Bruder Reto war oft verletzt
Brünig-Sieger Walther ist nicht das grösste Schwing-Talent der Familie

Die Brüder Adrian und Reto Walther stehen am Sonntag beim Mittelländischen besonders im Fokus. Einer von ihnen gehört zu den Favoriten. Wenn man zurückblickt, scheint es, als wäre eigentlich der andere für diese Rolle prädestiniert gewesen.
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Nicola AbtReporter Sport

Als Reto Walther seinen Bruder Adrian begrüsst, kann er sich einen Spruch nicht verkneifen. «Du siehst nicht so aus, als hättest du schon viel gemacht», sagt er schmunzelnd. Der Brünig-Sieger im sauberen weissen T-Shirt entgegnet trocken: «Das ist alles von mir.» Dabei zeigt er auf die Tribüne hinter sich. Beide grinsen. Am Sonntag wollen sie in dieser Arena für Furore sorgen.

Das Mittelländische findet in Stettlen statt – in der Nachbargemeinde von Bolligen, ihrer Heimat. Organisiert wird es vom Schwingklub Worblental, bei dem die Brüder gross geworden sind. Entsprechend packen beide beim Aufbau mit an. «Das ist eine Ehrensache», erklärt Reto. 

Hitzige Duelle auf dem Sofa

Bevor sich die beiden Schwinger wieder an die Arbeit machen, blicken sie auf ihre Kindheit zurück. Der Weg zum Nationalsport war familiär bedingt vorgezeichnet. Ihr Vater Markus erschwang sich 1995 mit seinem berüchtigten «Links-Churz» den eidgenössischen Kranz.

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Wenn ein Schwingfest schon in ihrer Heimat stattfindet, packen Adrian (oben) und Reto Walther auch gleich selbst mit an.
Foto: BENJAMIN SOLAND

Auch mütterlicherseits gehört das Schwingen zur Familiengeschichte. Entsprechend früh entdeckten die Brüder den Kampfsport für sich. «Bevor wir ins erste Schwingtraining durften, duellierten wir uns jeweils auf dem Sofa», erinnert sich Reto. Adrian ergänzt lachend: «Wir haben unseren Eltern lebhafte Tage beschert.»

Diese dürften dann froh gewesen sein, dass sich beide Kinder für den Schwingsport entschieden haben. So war die ganze Familie zwar an vielen Wochenenden unterwegs, aber immer gemeinsam. 

Lieber Fussball spielen als schwingen

Was sich damals in den Sägemehlringen abspielte, ist aus heutiger Sicht schwer vorstellbar. Reto galt als das grössere Talent. Der gelernte Koch sammelte reihenweise Zweige, während sein älterer Bruder teilweise die Auszeichnung verpasste. «Reto war der deutlich bessere Jungschwinger», sagt Adrian. «Ich war höchstens Mittelmass. Teilweise freute ich mich fast mehr auf das Fussballspielen zwischen den Gängen.»

Heute ist alles anders. Adrian darf sich Brünig-Sieger nennen, gewann das Bernisch-Kantonale und gehört als zweifacher Eidgenosse zur Spitze. Reto dagegen steht bei erst zwei Kranzgewinnen. Was lief schief? «Leider machte mein Körper nicht mit», beginnt dieser zu erzählen.

Ein Alptraum, der nie aufhören will

Zuerst sind es kleinere Rückschläge. Hier eine Rippenverletzung, dort eine Kniescheibe, die herausspringt. Immer wieder wird Reto ausgebremst, muss einen Monat pausieren, manchmal zwei. «So Fortschritte zu machen, war fast unmöglich. Ich stagnierte», sagt er.

Die erste gröbere Verletzung betrifft seine Schulter. Gleich zweimal kugelt sie aus. «Die Bänder waren noch intakt, aber um alles zu stabilisieren, brauchte es eine Operation.» 

Er kämpft sich zurück, doch sogleich folgt die nächste Verletzung – diesmal im Knie. «Es war alles kaputt. Vom Kreuzband über das Innenband bis hin zum Meniskus.» Die Bilanz dieser Jahre liest sich wie ein Alptraum.

Eine Grippe – mehr nicht

2019 steigt er zu den Aktiven auf, kann eine Saison bestreiten – dann kommt Corona. Die Jahre 2022 und 2023 fallen wegen Verletzungen komplett aus. Erst vor zwei Jahren findet er langsam zurück in den Wettkampfrhythmus. «Diese Zeit war extrem frustrierend. Immer wenn ich dachte, jetzt habe ich es geschafft, kam der nächste Rückschlag.»

Nicht nur Reto selbst hatte damit zu kämpfen. Auch sein Bruder litt mit ihm mit. «Das zu sehen, tat mir brutal weh.» Während Reto verletzt zuschauen musste, stieg Adrian zu einem der besten Schwinger auf. Auch weil der Körper des Architekturstudenten mitmachte. «Wenn ich ein Fest aussetzen musste, dann meist wegen einer Grippe.»

Achtung, Verwechslungsgefahr!

So kommt es, dass der einst schwächere Jungschwinger heute der deutlich stärkere Aktivschwinger ist. Auf dem Platz sind die Unterschiede aktuell noch klar erkennbar. Daneben werden die beiden gerne verwechselt. «Teilweise kommen Menschen auf mich zu und sprechen mich mit Adrian an», erzählt Reto schmunzelnd.

Kein Wunder: Beide sind über 1,90 Meter gross, breit gebaut und tragen Bart. Die Ähnlichkeit ist unverkennbar. Auch ihre Gelassenheit vor einem Schwingfest verbindet sie. Während andere kaum schlafen können, bleiben die beiden auffallend ruhig. 

Die Walthers überzeugen zum Saisonstart

Das war allerdings nicht immer so. «Beim ersten Buebeschwinget musste ich mich vor Nervosität übergeben. Heute kann ich problemlos frühstücken und behalte alles bei mir», erklärt Reto, der sich zum Diätkoch weiterbilden lässt. Am Heimfest dürfte der Puls dennoch etwas höher schlagen als sonst.

Selbstvertrauen gibt der gelungene Saisonstart. Adrian triumphierte am Emmentalischen, Reto holte sich den Kranz. Eine Woche später wollen die beiden in «ihrer» Arena dieses Kunststück wiederholen. 

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