Darum gehts
- Lukas Bissig ist Schwinger und Schafzüchter mit grossem Erfolg
- Als Schafzüchter sucht er Zuchtböcke, investiert bis 1500 Franken
- Im Schwingen gilt er als legitimer Nachfolger für Wicki und Reichmuth
Lukas Bissig (23) greift kurz vor wichtigen Wettkämpfen regelmässig zur Schere. Der Spitzenschwinger arbeitet konzentriert, jedes Detail muss stimmen. Die Auszeichnungen geben ihm recht. So wurde sein Schafbock Ben im vergangenen Herbst an der Urner Kleinviehschau zum Mister gekürt.
Mit ruhiger Hand schneidet der Eidgenosse abstehende Wollbüschel weg und verpasst seinen Tieren den letzten Feinschliff. Gewaschen werden die Schafe allerdings schon eine Woche vorher. «Sonst sehen sie am Wettkampftag aus wie gerupfte Hühner», sagt der Urner lachend.
Starke Resultate in diesem Jahr
Die Liebe zum Detail macht sich auch im Sägemehl bezahlt. Nach den Rücktritten von Joel Wicki und Pirmin Reichmuth gilt Bissig als neuer Hoffnungsträger der Innerschweizer. Mit den Siegen am Urner und Schwyzer Kantonalen sowie Rang zwei am Teilverbandsfest und auf der Rigi unterstrich er sein grosses Potenzial.
Seinen Perfektionismus lebt Bissig in beiden Welten aus. «Es gibt viele Parallelen.» Nach Niederlagen wird analysiert. Im Schwingen ist es das Training, bei den Schafen sind es das Futter oder die Zuchtlinie. Zudem gilt: «Den Entscheid der Kampfrichter oder der Jury musst du akzeptieren.»
Wem gehört der Hof?
Dass Bissig Schwingen und Schafzüchten gleichermassen liebt, kommt nicht von ungefähr. Sein Vater Stefan war selbst Eidgenosse und gewann 2004 am Eidgenössischen in Luzern den Kranz. Gleichzeitig gab er seinem Sohn die Leidenschaft für die Schafzucht weiter.
Viel lernte Bissig auch von seinem Grossvater. «Noch bevor ich in den Kindergarten kam, begleitete ich ihn regelmässig zu den Schafen. Das war jeweils das Grösste für mich.» Irgendwann bekam er dann sein eigenes Schaf. «Mit ihm kam auch die Verantwortung. Das hat mir gefallen.»
Heute verbringt Bissig fast jede freie Minute bei seinen Tieren. Auf die Frage, wem der Betrieb heute gehört, antwortet Bissig zunächst: «Meinem Vater und mir.» Sekunden später muss er lachen. «Nein, aktuell gehört er schon noch mehr meinem Vater.» Noch. Denn eines Tages möchte ihn der vierfache Kranzfestsieger übernehmen.
Keine luxuriösen Gabentempel
Für die Zukunft hat Bissig noch einen weiteren Plan. Am liebsten würde er die Zeit dafür etwas vorspulen. Der 23-Jährige wäre nämlich gerne schon zwei Jahre älter. Denn erst mit 25 darf er an Schafschauen als Experte in der Jury sitzen und die Tiere bewerten. «Ich dachte immer, das geht schon mit zwanzig. Aber Regeln sind Regeln.»
Sein Vater sitzt selbst regelmässig in der Jury und weiss genau, worauf es bei der Bewertung ankommt. Das hilft bei der Vorbereitung. «Vier Beine hat jedes Schaf», sagt Bissig lachend. «Wichtig ist, dass es harmonisch aussieht.» Entscheidend sind unter anderem der Körperbau und die Wolle.
Bei den Schafschauen wird übrigens niemand reich. Anstelle eines luxuriösen Gabentempels wie beim Schwingen gibt es höchstens eine Schelle oder einen Fleischkorb zu gewinnen. «Wichtiger sind die Auszeichnungen», sagt Bissig. «Dadurch werden deine Schafe interessant, und du kannst eher einmal einen Widder verkaufen.»
Harte Verhandlungen um die Tiere
Damit der Erfolg anhält, investiert Bissig viel Zeit in die Suche nach dem passenden Zuchtbock. Gemeinsam mit seinem Vater und Kollegen fährt er dafür quer durch die Schweiz. Die Reisen führen sie in die Ostschweiz, ins Wallis oder ins Berner Oberland. Manchmal auch über die Weihnachtstage.
Die Suche ist zwar aufwendig, aber notwendig. Anders als beim Grossvieh gibt es bei Schafen keine künstliche Besamung. «Beim Rind genügt ein Anruf. Bei uns musst du den passenden Bock finden.» Damit es nicht zu Inzucht kommt, wird ein Widder nach einigen Jahren ersetzt.
Hat Bissig einen Favoriten gefunden, beginnt der nächste Wettkampf. «Verhandeln liegt mir», sagt er. Zwischen 500 und 1500 Franken kostet ein guter Widder. Manchmal einigt man sich auch auf einen anderen Deal. «Dann wird vereinbart, dass der andere später einmal ein Tier bei mir holen darf. Das funktioniert aber nur, wenn man sich gut kennt.»
Schafzucht beschert ihm auswärtige Fans
Wie sehr sich seine beiden Welten inzwischen vermischen, hat Bissig im vergangenen Jahr auf der Schwägalp erlebt. Nachdem er den Ostschweizer Domenic Schneider bezwungen hatte, jubelten ausgerechnet einige Einheimische. Ihre Kollegen schauten irritiert. Weshalb freuen sie sich über den Sieg eines Innerschweizers? «Wir kennen Lukas vom Schafzüchten», entgegnen sie.
Am Sonntag wird Bissig auf dem Brünig wieder in erster Linie als Schwinger gefordert sein. Dort könnte der Schafzüchter einen historischen Triumph vermiesen. Dem Berner Fabian Staudenmann fehlt nur noch der Brünig-Sieg, um als zweiter Schwinger nach Martin Grab alle sechs Bergkranzfeste zu gewinnen.