Darum gehts
Lange blieb es still um Samuel Giger (28). Nach dem verpassten Königstitel in Mollis GL hat sich der Unspunnensieger zurückgezogen. Der gestellte Schlussgang gegen Werner Schlegel machte damals Teamkollege Armon Orlik zum König.
Nun meldet sich der Modellathlet erstmals wieder zu Wort – und zeigt sich ungewohnt offen. «Zwei Wochen nach dem ESAF fühlte ich eine grosse Leere in mir. So etwas habe ich noch nie erlebt», erzählt Giger.
Rätselhafter Schlussgang-Auftritt
Nach früheren Grossanlässen habe er entweder Freude oder Frust verspürt. «Diesmal hatte ich ein neutrales Gefühl in mir und das für knapp drei Wochen. Es war ganz komisch.» Giger führt das auf seine schwer einzuordnende Leistung in Mollis zurück.
«Meinen grossen Traum habe ich verpasst, und trotzdem kann ich auf die Leistung stolz sein. Es ist schwer zu beschreiben.» Etwas ratlos waren auch Fans und Experten während des Schlussganges.
Sowohl von Giger als auch von Schlegel kamen nur wenige Angriffe. Es wirkte fast so, als wollte niemand König werden. Giger verneint dies. Er dachte noch vor dem Kampf: «Ich gehe rein und verrupfe ihn.»
Das fehlende Puzzlestück
Doch schnell merkte er, dass Schlegel perfekt auf ihn eingestellt war. Kein Wunder: Die beiden kennen sich aus unzähligen gemeinsamen Trainingseinheiten. «Ich habe meine Chance gesucht, wusste aber auch, dass Werner ein so gutes Gespür hat, dass er mir bei einem Konter brutal gefährlich werden kann.»
Gegen Ende des Ganges wollte Giger noch einmal alles riskieren. «Doch ausgerechnet in dem Moment fand ich nicht das richtige Mittel.» Da nütze es auch nichts, dass Giger bis zum Schluss an den Sieg glaubte. Was also fehlte zum grossen Triumph? «Ich war technisch nicht flexibel genug, um Werner zu einem Fehler zu zwingen. Daran will und muss ich in Zukunft arbeiten.»
Dem Internet sei Dank
Seine Analyse nach dem ESAF ergab aber auch, dass er sehr viele Dinge richtig gemacht hat. Neben der körperlichen Topform streicht Giger seine mentale Verfassung hervor. «In Estavayer, Zug und Pratteln wirkte der Grossanlass viel stärker auf mich ein. Diesmal war ich perfekt vorbereitet und war mental im Hier und Jetzt. Ich erledigte in Mollis einfach meinen Job.»
Zu verdanken hat er das einer Internetrecherche nach dem ESAF 2022 in Pratteln. Dabei stiess Giger auf Adrian Brüngger. Seither treffen sich die beiden regelmässig zu Hypnosesitzungen. Das Resultat ihrer Arbeit zeigte sich unter anderem im Glarnerland.
Erster Einsatz steht kurz bevor
Als das Projekt Mollis abgeschlossen war, stand Giger dann plötzlich vor einer Herausforderung, mit der er nicht gerechnet hatte. Noch bevor die grosse Leere einsetzte, begann die Auseinandersetzung mit sich selbst.
Er hat im Vorfeld alles dem ESAF untergeordnet. «Überspitzt gesagt habe ich jeden Atemzug diesem Highlight gewidmet.» Sein Fokus reichte dabei nur bis zum Sonntagabend.
Was danach kam, traf ihn unvorbereitet. «Ich musste mir überlegen, was ich mit mir anfange, mit meinen Gedanken und Gefühlen. Die Tagesstruktur war weg. Ich hatte keine Trainings mehr. Das war speziell und nicht ganz einfach.»
Deshalb braucht Giger nach der Saison auch eine Pause. Mittlerweile ist das Feuer aber wieder richtig am Brennen für den Nationalsport. Am übernächsten Wochenende steigt Giger am Thurgauer Frühjahrsschwingfest erstmals in diesem Jahr wettkampfmässig in die Zwilchhosen.