Übrigens – die SonntagsBlick-Kolumne
Reicht euch die Hand!

Ein verweigerter Handschlag bringt die Schwingerfamilie in Wallung. Die Kolumne von Felix Bingesser.
Kommentieren
1/2
Werner Schlegel sorgte auf dem Brünig für Aufsehen.
Foto: Claudio Thoma/freshfocus
Blick_Portrait_2631.JPG
Felix BingesserReporter Sport

Wie begegnet man sich auf dieser Welt? In Tibet streckt man bei der Begrüssung dem Gegenüber die Zunge heraus. In Japan macht man den Bückling, bis die Bandscheiben knarren. In Neuseeland legt man Stirn und Nase aneinander.

In unseren Breitengraden hat sich der Handschlag als Geste durchgesetzt. In der Antike reichten die Menschen einander die rechte Hand, um zu zeigen, dass sie keine Waffe trugen. Im Mittelalter wurde das Händereichen zum Zeichen eines Vertrags, eines Eids oder einer Versöhnung. Die Formulierung «Reicht euch die Hände!» ist auch in der Bibel zu finden. 

Den Handschlag als freundschaftliche Grussform eingeführt haben nicht die Schwinger. Sondern die Quäker, eine Glaubensgemeinschaft aus England. Mit dem Handschlag wollten sie sich auf Augenhöhe begegnen. Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich der Handschlag auch in Europa und Nordamerika durch.

In der Schweiz ist der Schwingsport die Hochburg des Handschlags. Als Geste der Fairness und des Respekts vor und nach einem Gang. Jetzt hat Werner Schlegel, der Vulkan aus dem Toggenburg, mit der Tradition gebrochen und die Idylle gestört.

Schlegel, der Böseste aller Bösen, der den Sägemehlring betritt, als wolle er den Gegner kannibalisch mit Haut und Haar verspeisen, sah sich ungerecht behandelt. Und stürmte nach einer umstrittenen Niederlage zum Tischchen der Kampfrichter. Sein Kontrahent folgte ihm auf der verzweifelten Suche nach der Hand des Verlierers. 

Weil der Schwingsport zum TV-Sport geworden ist, ist der Sturm der Entrüstung gross. Einmalig ist die Geschichte nicht. Solche Szenen gab es auch früher. Der Unterschied: Es waren nicht einige Zehntausend Moralapostel Augenzeugen. Leute, die vergessen, dass sie auch mal jung und aufbrausend waren. Und dass bei einem Kampfsport auch die Nerven blank liegen können. 

Gäbe es Werner Schlegel nicht, man müsste ihn erfinden. Seine Wildheit, seine Entschlossenheit, seine spektakuläre Schwingart. Der Vulkan aus dem Toggenburg hat das Feuerwerksverbot schon eine Woche vor dem 1. August missachtet. Und zumindest verbal ein solches gezündet. 

Ihm nach diesem Fehltritt Unanständigkeit zu unterstellen, schiesst weit über das Ziel hinaus. Werner Schlegel ist ein toller Sportsmann und ein toller Bursche. Hand drauf!

Statt geifernde Kommentare abzusetzen, sollten die empörten Schwingfans lieber die Hand ausstrecken. Das wäre Schwingerart. 

Auf dem Brünig gab es im Übrigen schon hitzigere Diskussionen als diejenige vom letzten Sonntag. 1989 beispielsweise. Da wurde Harry Knüsel im Schlussgang gegen den Südwestschweizer Gabriel Yerli der Sieg zugesprochen. Obwohl es verpönt war, gab es damals ein gellendes Pfeifkonzert in der Naturarena, weil Yerli nicht ganz auf dem Rücken lag.

Das Kampfgericht tagte geschlagene 45 Minuten lang. Bevor Knüsel nach einer Abstimmung (4:3 Stimmen) doch noch zum Festsieger erkoren wurde.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.
In diesem Artikel erwähnt
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen