Kritischer Brief und Boykott-Gerüchte
Staudenmanns Brünig-Rückkehr droht ungemütlich zu werden

Als Fabian Staudenmann vor zwei Jahren einen kritischen Brief ans Brünig-OK verschickte, überraschte das viele – sein Umfeld aber nicht. Nun kehrt er erstmals auf den Brünig zurück und kann Geschichte schreiben.
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Nicola AbtReporter Sport

Fabian Staudenmann (26) scheut keine negativen Reaktionen. Das bewies der Kilchberger-Sieger vor zwei Jahren. Blick enthüllte damals sein Schreiben an das Brünig-OK. Der Brief wurde von mehreren Eidgenossen und Schwingerkönigen unterzeichnet. Darin prangerte Staudenmann verschiedene Missstände auf der Passhöhe an und lieferte gleichzeitig konkrete Verbesserungsvorschläge.

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Der Brünig ist mit seinen engen Platzverhältnissen immer wieder ein Thema bei den Schwingern.
Foto: BENJAMIN SOLAND

Als er in den beiden folgenden Jahren am Bergklassiker fehlte, machten Boykott-Gerüchte die Runde. Diese weist Staudenmann entschieden zurück. «Es passte einfach nicht in meine Saisonplanung», sagt er. Nun kehrt der Berner auf den Brünig zurück.

Diplomatische Antwort auf der Rigi

Staudenmanns erster Auftritt seit dem Brief birgt Zündstoff. «Es dürfte den einen oder anderen kritischen Spruch geben. Dem bin ich mir aber auch bewusst. Ich erwarte nicht, dass sich alle auf mich freuen.» 

Dass ausgerechnet Staudenmann den Brief aufsetzte und damit die Verantwortung übernahm, überrascht sein Umfeld nicht. «Fäbu macht nicht die Faust im Sack. Wenn ihn etwas stört, spricht er es an. Davon profitieren am Ende alle», sagt sein langjähriger Weggefährte, Eidgenosse Michael Ledermann.

Gleichzeitig ist Staudenmann keiner, der einfach drauflospoltert. Er wägt seine Worte sorgfältig ab und weiss genau, welche Wirkung sie entfalten können. Das zeigte sich erst am vergangenen Sonntag auf der Rigi. Nach seinem Sieg hätte der Berner allen Grund gehabt, die Einteilung zu kritisieren.

Das Duell gegen Teamkollege Michael Moser im fünften Gang sorgte bei Schwingern, Zuschauern und Funktionären für Kopfschütteln. Staudenmann blieb trotzdem diplomatisch. «Das gehört zum Schwingsport dazu. Wir mussten einfach das Beste daraus machen», erklärt er im Anschluss. 

Dem «Hühnerhaufen» fehlte ein Anführer

Wenn er Kritik äussert, dann bewusst. Genau deshalb war auch der Brünig-Brief kein Schnellschuss. Seine Charaktereigenschaft als Leader voranzugehen, brachte ihm bei seinem Schwingklub Schwarzenburg den Übernamen «Patron» ein. Entstanden ist dieser nach einer Vereinsaktivität abseits des Sägemehls.

Am Morgen musste dafür noch etwas vorbereitet werden. Staudenmann verschlief und kam dementsprechend knapp. Seine Kollegen mussten deshalb alles selber organisieren. Im Nachhinein bezeichneten sie sich scherzhaft als «Hühnerhaufen». Mit Staudenmann fehlte ihnen ein Leader, der das Heft in die Hand nahm. 

«Glaube nicht, dass sich alle auf mich freuen»
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Staudenmanns Brünig-Rückkehr:«Glaube nicht, dass sich alle auf mich freuen»

Vor den Wettkämpfen leitet der Volkswirtschaftsstudent auch schon mal das Aufwärmen. Verantwortung übernimmt Staudenmann aber nicht nur auf dem Schwingplatz. Vor dem letztjährigen ESAF in Mollis organisierte er für seine Kollegen ein Trainingslager auf der Kleinen Scheidegg im Berner Oberland. «Das ist typisch Fäbu. Er fragt sich ständig, was man noch optimieren könnte», so Ledermann. 

Unterstützung von drei Königen

Genau dieser Drang, Dinge für sich selbst, aber auch für andere zu verbessern, führte schliesslich zum Brünig-Brief. Für Staudenmann war das Schreiben nie eine Abrechnung mit dem Traditionsfest. «Aus meiner Sicht war das damals ein sehr konstruktiver Brief. Er beinhaltete Kritik, aber auch Lösungsvorschläge.»

Ihm sei es darum gegangen, den Schwingern mehr Wertschätzung entgegenzubringen. «Das fehlte in meinen Augen.» Staudenmann stand mit seiner Meinung nicht alleine da. Die Könige Christian Stucki, Kilian Wenger und Nöldi Forrer begrüssten das Schreiben.

«Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob für diese Brünig-Mängelliste zwei Seiten ausgereicht haben», sagte Forrer damals lachend zu Blick. Ein Anliegen beschäftigt Staudenmann bis heute: die Ticketvergabe. Da die Eintrittskarten seit Jahrzehnten praktisch immer innerhalb derselben Familien weitergegeben werden, gehen Angehörige der Schwinger oft leer aus.

Mehr Preisgeld für den Festsieger

«Das macht mich nach aktuellem Wissensstand noch immer nicht sehr glücklich», sagt Staudenmann. Er wünsche sich, dass ein Teil der Tickets für die Familien und engsten Begleiter der Schwinger reserviert wird. Darauf angesprochen sagt OK-Präsident Walter von Wyl: «Daran wird sich in nächster Zeit nichts ändern. An vielen anderen Bergfesten wird das schliesslich genauso gehandhabt.» 

Bei anderen Kritikpunkten hat sich dagegen etwas bewegt. Das Preisgeld für den Sieger wurde inzwischen auf 2500 Franken erhöht. «Das war aber schon vor Fabians Brief beschlossen», betont von Wyl. Zudem seien die Toiletten für die Schwinger sowie Parkplätze heute besser signalisiert.

Auf Sprüche folgt ein Spruch als Antwort

Nach der Veröffentlichung des Briefs kam es zwischen Staudenmann und dem Brünig-OK zu einer Aussprache. Groll ist keiner zurückgeblieben. «Ich habe überhaupt kein Problem mit Fabian. Wir haben das ausdiskutiert und sind danach friedlich auseinandergegangen», sagt von Wyl.

Ob Staudenmann am Sonntag tatsächlich kritische Sprüche zu hören bekommt, wird sich zeigen. Sein langjähriger Weggefährte Michael Ledermann glaubt jedenfalls nicht, dass ihn das aus der Ruhe bringt. «Fäbu wird wohl schmunzeln und einen lustigen Spruch zurückgeben.»

Harte Konkurrenz auf dem Brünig

Viel wichtiger als alte Diskussionen sind für Staudenmann am Sonntag seine sportlichen Leistungen. Ausgerechnet auf jenem Berg, auf dem er vor zwei Jahren für Schlagzeilen sorgte, kann er nun Geschichte schreiben. Gewinnt er erstmals auf dem Brünig, wäre er nach Martin Grab erst der zweite Schwinger überhaupt, der alle sechs Bergkranzfeste mindestens einmal gewonnen hat.

Dass ihm dieser historische Meilenstein gelingt, daran glaubt Hans Kopp (77). «Er hat die Prüfungen hinter sich und den Kopf wieder frei. Dass das in dieser Saison nicht immer der Fall war, hat man gemerkt», sagt der älteste noch lebende Kilchberger-Sieger.

Nach seinen Siegen beim Berner Kantonalen und auf der Rigi scheint Staudenmann rechtzeitig in Top-Form zu sein. Eine starke Leistung ist dann auch vonnöten, um gegen Kaliber wie König Armon Orlik oder ESAF-Schlussgänger Werner Schlegel zu bestehen. Gelingt ihm das, hat er sich seinen ersten Brünig-Sieg und damit einen Platz in den Geschichtsbüchern mehr als verdient.

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