Darum gehts
- Schwing-Legende Ernest Schläfli feiert am 23. Mai seinen 80. Geburtstag
- Er bestritt 2500 Gänge und gewann zahlreiche Schwingfest-Titel
- Transport eines Siegermunis aus Südafrika hätte 3000 Franken gekostet
Als Ernest Schläfli die Türe seines Hauses in Posieux FR öffnet, wird sofort klar, weshalb seine Gegner früher kaum eine Chance hatten. Der Händedruck des Unspunnen-Siegers von 1976 ist noch immer furchteinflössend. Mit einem breiten Grinsen meint der Südwestschweizer: «Ich habe rund 2500 Gänge bestritten und trotzdem bin ich noch topfit.» Am 23. Mai feiert er seinen 80. Geburtstag. Einige Tage zuvor blickt der sechsfache Schwarzsee-Sieger auf sein bewegtes Leben im Nationalsport zurück.
Blick: Stimmt es, dass Sie Ihre Schwing-Karriere einem Autoservice zu verdanken haben?
Ernest Schläfli: Das ist richtig. Ich traf dabei den damaligen Präsidenten des Schwingklubs Freiburg – der hatte übrigens noch grössere Hände als ich (lacht). Er schaute mich an und sagte: «Komm doch heute Abend einmal ins Training.» Ich ging hin und trennte mich danach von meiner bis dahin grössten Leidenschaft.
Dem Fussball.
Genau! Ich kam erst mit 21 Jahren so richtig zum Schwingen. Davor spielte ich in jeder freien Minute Fussball. Bekannt war ich für meine Elfmeter. Die schoss ich derart scharf, dass der Torhüter jeweils gleich mit dem Ball ins Netz geflogen ist. Zu einer grossen Karriere hätte das aber nie gereicht.
Ganz anders im Schwingen. Da feierten Sie schnell grosse Erfolge.
Ja, das war schon fast unanständig. Bereits mein zweites Schwingfest konnte ich gewinnen. Deshalb gefiel es mir auch so gut. Wäre ich nur auf dem Rücken gelegen, hätte ich wohl schnell wieder aufgehört.
Der Freiburger ist nicht nur eine Schwingerlegende, sondern auch ein Vollblutlandwirt. Er wuchs auf einem Bauernhof auf. Später übernahm er diesen selbst, mittlerweile wird er von einem seiner Söhne und einem Grosskind geführt. Schläfli ging am Morgen eines Schwingfestes fast immer noch in den Stall. Seine Verbundenheit zur Landwirtschaft zeigt sich auch abseits des Bauernhofs. Schläfli präsidierte die Schweizerische Freiberger Pferdezucht.
Sportlich hinterliess der zweifache Familienvater ohnehin tiefe Spuren. Allein seine 60 Kranzfestsiege sprechen für sich. Besonders in der Südwestschweiz dominierte er über Jahre: Zehn Siege am Südwestschweizerischen, sechs Triumphe auf dem Schwarzsee und 13 Erfolge am Freiburger Kantonalfest machen ihn zu einer der prägendsten Figuren seines Verbandsgebiets.
Der Freiburger ist nicht nur eine Schwingerlegende, sondern auch ein Vollblutlandwirt. Er wuchs auf einem Bauernhof auf. Später übernahm er diesen selbst, mittlerweile wird er von einem seiner Söhne und einem Grosskind geführt. Schläfli ging am Morgen eines Schwingfestes fast immer noch in den Stall. Seine Verbundenheit zur Landwirtschaft zeigt sich auch abseits des Bauernhofs. Schläfli präsidierte die Schweizerische Freiberger Pferdezucht.
Sportlich hinterliess der zweifache Familienvater ohnehin tiefe Spuren. Allein seine 60 Kranzfestsiege sprechen für sich. Besonders in der Südwestschweiz dominierte er über Jahre: Zehn Siege am Südwestschweizerischen, sechs Triumphe auf dem Schwarzsee und 13 Erfolge am Freiburger Kantonalfest machen ihn zu einer der prägendsten Figuren seines Verbandsgebiets.
Woher kam Ihre gefürchtete Kraft?
Von der Arbeit auf dem elterlichen Bauernhof. Wir hatten Unmengen an Kartoffeln – abgefüllt in 50-Kilo-Säcken. Die musste ich von Hand schleppen. Nach dem Melken trug ich abends oft noch 200 bis 300 Säcke herum. Und eine Leiter ging ich nie normal hoch. Ich ziehe mich noch heute mit den Armen von Griff zu Griff.
Wie muss man sich das Ausdauertraining vorstellen?
Das absolvierte ich jeweils am Abend vor dem Essen. Noch mit den Stallstiefeln an den Füssen sprintete ich ein paarmal einen kleinen Hügel hoch. Das alles war aber nichts im Vergleich zu meinem ersten Training bei den Bernern.
Erzählen Sie.
Nach meinem Sieg am Freiburger Kantonalen nahm mich ein Kollege einmal mit. Die Berner um Schwingerkönig Ruedi Hunsperger haben mich so sehr geschlaucht, dass ich zu Hause nicht einmal mehr die Treppe hinaufkam.
Trotzdem gingen Sie wieder hin.
Weil wir zum Einwärmen Fussball gespielt haben und ich mich unter anderem mit Hunsperger sehr gut verstanden habe. Obwohl ich sein Konkurrent war, zeigte er mir, wie ich besser werden konnte. Das habe ich ihm hoch angerechnet und unheimlich geschätzt.
Er bestieg dreimal den Königsthron. Sie nie. Weshalb?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen war Ruedi ein aussergewöhnlicher Sportler. Er und Karl Meli sind für mich die beiden besten Schwinger der Geschichte. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich zweimal an einem ESAF beschissen wurde.
Tatsächlich?
Ja. Besonders schlimm war es am Eidgenössischen 1972 in La Chaux-de-Fonds. Ich gewann meinen siebten Gang mit der Maximalnote. Gleichzeitig schwang David Roschi gegen Max Kobel. Roschi gewann erst am Boden im Bur, was die Note 9,75 zur Folge hatte. Damit wäre ich im Schlussgang gestanden.
Was passierte dann?
Die Worte des damaligen Obmannes höre ich heute noch in meinen Ohren. Er lief über den Platz und rief: «Hie wird de es 10ni gschribe!» Roschi erhielt die Maximalnote und ich verpasste den Schlussgang.
Wie haben Sie reagiert?
Gar nicht. Ich nahm es einfach zur Kenntnis.
Das glaube ich Ihnen nicht.
Doch. Ich habe weder ausgerufen noch einen Kampfrichter kritisiert. Das bringt doch nichts. Dass David dann König wurde, mochte ich ihm gönnen. Er konnte ja nichts dafür. Genauso wie Ernst Schläpfer am ESAF 1983 in Langenthal.
Was geschah dort?
Im ersten Gang schrieben sie ihm die Note 9 und mir nur die Note 8,75. Und das, obwohl ich dem Sieg sehr nahe war. Die Notengebung ergab überhaupt keinen Sinn. Das wohl Kurioseste erlebte ich aber am Nordostschweizer Teilverbandsfest.
Erzählen Sie.
Am Mittag hatte ich drei Gänge gewonnen – mit zwei Maximalnoten und einer 9,75. Vor dem vierten Gang ging ich zum Kampfrichtertisch und sah plötzlich eine 9,50 auf meinem Notenblatt stehen. Ich fragte ihn: «Was soll das?» Da sagte er nur: «Du hast zu schnell gewonnen und zu wenig gezeigt. Wenn du nicht zufrieden bist, ziehen wir dir noch einen Viertel ab.» Der eine Viertel fehlte mir am Abend für den Schlussgang.
Weshalb wurde Sie so oft benachteiligt?
Leider passierte das zu dieser Zeit nicht nur mir. Als sehr erfolgreicher Südwestschweizer hatte ich allerdings einige Neider in höheren Positionen. Wer viel gewinnt, ist in den anderen Teilverbänden nicht sehr beliebt. Das zeigte sich auch in der Innerschweiz. Ich durfte deren Teilverbandsfest zweimal gewinnen, was nicht gut ankam.
Wie spürten Sie das?
Nach meinem ersten Sieg sagte der Technische Leiter der Innerschweizer, er würde mich auf jeden Fall wieder einladen. Zwei Jahre später triumphierte ich erneut. Danach habe ich nie mehr etwas gehört. Auch die Waadtländer haben mich nach dem vierten Festsieg in Folge nicht mehr eingeladen.
Sie haben unzählige Schlussgänge bestritten. Welcher ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Jener in Südafrika. Einer aus meinem Fanclub betrieb ein Reisebüro und organisierte Schwinger-Reisen. Einmal ging es in die USA und eben auch nach Südafrika. Dort trat ich im Schlussgang gegen den Vize-Weltmeister im Ringen an. Auf das «Gut» des Kampfrichters packte er mein Hosenbein und zog derart fest daran, dass es von unten bis oben aufriss. Wenig später bodigte ich ihn mit meinen zerrissenen Hosen.
Was gab es als Preis?
Einen Siegermuni. Das Schwingfest erinnerte an jene in der Schweiz. Während ich das Tier zu Hause sicher auf den Hof genommen hätte, musste ich es in diesem Fall in Afrika lassen. Der Transport hätte mehr als 3000 Franken gekostet.
Wer so viel gewinnt, hatte sicher ein Geheimrezept. Was war Ihres?
Literweise Dul-X! (Lacht.) Meine Frau rieb mich am Samstagabend und am Sonntagmorgen damit ein. So war mein ganzer Körper warm. An den speziellen Geruch im Schlafzimmer haben wir uns zum Glück schnell gewöhnt.
Fabian Staudenmann vergass letztens sein Schwing-Hemd. Ist Ihnen Ähnliches auch passiert?
Nein. Ich hatte beim Packen zum Glück Unterstützung.
Von wem?
Zunächst hat mir meine Mutter alles bereitgelegt und eingepackt, später hat meine liebe Frau diese Aufgabe übernommen. Ich war diesbezüglich sehr verwöhnt. Da ich neben dem Schwingen auch noch einen Hof führte, war ich für jede Aufgabe dankbar, die mir abgenommen wurde.
Mittlerweile führt einer Ihrer Söhne den Betrieb. Wie oft sind Sie noch dort?
Fast jeden Tag. Ich gehe morgens und abends vorbei. Manchmal miste ich aus oder gebe etwas Futter. Meine Mutter führte die Buchhaltung des Betriebs, bis sie 88 Jahre alt war. Die letzten zwei Jahre ihres Lebens verbrachte sie dann im Altersheim, das nicht weit von hier liegt. Am Ende hat sie mich nicht mehr erkannt. Das tat mir weh. Deshalb bin ich umso dankbarer, dass es mir noch so gut geht.
Sie besuchen regelmässig Schwingfeste. Wie blicken Sie heute auf den Nationalsport?
Er ist anders. Vieles gefällt mir gut. Dass die Könige heute einen schönen Batzen verdienen, mag ich ihnen gönnen. Nur zwei Dinge stören mich.
Welche?
Ein Drittel der Schwinger betritt den Platz und sieht aus, als hätte er ein Nachthemd an. Die Zwilchhosen hangen über die Knie herunter. Die gehören hochgekrempelt. Das sieht sonst schrecklich aus. Und noch etwas.
Ja bitte.
Teilweise putzen die Sieger den Verlierern das Sägemehl so beiläufig vom Rücken – mit einer Hand. Da fehlt mir der Respekt. Denn ohne den anderen hätte dieser Kampf nicht stattfinden können. Es gehört sich, dem Verlierer das Sägemehl anständig abzuputzen.
Sie sind ein guter Freund von Ski-Held Roland Collombin. Wie kam es dazu?
Kennengelernt haben wir uns an einem Schwingfest. Am Walliser Kantonalen in St. Niklaus sponserte Roland ein Velo. Er durfte mir den Preis überreichen. Dabei meinte er: «Jetzt fährst du mit dem Velo runter nach Sitten.» Ich entgegnete: «Hast du meinen Hintern schon einmal angeschaut? Der passt doch niemals auf diesen schmalen Sattel!» (Lacht.) Ein Stück bin ich dann schon gefahren, aber sicher nicht bis ganz runter.
Collombin ist an Krebs erkrankt. Wie geht es ihm?
Es wird eher wieder besser. Aber es gibt einem zu denken, wenn Personen aus dem eigenen Umfeld mit solchen Krankheiten zu kämpfen haben. Aber Roland ist zäh, er wird das überleben.
Zum Schluss: Wie feiern Sie Ihren 80. Geburtstag?
Ich mache keine grosse Party. Es werden aber bestimmt einige Weggefährten vorbeikommen. Am Sonntag besuche ich dann das Freiburger Kantonale. Darauf freue ich mich sehr.