Seine verrückte Reise von Russland in die Schweiz
Schwinger Tugulea jagte einst Verbrecher in Moldawien

Vom Judokeller in Russland ins Sägemehl in der Schweiz: Marcel Tugulea blickt auf seine aussergewöhnliche Lebensgeschichte zurück – geprägt von harter Erziehung, einer Anti-Terror-Einheit und einem Neuanfang im Wallis.
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Darum gehts

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Nicola AbtReporter Sport

Es hatte weder eine Dusche noch ein WC. Sauberes Trinkwasser gab es ebenfalls keines. Auf 30 Quadratmetern kämpften 20 Jugendliche gegeneinander. «Irgendwann war der Durst stärker als der Ekel», erinnert sich Marcel Tugulea (27). Fast täglich trainierte er unter diesen Bedingungen.

Heute lebt Tugulea mit seiner Frau und den beiden Kindern in Stalden VS. Er fährt Lastwagen, schwingt um Kränze und wirkt wie ein ganz normaler Walliser Familienvater. Seine Geschichte beginnt jedoch Tausende Kilometer entfernt – in einem Judokeller in Moskau.

Klare Regeln in der Sportschule

Gemeinsam mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder wuchs er in Moskau auf. Während andere Kinder nach der Schule auf den Fussballplatz gingen, war Tugulea oft noch lange unterwegs. Bis zu 90 Minuten dauerte der Weg quer durch die Millionenstadt ins Judo-Training.

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Sein Ein und Alles: Marcel Tugulea posiert mit seinen beiden Töchtern Maya (l.) und Ilinca sowie Frau Corina.
Foto: Andrea Soltermann

Dass er Judoka wurde, stand nie zur Diskussion. «Bei uns galt: Was der Vater sagt, wird gemacht», erzählt Tugulea. Andere Sportarten durfte er zwar ausprobieren. Doch am Ende führte sein Weg immer zurück auf die Judomatte. Dort trat er in die Fussstapfen seines Vaters, der grosse Erfolge gefeiert hatte.

Weil auch Tugulea einiges zugetraut wurde, lebte er bald einmal in einer Sportschule. Die Regeln dort waren simpel: Die Älteren bestimmten, die Jüngeren hatten zu gehorchen. «Wenn du nicht gemacht hast, was sie wollten, wurdest du verprügelt», erinnert sich Tugulea. Privatsphäre gab es nicht. Vier Nachwuchssportler teilten sich ein winziges Zimmer mit zwei Kajütenbetten und zwei Tischen.

Gesundheit veränderte das Familienleben

Noch heute trägt Tugulea die Lehren seiner Trainer mit sich herum. Einer ihrer Sätze hat sich besonders eingebrannt: «Der einzige Grund, warum du nicht ins Training kommen kannst, ist, dass du tot bist.» Die harte Schule zeigte Wirkung.

Tugulea entwickelte sich zu einem erfolgreichen Judoka. Seine Künste konnte er aber bald einmal nicht mehr in Moskau demonstrieren. Gesundheitliche Probleme seines jüngeren Bruders sollten das Leben der Familie grundlegend verändern.

Ein Lebensabschnitt bleibt geheim

Tugulea zog nach Moldawien in das Heimatland der Mutter. Nur der Vater blieb in Moskau zurück. Er führte dort ein Baugeschäft, das er nicht einfach aufgeben konnte. Fortan sah sich die Familie nur noch selten. «Während meiner Jugend hatte ich nicht sehr viel von meinem Vater», sagt Tugulea. Deshalb versucht er nun so viel Zeit wie möglich mit seinen beiden Töchtern Ilinca (7) und Maya (4) zu verbringen.

In Moldawien lernte Tugulea dann auch seine jetzige Frau Corina (27) kennen. Sportlich lief es ihm gut. Tugulea gehörte zur nationalen Spitze im Judo und erhielt eine Anstellung bei der Polizei. Später gehörte er sogar einer Anti-Terror-Einheit an. 

Über seine Einsätze verliert Tugulea nur wenige Worte. «Ich kann nicht alles erzählen, was wir gemacht haben», sagt er. Es seien auf jeden Fall «böse Jungs» gewesen. Aber auch Familienväter, die aus Geldnot illegale Dinge verkauften. 

Alles für das Wohl seiner Familie

In Moldawien sah Tugulea für sich und seine Familie keine Zukunft. «Die Menschen leben dort nicht, sie überleben nur», sagt er. Was er damit meint, zeigt ein einfaches Beispiel: «Bei einer 100-Prozent-Anstellung verdiente man netto rund 600 Euro im Monat. Allein für Strom bezahlten wir 40 bis 50 Euro. Im Winter kamen dann noch Heizkosten von 100 bis 150 Euro dazu.»

Für Tugulea stand deshalb fest, dass er seiner Familie anderswo eine bessere Zukunft ermöglichen wollte. Ein Freund, der bereits im Wallis lebte, erzählte ihm immer wieder vom Leben in der Schweiz. Im Mai 2022 packte der Judoka seine Sachen und reiste zu ihm. 

Seine Frau Corina und die beiden Töchter blieben zunächst in Moldawien. Er selbst zog ins Wallis und lebte ein halbes Jahr in einem Wohnwagen, um Geld zu sparen und seine Familie später in die Schweiz holen zu können.

Tagsüber arbeitete er als Fenstermonteur. Abends suchte er nach einer neuen sportlichen Herausforderung. Fündig wurde er eher zufällig. Ein Bekannter empfahl ihm den Besuch eines Schwingfests in Leukerbad. «Wir lachten nur und sagten: Was wollen wir dort? Wir würden doch sowieso alle besiegen.»

Karriere droht bald zu enden

Kurz darauf stand Tugulea erstmals in einem Schwingtraining in Visp. Vieles kam ihm bekannt vor. In seiner Heimat Moldawien wird traditionell Gurtkampf betrieben. «Es ist dem Schwingen sehr ähnlich», sagt Tugulea. «Der grösste Unterschied ist, dass man beim Schwingen den Griff nie loslassen darf.»

Bis heute hat Tugulea sieben Kränze gewonnen, darunter einen am Südwestschweizer Teilverbandsfest. Seine Frau und die beiden Töchter begleiten ihn aber nie an die Wettkämpfe. «Ich will das nicht. Das würde mir zu viel Druck machen», sagt er.

Während seine Frau im Schulhaus nebenan als Putzfrau arbeitet, ist Tugulea als Lastwagenchauffeur in der ganzen Schweiz unterwegs. Wie lange er noch schwingen wird, weiss er nicht. Immer wieder bremsen ihn Verletzungen aus. Doch wer schon in einem Moskauer Judokeller ohne Dusche, WC und sauberes Trinkwasser trainiert hat, lässt sich davon ganz bestimmt nicht aufhalten.

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