Darum gehts
Es ist nur eine Zahlenspielerei, aber eine beeindruckende. Wäre nur schon einer der 14-Meter-Sägemehlringe am Kilchberger Schwinget mit einer Wohnung überbaut, wäre diese Fläche sagenhafte 3’749’592 Franken wert. 3,7 Millionen Franken für die rund 150 Quadratmeter des Sägemehlrings! Das, weil Kilchberg mit einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis für Immobilien von 24’348 Franken die teuerste Gemeinde der Schweiz ist.
Das steuergünstige Kilchberg am Zürichsee boomt. Es gilt als extrem attraktiv für gut betuchte Zuzüger aus aller Welt. Ein Schwingfest in der teuersten Gemeinde des Landes – der bodenständige Nationalsport, geprägt vom Landleben und von Werten wie Bescheidenheit, zu Gast in der mondänen Gemeinde am Rand von Zürich. Sind diese zwei gegensätzlichen Welten überhaupt kompatibel?
Das Dorf ist in wenigen Jahren auf 9500 Einwohner angewachsen. Viele davon Expats. Im Tennisklub wird häufig Englisch gesprochen. Den Turnverein gibts noch, die Männerriege aber nicht mehr. Das «Home of Chocolate» zieht täglich Tausende Touristen an. Und am Samstag kommen die besten Schwinger des Landes. Die Blick-Reportage aus einem Dorf voller Gegensätze.
Die Pfarrerin hat ein Selfie mit Schwingerkönig Abderhalden
«Kilchberg ist in vielerlei Hinsicht eine privilegierte Gemeinde. Aber die grundsätzlichen Fragen der Menschen sind ortsunabhängig», sagt Sibylle Forrer. Sie ist seit elf Jahren reformierte Pfarrerin in der prachtvollen Kirche oberhalb des Dorfes, der Kilchberg seinen Namen verdankt.
Noch ist es am Vormittag still auf dem Gelände. Das ist nicht immer so. Täglich besuchen Touristengruppen den Friedhof. Hier liegt die Familie des berühmten deutschen Autors Thomas Mann begraben. Die Gräber der Manns als Wallfahrtsort. Auch das ist Kilchberg.
Dass der Schwingsport mit Kilchberg ZH eine ganz und gar untypische Heimat fand, liegt an Emil Huber. Der wohlhabende Kilchberger war seit seiner Jugend Schwingfan und führte das Sanatorium in seinem Heimatdorf, als er mit dem Ausgang des Eidgenössischen Schwingfests 1927 nicht zufrieden war.
Kurzerhand lud Huber für eine ESAF-Revanche die 60 besten Schwinger in den Sanatoriumsgarten ein. Bei der Premiere im strömenden Regen sind auch bereits 1200 geladene Gäste dabei. Allerdings nur 42 der eingeladenen 60 Schwinger.
Doch Huber etablierte sein Fest. Schon 1932 war das Sanatorium zu klein, erstmals wurde in der noch heute genutzten Schwingermulde auf dem Hof Stockengut geschwungen. Die ersten Jahrzehnte fand das Fest alle fünf Jahre statt. Seit 1978 alle sechs Jahre. Dies im Wechsel mit dem Unspunnen-Fest, neben dem ESAF dem dritten Traditionsanlass mit eidgenössischem Charakter.
Dass der Schwingsport mit Kilchberg ZH eine ganz und gar untypische Heimat fand, liegt an Emil Huber. Der wohlhabende Kilchberger war seit seiner Jugend Schwingfan und führte das Sanatorium in seinem Heimatdorf, als er mit dem Ausgang des Eidgenössischen Schwingfests 1927 nicht zufrieden war.
Kurzerhand lud Huber für eine ESAF-Revanche die 60 besten Schwinger in den Sanatoriumsgarten ein. Bei der Premiere im strömenden Regen sind auch bereits 1200 geladene Gäste dabei. Allerdings nur 42 der eingeladenen 60 Schwinger.
Doch Huber etablierte sein Fest. Schon 1932 war das Sanatorium zu klein, erstmals wurde in der noch heute genutzten Schwingermulde auf dem Hof Stockengut geschwungen. Die ersten Jahrzehnte fand das Fest alle fünf Jahre statt. Seit 1978 alle sechs Jahre. Dies im Wechsel mit dem Unspunnen-Fest, neben dem ESAF dem dritten Traditionsanlass mit eidgenössischem Charakter.
Pfarrerin Forrer, einst im TV die Stimme von «Wort zum Sonntag», ist vermutlich die Frau im Ort, die am besten den Puls der Menschen im Dorf spürt. Vor allem deshalb, weil bei ihr wie kaum sonst wo die Generationen und Bevölkerungsschichten aufeinandertreffen. Das Angebot ist üppig: Familienferien, Bastelstunden, Konzerte, Bildungsveranstaltungen, Kasperlitheater, Mittagstisch und so weiter. Es kommen auch viele Expats, die Anschluss suchen. «Viele ziehen her und stellen dann fest, dass sie sich allein fühlen. Es fehlen zum Beispiel die Grosseltern», sagt Forrer.
Aber da ist auch die Frau aus Afghanistan, die beim Mittagstisch hilft. Der Grund: Im alten Seespital von Kilchberg wird ein temporäres Durchgangszentrum für Asylsuchende betrieben. Auch das ist Kilchberg.
«Schlussgang von 2007 schaue ich auch heute noch gerne an»
«Es ist unser grosses Anliegen, dass sich bei uns Menschen aus ganz unterschiedlichen Kontexten treffen können», sagt Forrer. «Viele Expats wissen gar nicht, was die reformierte Kirche ist, und lernen sie dann durch unser vielseitiges Programm kennen. Wichtig ist uns: Wir sind für alle Menschen da.» Wird also auch hier fast mehr Englisch als Deutsch gesprochen? «Bis jetzt hatten wir keine Nachfrage nach englischsprachigen Angeboten», winkt Forrer ab. Das liegt aber auch an der nur 600 Meter entfernten International Baptiste Church, wohin englischsprachige Gläubige ausweichen können. Auch das ist Kilchberg.
In der reformierten Kirche hat aber auch der Schwingsport einen festen Platz. Da, wo man es vielleicht am wenigsten vermuten würde: bei Pfarrerin Forrer selbst. Sie lacht, als sie fürs Fotoshooting in die Zwilchhosen steigt und sagt: «Meine Familie stammt aus dem Toggenburg und ist sehr schwinginteressiert. Ich bin quasi mit den Königen Nöldi Forrer und Jörg Abderhalden aufgewachsen. Als Abderhalden zum dritten Mal König wurde, waren wir danach am Fest dabei. Es war genial. Seinen Schlussgang 2007 gegen Stefan Fausch schaue ich auch heute noch gerne auf Youtube an.» Die Pfarrerin als junge Erwachsene auf einem Foto mit dem gekrönten Abderhalden. Auch das ist Kilchberg.
Wir verlassen das Areal und auch das nebenan liegende Kirchgemeindehaus mit dem neu gestalteten Chileplatz, der erst im Mai neu eröffnet wurde. Dahinter steckt auch die verzweifelte Suche nach einem echten Dorfzentrum. Es scheiden sich die Geister, ob der neue Chileplatz der richtige Ort dafür ist. Seit Jahren gibts Projekte und Diskussionen, wie genau die zentralere Region rund um den Bahnhof aufzuwerten sei.
Einen Treffpunkt gibts beim Bahnhof aber bereits. Es ist die weitherum bekannte Bäckerei Känzig, die auch ein Café betreibt. Seit 16 Jahren ist Arsim Totaj Inhaber. Er arbeitete zuvor als Bäcker im Betrieb. «Die Känzigs kamen ins Rentenalter und wollten nicht, dass eine grosse Kette übernimmt. So bin ich mit meiner Familie eingestiegen», sagt er, als er Pause macht und inmitten der Stammgäste auf der Terrasse sitzt. Seine Frau, die Tochter und der Sohn schuften alle mit: «Bei einem kleinen Betrieb geht es nicht anders.»
In den Schaufenstern beim Beck wird das Schwingfest sichtbar
Die Bahnhofsgleise sind gleich über dem Parkplatz, zwei S-Bahn-Linien stoppen in Kilchberg. «Am Morgen kaufen die Leute ihr Gipfeli, am Abend das Brot», sagt Totaj. Aber es stoppen auch viele Autos für den Einkauf. Während im Café vor allem ältere Einheimische und regelmässig auch Schokoladenfabrik-Touristen sitzen, gehen im Laden nebenan sämtliche Bevölkerungsschichten ein und aus. «Ich sehe es den Leuten zwar nicht an, aber ich bin sicher, dass bei uns auch viele Millionäre einkaufen», sagt Totaj mit einem Schmunzeln. Der Millionär beim Gipfeliposten. Auch das ist Kilchberg.
Die Bäckerei ist einer der wenigen Orte im Dorf, wo das Schwingfest sichtbar ist. Eine Angestellte dekorierte mit viel Aufwand die Schaufenster. «Ich werde häufig nach Tickets gefragt. Aber ich habe auch keine!» Es ist früher Nachmittag, aber Totaj lässt sich mit «gute Nacht» verabschieden. Sein Arbeitstag begann schon in der Nacht in der Backstube. Ein Büezer in der Backstube. Auch das ist Kilchberg.
Hart gearbeitet wird auch im Oberen Mönchhof. Das Edelrestaurant im 520-jährigen Riegelhaus figuriert im Michelin-Führer, die Tischtücher sind auch im Aussenbereich weiss und faltenlos. Das Rindsfilet kostet 70 Franken. Auch das ist Kilchberg, selbstverständlich. «Natürlich haben wir Gäste, denen es nicht aufs Geld ankommt», sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Isabel Scholze, die seit 16 Jahren im Betrieb ist. «Aber wir haben auch viele Gäste, die einfach gerne von Zeit zu Zeit schön essen gehen.» Über Mittag sässen auch Bauarbeiter am Tisch. «Wir haben auch schon welche auf dem Parkplatz vom Wenden abgehalten», sagt Scholze schmunzelnd, «und konnten sie überzeugen, dass wir Menüs in allen Preisklassen anbieten.»
Aber klar: Im Oberen Mönchhof verkehrt dann doch eher die Oberschicht. So kehrt beispielsweise der Rotary Club regelmässig ein. Scholze: «Wir sind auch schon von Stammgästen nach Hause eingeladen worden, dann haben sie uns bekocht.» Auch das ist Kilchberg.
Zurück zum Bahnhof. Blick nimmt die Strecke unter die Füsse, die täglich Tausende zurücklegen. Den Weg von der S-Bahn hinüber ins Home of Chocolate, ins Schokoladen-Museum am Standort von Lindt & Sprüngli. Spätestens hier riecht Kilchberg nach Schoggi. Auch Lindt & Sprüngli ist Kilchberg. Logisch! Finden wir hier den mächtigsten Mann von Kilchberg?
Doch Ernst Tanner, langjähriger CEO und heutiger VR-Präsident des Schokoladengiganten, ist an diesem Tag nicht im Hauptsitz. Aber er lässt ausrichten: «Mächtigster Mann? Nein, ganz bestimmt nicht. Ein Dorf wird von vielen Menschen geprägt: von der Gemeinde, von Vereinen, von Schulen, Kirchen, Gewerbebetrieben und natürlich von den Einwohnerinnen und Einwohnern. Lindt & Sprüngli ist ein wichtiger Teil von Kilchberg, aber eben nur ein Teil.»
Kilchberg ist auch ein Schokoladen-Schlaraffenland
Seit 1899 ist die erste Fabrik in Betrieb. Damals hatte Kilchberg noch keine 2000 Einwohner. Mittlerweile sind die Firma und das Dorf extrem gewachsen. Sind die Schokoladen-Barone ihrer Heimat eigentlich längst entwachsen? Das lässt der Patron nicht gelten. «Kilchberg ist unsere Heimat und weit mehr als nur ein Firmenstandort. Er ist ein wichtiger Teil unserer Identität», sagt Tanner.
Als 2020 das Home of Chocolate eröffnet wurde, übertraf es bald die kühnsten Erwartungen und befand sich mit mehreren Hunderttausend Besuchenden pro Jahr fast auf dem Besucher-Niveau des Luzerner Verkehrshauses. Auf dem Rundgang durchs Museum lässt sich rasch erahnen, warum die Besucher Schlange stehen: Man darf nach Herzenslust degustieren. Ein Schokoladen-Schlaraffenland: Auch das ist Kilchberg, sogar in Indien, Brasilien, Südafrika und Saudi-Arabien.
Es ist klar, dass der Touristenstrom nicht jedem im Dorf gefällt. VR-Boss Ernst Tanner: «Wir freuen uns über den grossen Erfolg. Gleichzeitig sind wir uns unserer Verantwortung gegenüber der Gemeinde bewusst. Das sieht man am Beispiel der Verkehrsplanung: Wir arbeiten seit mehreren Monaten an einem Projekt, mit dem Ziel, den Verkehrsfluss weiter zu optimieren.»
Wo passt im globalisiertesten Ort Kilchbergs der Schwingsport hin? Schwierig. Wobei der Chef selber im Schaffhausischen auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. «Ich bin mit traditionellen Schweizer Werten aufgewachsen», schildert Tanner, «Schwingen verbindet Tradition mit Spitzenleistung. Das ist auch als Unternehmer sehr wichtig für mich.»
Der Schornstein der Schokoladenfabrik ist bei weitem nicht das Einzige, was die Hausdächer überragt. Kilchbergs Skyline besteht auch aus Baukränen. Ortstermin auf einer der zig Baustellen im Dorf. Bei einem der vielen 30er-Zone-Strässchen vollenden zwei Bauarbeiter gerade eine Treppe zu einem Neubau. In wenigen Wochen wird die letzte Luxuswohnung bezogen.
Wer wird hier in den noch leeren Räumen bald wohnen? Das bleibt natürlich topsecret. Aber mit Erlaubnis des Käufers händigen Ingila und Claudio Baumann uns die Plastiküberzieher für die Schuhe aus und führen durch eine edle 4,5-Zimmer-Wohnung. Die Seesicht ist gigantisch – zumindest, bis gegenüber auf der Baustelle der Neubau ebenfalls in die Höhe gewachsen ist. Noch hängen die Post-its in den Räumen, die kennzeichnen, wo bis zum Einzug noch winzige Mängel nachgebessert werden müssen.
Das Ehepaar führt mit der Baumann Estate AG ein eigenes Immobilienunternehmen. Claudio Baumann ist selber in Kilchberg aufgewachsen, seine Frau hat jahrelang im Ort gelebt. Sie haben den Boom der Region privat und beruflich hautnah miterlebt. «In den letzten 20 Jahren sind die Preise enorm gestiegen», sagen sie.
«Pfnüselküste hören wir kaum noch», sagt Ingila Baumann. Selbst die Abendsonne, die lange Jahre ein Trumpf der Goldküste war, ist nicht mehr gross ein Verkaufsargument. In der Hitzewelle sitzt man abends lieber zeitig im Schatten. Auch das ist Kilchberg.
Was wohlhabende Schweizer und Ausländer bewegt, nach Kilchberg zu ziehen? Das Maklerpaar bringt es so auf den Punkt: «Vielen Menschen ist der Zeitaspekt sehr wichtig geworden.» Kurze Wege nach Zürich und Zug, kurze Wege zum Einkaufen und ins Gym, kurzer Weg in die Bündner Berge, selbst die Distanz ins Tessin gilt in der Branche als Kilchberger Trumpf. Kurzer Weg in die International School im nahen Adliswil ZH. «Die Leute wollen Lebensqualität, da hat Kilchberg extrem aufgeholt.»
Der Mix aus verschiedenen Faktoren macht das Dorf attraktiv
Die Nachfrage ist so gross und das Angebot so knapp, dass die meisten Wohnungen in Neubauprojekten direkt ab Plan gekauft werden. Je nach Lage und Ausbaustufe bewegen sich Neubauwohnungen rasch im Bereich von mehreren Millionen Franken.
Konkrete Preise können die Baumanns aus Diskretionsgründen nicht nennen, selbst wenn sie es wollten. «Bei den Sonderwünschen gibts praktisch keine Limits.» Ein Direktlift mit Gesichtserkennung in die Tiefgarage, italienischer Naturstein in der Küche, pro Schlafzimmer ein Bad, beleuchtete Schränke als Standard. Klar, auch das ist Kilchberg.
Claudio Baumann erwähnt, dass der Ort vielen Kunden eine offenbar gefragte Wahl lässt. «Die Grösse von Kilchberg führt dazu, dass man anonym leben kann, wenn man das will. Aber auch Anschluss finden kann, wenn man will.» Seine Frau ergänzt: «Ein Trend ist auch, dass viel mehr nach der öffentlichen Schule gefragt wird.» Expats-Kinder, die in der Volksschule den Kilchberger Schwinget kennenlernen. Auch das ist Kilchberg.
Weil an diesem Tag die Schulferien schon vorbei sind, liegt im See-Bad gegenüber der Schokofabrik trotz Prachtwetter nur eine Handvoll Besucher auf den Badetüchern. Wir treffen Anne Riewoldt, Chefin vom Gastrounternehmen Süss & Salzig. Sie führt seit diesem Jahr den Badi-Kiosk. Es ist schon ihr siebtes Freibad, das sie kulinarisch verantwortet. Sie atmet tief durch. Durch den Hitzesommer gabs im Schnitt 2000 Gäste pro Tag, an Spitzentagen wie Pfingsten gar 3200. Riewoldt lernte die Kilchbergerinnen und Kilchberger quasi halb nackt in einem Crashkurs bei 35 Grad kennen – da liegen auch mal die Nerven blank.
Auch weil Riewoldt ein spezielles Erbe antrat. Davor führte der Zürcher Vegi-Tempel Hiltl während zehn Jahren die Badi-Beiz. Über den Winter wechselte die Badi von Vegi-Menüs auf Porzellantellern zu Pinsa, Momos, Salat, Pommes und Co. Ein Kulinarikwechsel wie Tag und Nacht. Auch das ist Kilchberg. «Wir sind neu, wir sind jung, wir sind laut und bunt», sagt Riewoldt. Ein mittlerer Kulturschock. «Es gab auch Beschwerden. Die Ansprüche in Kilchberg sind hoch», sagt die Frau, die auch Badis in Windisch AG, Hinwil ZH oder Zürich-Seebach ZH führt.
Am See würden sich zwar alle Gesellschaftsschichten vom Büezer bis zum Manager treffen. «Aber man sieht schon, dass viele Leute eher aus dem gehobenen Segment kommen.» Die Unterstützung der Gemeinde, die sie als neue Pächterin ausgewählt hat, sei aber riesig. Dass im Kulturangebot von ein und derselben Gemeinde sowohl ein bunter Badi-Kiosk wie ihrer als auch ein traditionelles Schwingfest Platz habe, sei einfach genial.
Gemeindepräsidentin redet von den Ängsten der Bevölkerung
Höchste Zeit, die bemerkenswerten 100 Meter Höhendifferenz vom See durch das Dorf hoch zum Hof Stockengut unter die Räder zu nehmen. In der Schwingermulde laufen die Aufbauarbeiten für das Highlight. Phyllis Scholl radelt heran.
Als Gemeindepräsidentin ist sie auch Ehrenpräsidentin im Schwingfest-OK. «Das ist ein Privileg», sagt Scholl. Sie sagt auch, warum: «Bei den Schwingern nehme ich im positiven Sinn noch militärische Tugenden wahr. Das gesprochene Wort gilt. Wird etwas abgemacht, gilt das.» Die 49-Jährige lässt durchblicken, dass sie es leider auch anders kennt – als Rechtsanwältin, Verwaltungsrätin von grossen Firmen in der Bau- und Energiebranche und eben als Gemeindepräsidentin hat sie viel Erfahrung mit Sitzungen und Umsetzungen von Beschlüssen.
Zurück auf den gemeindeeigenen Hof: Das aktuelle Pächterpaar geht 2027 nach 20 Jahren in Pension, die Gemeinde sichtet aktuell gerade die Bewerbungen. Ein Bauernbetrieb mitten im Zürcher Ballungsraum, der auch einen äusserst beliebten Hofladen betreibt und Ställe wie eine Art Echtzeit-Zoo für die Bevölkerung offen stehen hat: Auch das ist Kilchberg.
Der Zuzug einer neuen Betriebsleitung für das Stockengut ist für die Gemeindepräsidentin hochwillkommen. Kritischer sieht Scholl das allgemeine Wachstum ihrer Gemeinde. In Kilchberg ziehen jährlich rund 900 Menschen weg, ca. 1000 ziehen her. «Netto bleiben aber pro Jahr stets 100 bis 150. Es ist eine Frage der Zeit, bis wir 10’000 Einwohnende erreichen.»
Die bestehende Bevölkerung empfindet das starke Wachstum und die Verdichtung zunehmend als Belastung, wie Scholl schildert. Das Gefühl der Verdrängung der bestehenden Bevölkerung werde manchmal auf brutale Weise ganz konkret. «Es betrifft insbesondere ältere Leute. Wenn ihnen gekündigt wird wegen Umbau oder Abriss, finden sie keine für sie bezahlbare Wohnung mehr und müssen aus dem gewohnten sozialen Umfeld wegziehen.» Zudem wolle Kilchberg den dörflichen und persönlichen Charakter bewahren. «Bei uns wird erwartet, dass man sich auf der Strasse «Grüezi» sagt und Schweizerdeutsch versteht.»
Doch auch gerade jetzt, wenn die besten Schwinger des Landes gastieren, werden wieder zwei grosse Wiesen überbaut. Man könne das Bauen nicht verbieten, sagt Scholl und verweist auf die Gemeindeversammlung im Juni, als es um die Bau- und Zonenordnung ging. Das Ergebnis: Neue Bauzonen gibt es nicht. Und: Auch die Schwingergrube wird neu verzont. Obwohl die Gemeinde ihr eigenes Land kaum jemals überbauen würde, ging die Versammlung auf Nummer sicher und stimmte der Änderung in eine Erholungszone zu. Eine doppelte Absicherung für den Fortbestand des Schwingfests: Auch das ist Kilchberg.
Wir ziehen Fazit: Schwingen in der teuersten Gemeinde der Schweiz – ja, das geht. Weil Kilchberg mehr ist als teure Quadratmeter.