Kilo-Debatte im Schwingen
Experte verteidigt Schurtenberger nach bösen Kommentaren

Ist ein 150-Kilo-Athlet automatisch ungesund? Ein Sportmediziner räumt mit Vorurteilen über hohes Gewicht im Spitzensport auf.
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Sven Schurtenberger verletzte sich Mitte Juni auf dem Stoos-Schwinget an der Halswirbelsäule.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schwinger Sven Schurtenberger (34) nach Unfall wegen Gewicht kritisiert
  • Mediziner betont: Leistungssport mit 150 kg nicht grundsätzlich problematisch
  • Schwingen: Verletzungsrisiko nicht automatisch durch hohes Gewicht erhöht
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Yara VettigerRedaktorin Sport

Sven Schurtenberger (34) kämpft nach seinem Unfall auf dem Stoos nicht nur mit den Folgen seiner schweren Halsverletzung. Nach dem Sturz wurde vor allem eines zum Thema: sein Gewicht. Der Eidgenosse wiegt über 150 Kilo und wurde deshalb auf den Schwingplätzen und in den sozialen Medien als «zu fett» bezeichnet. Doch wie berechtigt ist diese Kritik?

Blick hat mit Johannes Scherr, Chefarzt und Leiter des Universitären Zentrums für Prävention und Sportmedizin der Universitätsklinik Balgrist in Zürich, gesprochen. Seine Einschätzung fällt deutlich aus: «Grundsätzlich ist Leistungssport mit über 150 Kilogramm aus medizinischer Sicht nicht per se problematisch. Die Zahl auf der Waage allein erlaubt noch keine medizinische Beurteilung.»

Viele Sportarten brauchen hohes Gewicht

Scherr verweist auf Sportarten wie Rugby, American Football, Gewichtheben oder Sumo, in denen Athleten ebenfalls 130, 150 oder sogar über 200 Kilogramm wiegen. «Eine höhere Körpermasse kann in diesen Sportarten einen funktionellen Vorteil haben. Entscheidend ist nicht nur die Zahl auf der Waage, sondern vor allem die Körperzusammensetzung.»

Mit anderen Worten: Ein Schwinger mit 150 Kilogramm kann durchaus topfit sein. «Viel wichtiger als das Gewicht allein ist das Verhältnis von Muskel- zu Fettmasse», sagt Scherr. Gerade Schwinger verfügten häufig über eine sehr ausgeprägte Hals-, Schulter- und Rückenmuskulatur, die den Körper zusätzlich stabilisieren könne – und müsse! «Wenn sie auf der Brücke liegen, muss der Hals das aushalten können.» Einen vollständigen Schutz vor einer schweren Verletzung könne aber auch eine sehr kräftige Muskulatur nicht gewährleisten.

Natürlich bringe ein hohes Körpergewicht zusätzliche Belastungen mit sich. Das Herz müsse mehr Gewebe versorgen, zudem könne insbesondere bei einem erhöhten Körperfettanteil das Risiko für Bluthochdruck, Schlafapnoe oder Störungen des Zuckerstoffwechsels steigen. «Wer aber einen hohen Muskelanteil hat, kann davon sportlich profitieren. Muskeln stabilisieren unter anderem auch die Wirbelsäule», sagt Scherr.

Keine Empfehlung abzunehmen

Besonders wichtig ist dem Arzt ein Punkt: Aus einem einzelnen Unfall lasse sich kein direkter Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Verletzung ableiten. «Beim Schwingen wirken viele Kräfte gleichzeitig – das Gewicht des Gegners, Hebelverhältnisse, Technik und die Art des Aufpralls. Das Körpergewicht allein erhöht das Verletzungsrisiko nicht automatisch und erklärt eine solche Verletzung schon gar nicht allein.»

Auch eine pauschale Empfehlung zum Abnehmen lehnt der Sportmediziner ab. «Ich würde aus der Entfernung niemals sagen, dass Sven Schurtenberger Gewicht verlieren muss. Besteht keine gesundheitliche Indikation und würde dadurch die sportliche Leistungsfähigkeit leiden, wäre eine Gewichtsreduktion nicht automatisch sinnvoll.»

Regelmässige medizinische Kontrollen seien bei Spitzensportlern mit hohem Körpergewicht zwar wichtig. Die öffentliche Debatte greife aber oft zu kurz. Scherrs Fazit: «Wenn ein Athlet mit seinem Gewicht leistungsfähig ist und medizinisch gut betreut wird, gibt es keinen Grund, allein aus der Zahl auf der Waage auf eine konkrete Gesundheitsgefahr oder gar auf die Ursache dieses Unfalls zu schliessen. Und da Schurtenberger ein Leistungssportler ist, bin ich mir sicher, dass sein Umfeld sehr genau weiss, welches Gewicht für ihn sportartspezifisch und gesundheitlich sinnvoll ist.»

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