahn – dreimal ohne Sturz
- 13 Jahre Weltcup, fünf Podestplätze, kein Sieg, dankbar für Team-Erlebnisse
Dreieinhalb Jahre nach ihrem Vater Beat geht auch Joana Hählen in Pension. Nicht ganz – aber fast. Beat Hählen war 38 Jahre lang Dorfarzt in Lenk BE und geniesst heute die Zeit ohne Praxisstress. Seine Tochter hängt mit 34 Jahren die Ski an den Nagel. Der Super-G in Val di Fassa (It) ist ihr letztes Rennen. Ausser ihr gelingt ein Exploit und sie qualifiziert sich noch für das Weltcupfinale.
Danach beginnt ein neues Kapitel – auch beruflich. «Ich habe viele Ideen, aber noch nichts Konkretes. Mich interessiert alles, was mit dem Körper zu tun hat. Es wäre schön, meine Erfahrung aus dem Spitzensport weiterzugeben», sagt Hählen.
Hählen und ihr Körper. Entgegen mancher Meinung war die Bernerin keine Bruchpilotin. Trotzdem verletzte sie sich immer wieder schwer. Viermal riss das Kreuzband – dreimal ohne Sturz. Am schlimmsten war die fünfte Knieverletzung. «Lange war unklar, ob mein Knie wieder richtig funktionieren würde. Ich konnte das Bein nicht ganz strecken. Diese Ungewissheit war mental sehr belastend.»
Ihre Mutter muss nicht mehr spazieren gehen
Frustriert ist Hählen nicht. Im Gegenteil. Sie blickt dankbar auf 13 Jahre im Weltcup zurück. Fünfmal stand sie auf dem Podest – ein Sieg blieb ihr verwehrt. «Am meisten bleiben mir die Menschen und die gemeinsamen Erlebnisse. Ohne Team ist auch ein Erfolg nur halb so schön.»
Der Teamgedanke prägte die Kämpferin Hählen immer. Im Weltcup spricht niemand schlecht über sie. Kolleginnen heben ihre Freude, Fairness und Empathie hervor. «Ich bin seit dem C-Kader mit Ana zusammen. Sie ist ein Sonnenschein und wird mir fehlen», sagt Jasmine Flury (32).
Auch für Hählens Eltern beginnt eine ruhigere Zeit. Mutter Monika muss bei Speed-Rennen nicht mehr spazieren gehen, weil sie zu nervös ist, um zuzuschauen. Und Vater Beat wird seine Tochter seltener medizinisch beraten. «Ich habe das gern gemacht. Aber lieber wäre mir gewesen, Ana wäre Slalomfahrerin geworden», sagt er schmunzelnd.
Die Tochter profitierte davon, dass zu Hause im Erdgeschoss eine Praxis lag. «Das war praktisch. Ich brach mir ab und zu etwas Kleines wie die Hand oder den Daumen. Dann konnte mein Vater gleich röntgen und gipsen – ohne Termin.»
«Ohne sie hätte ich meinen Traum nicht leben können»
Beat Hählen war nicht nur Hausarzt, sondern auch Verbandsarzt bei Swiss-Ski. Ski-Verletzungen kennt er aus dem Effeff. «Ich hatte einen pragmatischen Blick – das gehörte zum Alltag. Nur nach dem tragischen Tod von Ulli Maier 1994 stellte ich mir die Sinnfrage. Danach war ich jahrelang traumatisiert.»
Für Joana war die Unterstützung der Eltern entscheidend. «Sie haben mich von klein auf gefördert und immer unterstützt. Dafür bin ich sehr dankbar. Ohne sie hätte ich meinen Traum nicht leben können.»
Die Hochzeit mit Lorenz folgt
Noch ist es nicht ganz vorbei. Mindestens ein Rennen bleibt Hählen. «Ich fahre wie immer und gebe mein Bestes – auch wenn es sicher emotional wird.»
Eines wird sie nicht vermissen: das ständige Ein- und Auspacken, die langen Autofahrten, die Unplanbarkeit. Vermissen wird sie anderes. «Die vielen schönen Orte. Die besonderen Momente auf der Piste. Zum Beispiel früh am Morgen beim Sonnenaufgang. Im Ski-Zirkus habe ich mich immer sehr wohlgefühlt.»
Sie freut sich, ihrem Körper schon bald einige Wochen Pause zu geben – er muss sich erholen. Irgendwann steht dann auch die Hochzeit mit ihrem Verlobten Lorenz und Ferien an.
Und Beat? Er sagt rückblickend nur: «Ich bin stolz auf Ana.»