Darum gehts
Als Stepan Tsirkin (39) in seiner Kindheit zur Schule ging, zeigte das Thermometer manchmal minus 30 Grad an. Aufgewachsen ist der Russe in der Millionenstadt Omsk in Sibirien. «Bis minus 35 Grad mussten wir Kinder trotzdem in die Schule. Erst wenn es noch kälter wurde, hatten wir frei», erinnert er sich.
Knapp drei Jahrzehnte später mischt er die Schwingszene auf. Am Walliser Kantonalen am Sonntag gelang dem Wissenschaftler ein regelrechter Coup. Kurz vor seinem 40. Geburtstag gewann er den ersten Kranz. «Das ist eine verrückte Geschichte», sagt er selbst treffend.
Übernachtung im Wald und lange Velo-Anfahrt
Wie verrückt Tsirkin auch als Typ ist, weiss Gian Maria Odermatt (21). Der Teilverbandskranzer lernte den Russen während dessen erster Zeit in der Schweiz kennen. Tsirkin arbeitete als Physiker an der Universität Zürich und schloss sich dem Schwingklub Zürcher Oberland an.
Im Schwingkeller fiel der Neuling sofort auf. «Der hatte derart viel Kraft, das war der Wahnsinn. So etwas hatte ich noch nie gesehen», erinnert sich Odermatt. «Ich weiss noch, wie er Shane Dändliker einmal durch die Luft warf, als wäre es nichts.»
Doch nicht nur seine Kraft blieb in Erinnerung. «Zum Training kam er immer mit dem Velo. Dabei wohnte er rund 30 Kilometer vom Schwingkeller entfernt.» Vor einem Bachtelschwinget übernachtete Tsirkin sogar im Wald. «Dem hätte ich da nachts nicht begegnen wollen», sagt Odermatt lachend.
Das Problem mit den Gewichtsklassen
Nach seinem ersten bleibenden Eindruck verschwand Tsirkin wieder aus der Schwingszene. Die Forschung führte ihn zurück nach Spanien, wo seine Frau und die beiden Kinder leben. Erst vor kurzem zog es ihn beruflich erneut in die Schweiz – diesmal nach Lausanne.
Kaum angekommen, machte sich der Russe wieder auf die Suche nach einem Schwingkeller. Dass er im Sägemehl landete, verdankt er übrigens einem Zufall. Eigentlich wollte Tsirkin während seines Aufenthalts in der Schweiz Judo machen. Dieser Kampfsport hatte ihm schon als Kind in Sibirien gefallen.
Doch bei der Suche nach Trainingspartnern stellte er schnell fest, dass es in seiner Gewichtsklasse über 100 Kilo nur wenige Athleten gibt. Also fragte er sich, wo all die Schwergewichte geblieben sind. «Die sind beim Schwingen», bekam er immer wieder zu hören.
Drei Trainings in der Woche
Den Nationalsport kannte Tsirkin bereits von früheren Touristenbesuchen in der Schweiz. «Mir gefällt der Kampf Mann gegen Mann. Die Atmosphäre an den Schwingfesten ist zudem etwas ganz Besonderes.» Am Walliser Kantonalen hat ihn das scheinbar beflügelt. Auf dem Weg zu seinem ersten Kranz gelang ihm im letzten Gang ein Exploit.
Tsirkin bezwang in Naters VS den Teilverbandskranzer Silvan Zbinden und sichert sich damit an seinem vierten Kranzfest den ersten Kranz. Der Kampf gegen den vermeintlich stärkeren Gegner dauerte nur knapp eine Minute. «Es ging alles perfekt auf», so der Russe über seinen Coup. Aktuell trainiert er einmal in der Woche im Sägemehl und zweimal im Kraftraum.
Bereits am nächsten Wochenende wird sich zeigen, ob er seine im Wallis gezeigte Leistung bestätigen kann. Dann tritt Tsirkin beim Jurassischen Kantonalschwingfest in Saignelégier an. Seine Gegner sollten nun gewarnt sein, welche gewaltige Kraft da auf sie zukommt.