Darum gehts
- Samuel Giger outet sich als Profi-Schwinger, Verband gerät in Kritik
- Roland Knutti: Verband fördert Zweiklassengesellschaft durch Sponsoren-Entscheid
- Der Berner Oberländer glaubt nicht, dass sich Giger dadurch stark verbessern wird
Samuel Gigers (28) Profi-Outing wirft eine Grundsatzfrage auf: Wer ist schuld daran, dass es im Schwingsport überhaupt Profis gibt? Für Roland Knutti ist die Antwort klar. Nicht der Thurgauer sei das Problem. «Der Verband ist schuld daran, dass wir heute Profis im Schwingsport haben», sagt der ehemalige Trainer von Schwingerkönig Kilian Wenger zu Blick.
Der langjährige Technische Leiter der Berner Oberländer und frühere Einteiler erinnert an einen Entscheid von 2011. Damals reglementierte der Verband die Sponsoreneinnahmen der Schwinger. «Als Traditionalist bedaure ich sehr, dass es so weit gekommen ist. Das fördert die Zweiklassengesellschaft», sagt Knutti.
Profi-Dasein bringt Giger nicht weiter
Dass sich Samuel Giger öffentlich zum Profitum bekennt, überrascht ihn deshalb nicht. «Solange der Verband nichts ändert, wird Giger bestimmt nicht der Letzte sein, der Profi wird. Vor ihm hat Christian Stucki auch eine Zeit lang nur geschwungen.»
Sportlich sieht Knutti im Vollprofitum allerdings keinen entscheidenden Vorteil. Bereits nach der Ära Jörg Abderhalden hätten mehrere Spitzenschwinger ihr Arbeitspensum auf 50 Prozent reduziert, um mehr Zeit fürs Training zu haben. «Nur Matthias Sempach ist es gelungen, sich dadurch klar zu steigern. Was ihn schliesslich zum König machte. Die anderen sind aus meiner Sicht stagniert oder sogar schlechter geworden.»
Deshalb glaubt der Berner Oberländer auch nicht, dass Giger als Vollprofi nochmals einen Leistungssprung machen wird. «Du brauchst einen geregelten Alltag mit einem Arbeitspensum von mindestens 70 Prozent.» Beim Eidgenössischen Schwingerverband sieht man die Entwicklung deutlich gelassener.
Verband reagiert auf die Kritik
Schwinger-Boss Fridolin Beglinger stört Gigers Entscheid nicht. «In Schwingerkreisen weiss man, dass es schon heute einige gibt, die praktisch vom Sport leben. Ob einer noch einen Tag pro Woche arbeitet oder gar nicht mehr, macht für mich keinen riesigen Unterschied.» Eingreifen müsse der Verband erst, wenn das Profitum überhandnehme oder junge Schwinger wegen des Sports auf eine Lehre verzichteten. «Erst dann hätten wir ein Problem.»
Den Vorwurf von Knutti, der Verband habe mit der Öffnung für Sponsoren den Grundstein für das heutige Profitum gelegt, weist Geschäftsführer Reto Bleiker zurück. «Ich teile diese Kritik nicht. Ohne die damalige, teilweise Öffnung des Schwingsports gegenüber Sponsoring und Unterstützung wären wir heute vermutlich gar nicht in der Situation, einen solchen Artikel zu lesen.»
«Ein krasser Widerspruch!»
Für Bleiker ist die Entwicklung vielmehr eine Erfolgsgeschichte. «Die enorme Popularität des Schwingsports, die gestiegene mediale Präsenz und die Professionalisierung in gewissen Bereichen sind auch eine Folge dieses Entscheids.» Gleichzeitig betont er, dass der Verband die traditionellen Werte weiterhin schützen wolle. «Es gelten nach wie vor klare Regeln, welche den Amateurgedanken des Schwingsports bewahren.»
Bei Knutti sorgt genau diese Aussage für Kopfschütteln. «Das ist doch ein krasser Widerspruch!» Aus seiner Sicht werde der Amateurgedanke längst nicht mehr geschützt. «Der Verband schaut dem wachsenden Profitum nur zu.»
Der Berner Oberländer befürchtet, dass dies erst der Anfang ist. Was passiert, wenn künftig talentierte Jungschwinger beim Übertritt zu den Aktiven ihre Lehre verlängern oder das Arbeitspensum reduzieren, weil Sponsoren den fehlenden Lohn ausgleichen?