Darum gehts
Die Dopingjäger
Er steht unscheinbar zwischen den Sägemehlringen. Auf seinem T-Shirt prangt der Schriftzug «Swiss Sport Integrity». Kaum hat Lars Voggensperger seinen Rigi-Kranz auf sicher, tritt der Kontrolleur auf ihn zu und eröffnet ihm, dass er zur Dopingkontrolle muss. Der Eidgenosse reagiert überrascht, folgt der Aufforderung aber, ohne zu zögern. Wenig später endet auch für Sinisha Lüscher ein erfolgreicher Wettkampf. Der Bankkaufmann hat sich mit einer starken Leistung den Kranz gesichert.
Als auch er zur Dopingkontrolle aufgeboten wird, ist seine Freude darüber aber fast noch grösser. «Ich hatte das noch nie. Gibt es danach eigentlich ein Badetuch als Geschenk?», fragt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht. «Ein Freund hat nach seinem Test eines erhalten.» Seine Betreuer schmunzeln und raten ihm, möglichst rasch viel Wasser zu trinken. Neben Voggensperger und Lüscher müssen sich auf der Rigi zwei weitere Schwinger einer Dopingkontrolle unterziehen.
Nach welchen Kriterien die Athleten ausgewählt werden, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis. Von dem Moment an, in dem die Schwinger über die Kontrolle informiert werden, weichen ihnen die Kontrolleure nicht mehr von der Seite. So soll verhindert werden, dass sie Substanzen zu sich nehmen oder etwas unternehmen, das das Testergebnis verfälschen könnte. Etwas später kommt Lüscher erleichtert zurück. «Es ging alles gut», sagt er. Auf das erhoffte Badetuch muss er allerdings noch warten, das hat es nicht auf die Rigi geschafft.
Das ungewohnte Bild 2.0
Nach der Ohrenschutz-Überraschung auf dem Weissenstein, als Damian Ott erstmals seit langer Zeit wieder mit Ohrenschutz antrat, war auf der Rigi Marius Frank an der Reihe. Der Solothurner Eidgenosse erklärt gegenüber Blick: «Meine Ohren sind etwas entzündet. Deshalb habe ich ihn heute vorsichtshalber angezogen. Gestört hat er mich zum Glück nicht gross.»
Ott hatte seinen Entscheid eine Woche zuvor so begründet: «Ich habe mir das Ohr aufgeschlagen. Es ist leicht entzündet und war zwischenzeitlich stark aufgeschwollen.» Für Frank brachte der Ohrenschutz allerdings kein Glück. Der Solothurner verpasste den begehrten Rigi-Kranz.
Die Premiere
Erstmals stand beim traditionsreichen Bergfest auch für Frauen ein Steinstoss-Wettkampf auf dem Programm. Mit dem 26-Kilo-Stein kämpften sie um den Sieg – ein weiterer Schritt in Richtung Gleichberechtigung und ein starkes Zeichen der Organisatoren. Damit folgt die Rigi dem Trend, Frauen im Schwingsport-Umfeld stärker zu integrieren.
Die Verletzungen
Die Rigi lieferte neben tollem Schwingsport aber auch einige unschöne Szenen. Alle drei Teilverbände mussten den Ausfall eines starken Schwingers hinnehmen. Der Berner Daniel Tschumi verletzte sich am Knie und verfolgte den letzten Gang seiner Teamkollegen den Tränen nahe vom Platzrand aus. Für den Schwarzsee-Schlussgänger dürfte die Saison gelaufen sein. «Wir werden sehen», sagt er niedergeschlagen zum Blick-Reporter.
Auch Nordwestschweizer Tim Roth verletzte sich am Knie. Eine genaue Diagnose steht noch aus. Der Innerschweizer Silvan Appert humpelte ebenfalls vom Platz. Nach ersten Einschätzungen besteht der Verdacht auf eine Verletzung des Syndesmosebands. Bestätigt sich dieser, droht auch ihm das vorzeitige Saisonende. Etwas glimpflicher kam Lukas Döbeli davon. Der Freiämter zog sich beim Einwärmen nach der Mittagspause auf dem Weissenstein eine Zerrung in der Wade zu.
Auf der Rigi war die Verletzung vor allem im Kopf präsent. «Es fehlte mir etwas das Vertrauen. Wenn du dann noch so schlecht startest, wird es umso schwieriger», sagt der Eidgenosse. Am Abend standen vier Gestellte und zwei Siege auf seinem Notenblatt.
Das teure Essen
Jonas Glutz sicherte sich auf der Rigi den ersten Bergkranz seiner Karriere. Dabei hatte der Wettkampf für den zwei Meter grossen Nordwestschweizer denkbar schlecht begonnen. «Es war ein schwieriger Morgen», sagt er. In den ersten beiden Gängen landete der 20-Jährige jeweils auf dem Rücken. Sein Traum vom ersten Bergkranz schien bereits in weite Ferne gerückt. Doch Glutz kämpfte sich eindrücklich zurück. Zwei Siege brachten ihn wieder ins Rennen. «Ich kam in den Flow.» Als er anschliessend auch den unangenehmen Christian Zemp bezwang, keimte die Hoffnung auf die Auszeichnung wieder auf.
Im entscheidenden Gang gegen den Berner Eidgenossen Dominik Gasser musste Glutz dann noch einmal leiden. Mehrfach rettete er sich über die Brücke. Seine Betreuer und Teamkollegen – allen voran Marius Frank – fieberten am Platzrand mit. «Um die Kränze muss ich meistens bis zur letzten Minute schwingen. Die Devise war: alles oder nichts.»
Den ersten Bergkranz feierte Glutz anschliessend im Horseshoe Restaurant von Olympiasieger Martin Annen. Weil Marius Frank nach seinem Kranzgewinn auf dem Stoos die Rechnung übernommen hatte, ist diesmal Glutz an der Reihe. «Ja, das wird so kommen», sagt er lachend. Ein teurer Abend. Schliesslich wollen nicht nur Frank, sondern auch einige weitere Teamkollegen mitfeiern. Was bei Glutz auf den Teller kommt, weiss er bereits: «ein Cordon bleu.» Nach diesem nervenaufreibenden, aber erfolgreichen Wettkampf dürfte es besonders gut schmecken.
Die Wachablösung
Letztes Jahr hat Sales Tschudi seine erste Aktivsaison bestritten und sich mit drei Kranzgewinnen direkt fürs ESAF qualifiziert. Auch in diesem Jahr steht der 17-Jährige schon bei dreimal Eichenlaub. Sein grosses Talent hat er schon mehrfach aufblitzen lassen – und in dieser Saison den einen oder anderen Eidgenossen geärgert. Gegen Christian Biäsch, Marco Good und Domenic Schneider stellte er und Damian Ott legte er am Glarner-Bündner auf dem Weg in den Schlussgang (Niederlage gegen König Armon Orlik) sensationell auf den Rücken. Am Samstag hat Tschudi den nächsten Eidgenossen bezwungen.
Im Schlussgang des Bergschwingets Klöntal setzt er sich im Glarner Generationenduell gegen Roger Rychen (34) durch und feiert mit dem ersten Regionalfestsieg den bisher grössten Erfolg seiner noch jungen Karriere. Der Triumph unterstreicht, was viele Schwing-Experten schon länger erwarten. Nach Jahren an der Spitze des Glarner Schwingsports wird Rychen vom Teenager abgelöst.
Das gelungene Comeback
Kurz vor dem Saisonstart hat die Verletzungshexe bei Patrick Gobeli (28) zugeschlagen. Der Berner Eidgenosse hat sich im WK in Magglingen BE bei einem Zweikampf im Sägemehl an der Bizepssehne verletzt. Der 42-fache Kranzgewinner musste sich einer Schulteroperation unterziehen und drohte, die gesamte Saison zu verpassen. Nun gibts schöne Neuigkeiten. Gobeli hat am Wochenende beim Ramslauenen Schwinget sein Comeback gegeben. Als einziger Eidgenosse am Start hat seine Schulter die ersten Härtetests bestanden. Mit zwei Gestellten und vier Plattwürfen klassiert sich Gobeli auf dem 2. Platz. Ein gelungenes Comeback.
Die Kilchberg-Champions
Als einziger der drei amtierenden Kilchberg-Sieger steht Fabian Staudenmann im Einsatz. Und der Berner überzeugt auf ganzer Linie. Zwar gibts zum Auftakt «nur» einen Gestellten gegen Samuel Schwyzer, danach legt Staudenmann aber jeden Gegner aufs Kreuz – auch seinen Berner Teamkollegen und Topfavoriten Michael Moser. Nach 2024 gewinnt er zum zweiten Mal den Rigi-Schwinget und feiert nach dem Seeländischen und dem Berner Kantonalen den dritten Kranzfestsieg in diesem Jahr. Kommendes Wochenende will Staudenmann auch auf dem Brünig jubeln. Der Sieg dort fehlt noch in seinem Palmarès, um als zweiter Schwinger nach Martin Grab jedes Bergfest mindestens einmal gewonnen zu haben.
Ob er dabei auf Samuel Giger trifft? Der Brünig steht auch in der Agenda des Thurgauers, der allerdings seit Ende Mai wegen einer Schulterverletzung kein Fest mehr bestritten. Obs zum Comeback kommt, ist offen, aber eher unwahrscheinlich. Am realistischsten ist eine Rückkehr am 9. August am Schaffhauser Kantonalen. Damian Ott wird derweil nächsten Sonntag am Südwestschweizer Schwingfest antreten.