Joel Wicki (29) streicht dem erst wenige Tage alten Kalb vorsichtig über den Rücken. Immer wieder schaut der Schwingerkönig nach, ob mit ihm alles in Ordnung ist. «Sie sind meine Lieblingstiere», sagt der Landwirt über seine Kühe. Mitte Juli hat eine von ihnen Nachwuchs bekommen. Der König strahlt, als er davon erzählt. Knapp ein halbes Jahr nach seinem Rücktritt hat sich Wicki längst an sein neues Leben gewöhnt. Statt Trainingspläne bestimmen heute Wetterprognosen, Weidezäune und Tiere seinen Alltag. «Mein Fokus ist jetzt an einem anderen Ort.»
Seine Alp gehört ihm seit 2022 und ist mit dem Geländefahrzeug in wenigen Minuten von seinem Zuhause aus erreichbar. Über 50 Hektar Land, Kühe, Schweine, Esel und Wald – hier fühlt sich Wicki in seinem Element. «Hier kann ich tun, was ich will.»
Keine Proteinshakes mehr
Vermisst er das Leben als Spitzensportler? «Ein wenig kämpfen wäre schon noch cool. Aber wieder voll schwingen? Nein.» Zu gross sei der Aufwand gewesen. «Den Stress und die vielen Termine vermisse ich überhaupt nicht.» Dafür geniesst er Freiheiten, die früher undenkbar gewesen wären. «Ich bin froh, dass ich nicht mehr ständig Proteinshakes trinken muss», sagt Wicki schmunzelnd. «Wenn ich Lust auf etwas Süsses habe, muss ich heute nicht mehr zweimal überlegen.»
An seiner körperlichen Verfassung hat das allerdings kaum etwas geändert. Der Schwingerkönig wiegt noch immer etwa gleich viel wie zu seinen besten Zeiten im Sägemehl. Und das, obwohl er nicht mehr regelmässig ins Fitness geht. «Im Winter war ich am Sonntagmorgen ab und zu noch dort. Aber bei so schönem Wetter zieht es mich nicht mehr in einen Kraftraum. Auf der Alp gibt es genügend zu tun.»
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
Nicht nur bei den Kühen, sondern auch bei den Eseln hat es in diesem Sommer Nachwuchs gegeben. Insgesamt acht Esel gehören mittlerweile zu Wickis kleinem Reich im Entlebuch.
Zwei davon stammen vom ehemaligen Innerschweizer Spitzenschwinger Melk Britschgi. Wicki kniet sich zum erst knapp zwei Wochen alten Jungtier hinunter, krault ihm den Hals. Der kleine Esel drückt seinen Kopf an den Schwingerkönig. «Das sind wunderschöne Wesen», sagt der Landwirt lächelnd. «Zudem sind sie super Weidenputzer. Sie fressen Pflanzen, welche die Kühe stehen lassen.» So pflegeleicht wie der Eselnachwuchs zeigen sich seine Kühe an diesem Morgen allerdings nicht.
Mehr Zeit für seine Alicia
Für einmal treiben sie Wicki fast zur Verzweiflung. Kaum sollen die Tiere in den Stall, haben sie plötzlich ganz andere Pläne. Der Schwingerkönig ruft und pfeift, doch die Herde denkt nicht daran, sich zu bewegen. Hier oben beeindruckt der Königstitel niemanden. Erst mit etwas Geduld und dem einen oder anderen Klaps aufs Hinterteil trotten die ersten Kühe Richtung Stall. «Ich will sie nur vor den Fliegen schützen. Die sind gerade eine richtige Plage.» Sind die Kühe versorgt, kehrt auf der Alp langsam Ruhe ein.
Nur wenige Schritte vom Stall entfernt steht die kleine Alphütte. In diesen vier Wänden verbringt Wicki nicht nur seine Pausen. Immer wieder übernachtet er auch hier oben – manchmal allein, manchmal mit seiner Partnerin Alicia. Seit dem Rücktritt verbringen sie mehr Zeit zusammen. Doch nicht nur das hat sich verändert. «Es sind für mich zwei Welten», erklärt Alicia. «Früher war Joel immer unter Strom. Heute ist er deutlich entspannter.»
Der Schwingerkönig nickt. «Jetzt ist auch Platz für spontane Sachen. Wir gehen am Abend beispielsweise noch schnell auf einen Alpbesuch bei Kollegen. Früher war jeder Tag durchgetaktet. Ich wusste genau, wann ich im Training sein musste.»
In der Alphütte gönnt sich Wicki eine kurze Verschnaufpause. Mit einer Tasse Kaffee und der Zeitung setzt er sich aufs Sofa. «Ich habe keine Zeit zum Liegen. Hier wird gearbeitet», sagt er lachend. Zehn Minuten nimmt er sich trotzdem. Früher studierte er seine Gegner, heute liest er lieber, was andere Bauern machen. «Man kann immer etwas lernen.» Dann klappt er die Zeitung zu: «So, die Pause ist vorbei.»
Gesunde Tiere und Ländlermusik
Perfektion zeichnete Wicki nicht nur im Sägemehl aus. Auch rund um die Alphütte entgeht ihm kaum ein Detail. Zwischen den blühenden Geranien zupft er ein welkes Blatt weg. «Wenn man etwas macht, dann richtig», sagt er. Ein Satz, der sein Leben perfekt beschreibt. Nachdem er seinen Tieren das mitgebrachte Wasser hingestellt hat, gehts zurück nach Hause.
Wicki steigt in sein Geländefahrzeug. Langsam tuckert dieses den Alpweg hinunter. Aus den Lautsprechern erklingt Ländlermusik. «Das ist ein tolles Leben», sagt Wicki und lässt den Blick über die Berglandschaft schweifen. Noch einmal schaut er zu seinen Eseln hinüber. Der Nachwuchs trinkt genüsslich. Dann verschwindet der Schwingerkönig hinter der nächsten Kurve. Er hat den Übergang in sein zweites Leben erfolgreich gemeistert.