Die Kuh liegt schwer atmend im Stroh. Neben ihr kniet Schwingerkönig Matthias Sempach mit Sohn Henry (11). Die beiden sind ein eingespieltes Team. Mit etwas Unterstützung helfen sie einem Kalb auf die Welt. Dann herrscht kurz Stille. «Es sieht gesund aus», sagt Henry und blickt mit glänzenden Augen auf das Kalb, das vor ihm liegt.
Während das Neugeborene langsam den Kopf hebt, lächelt auch «Hebamme» Sempach. «Ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk», frohlockt der Schwingerkönig. Sempach feierte am 10. April seinen 40. Geburtstag. Tochter Paula (9) beobachtete die Geburt zusammen mit dem Familienhund an der Leine von ausserhalb der Box.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
Als das Kalb auf der Welt ist, will aber auch die Jüngste aus der Familie Sempach das Tier aus nächster Nähe betrachten. «Das wird einmal gross und stark», ist sie überzeugt und streichelt sanft über dessen Fell. Dann erklärt ihr Bruder den Besuchern begeistert, was als Nächstes geschieht. «Das Kalb kommt nun in die Wärmebox. Und die Mutter führen wir zum Melkroboter. Sie gibt nun erstmals Milch. Diese erhält dann ihr Kalb, weil sie wichtige Nährstoffe enthält.» Die Frage, ob er einmal wie sein Vater Landwirt werden möchte? Für Henry überflüssig.
Ein Schnaps zur Feier des Tages
Nach der emotionalen Geburt präsentiert Sempach stolz seine Geburtstagstorte aus Entlebucher Glace. Eine befreundete Familie, die auf ihrem Hof Schintbühl-Glace herstellt, hat sie für ihn gemacht und ihm schon vor seinem Geburtstag geschickt. Sempach schneidet sich ein grosses Stück ab. Auf die Ernährung muss er nicht mehr schauen. «Ich esse, was ich will.» Am meisten Freude an der Torte hat aber Tochter Paula. Sie verdrückt ihr eigenes Stück, das ihres Bruders und holt sich danach noch eins. «Die schmeckt richtig gut», schwärmt sie. Henry hat lieber etwas Salziges.
Die Eltern gönnen sich zur Feier des Tages einen kleinen Schluck Alkohol. Sempach und seine Partnerin Heidi Jenny öffnen eine Flasche Appenzeller. Das ist mittlerweile eine feste Tradition. «Wenn wir etwas geschafft haben, feiern wir das», erklärt Heidi, die sich um alles Administrative rund um den Bauernhof kümmert. «Wenn ich beispielsweise die Buchhaltung abgeschlossen habe oder wenn das Heu im Trockenen ist, stossen wir gern darauf an. Solche kleinen Momente der bewussten Freude sind uns wichtig und tun gut.»
Angestossen wird sicher auch bei der grossen Geburtstagsparty von Sempach. Er hat 120 Leute zu sich auf den Hof im Entlebuch LU eingeladen. Darunter befinden sich Familienmitglieder, Freunde und Weggefährten. Das Thema lautet «Am Schwingfest». Passend dazu sorgt sein Firm-Göttibueb mit seinen Musikkollegen für Stimmung. «Ich möchte meinem Umfeld auf diese Weise etwas zurückgeben und auch einfach einmal Danke sagen», so der König.
Spezielle Wünsche für die Zukunft hat er keine. «Gesundheit und meine tolle Familie sind das grösste Geschenk.» Sempach färbt nicht nur in puncto Tierliebe stark auf seine Kinder ab. Fragt man Paula nach ihrem Lieblingsessen, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: «Bschüssig-Teigwaren.» Ihr Vater macht seit Jahren Werbung für die Firma. «Sie hat sie aber auch wirklich gern», sagt Heidi schmunzelnd.
Auch Henry schaut bei seinem Vater genau hin. Vor Fotoshootings als Markenbotschafter von Tissot zieht Sempach jeweils eine Uhr an. Beim Besuch der Schweizer Illustrierten will es ihm sein Sohn gleichtun und trägt ebenfalls eine Uhr am Handgelenk.
Zwei Skistars im Ziegenstall
Künftig möchte Sempach noch mehr Zeit mit seinen Liebsten verbringen. So geniesst er es beispielsweise sehr, wenn er Paula beim Lernen für die Pferdeprüfung unterstützen kann. «Am liebsten mag ich es, wenn das Pferd im Galopp springt», sagt sie. Während der Pferde-Attest-Prüfung wird Paula von zwei Juroren bewertet. «Das ist wie bei Henry im Schwingen. Nur hat er mehrere Kämpfe. Ich habe nur eine Chance und muss diese packen.» Wer sieht, mit welcher Begeisterung sie von den Pferden erzählt, zweifelt nicht daran, dass sie auch diese Hürde meistern wird.
Henry schwärmt hingegen von seinen Ziegen und Hasen. «Willst du einen kaufen?», fragt er und grinst. Für das Foto holt er ein Zicklein aus dem Stall. Sein Name: Odi. Benannt nach Ski-Superstar Marco Odermatt. Ein anderes heisst Franjo. Die Geschichte dahinter erzählt Henry gleich selbst: «Das sind Zwillinge. Sie kamen am Tag des Olympia-Super-G auf die Welt.» Weil Franjo von Allmen das Rennen gewann, bekam das erstgeborene Tier den Namen Franjo. «Und das zweite, das etwas langsamer war, heisst Odi.»
Während die Kinder von ihren Tieren schwärmen, richtet Heidi einige liebevolle Worte an ihren Schatz: «Auf Mättu ist immer Verlass, er ist mein Fels in der Brandung: ob bei allen Fragen auf dem Hof, als Vater und Vorbild für unsere Kinder oder für mich als zuverlässige Stütze, damit ich sorgenfrei meinen Aufgaben ausser Haus nachgehen kann.»
Viel mehr Zeit für Liebesbotschaften bleibt nicht. Der Stall ruft. Sempach greift zur Milch der frisch gekalbten Kuh und geht zurück zum neugeborenen Kalb – damit es, wie von Paula prophezeit, einmal gross und stark wird.