Der Bildschirm läuft, die Gläser klirren, irgendwo duftet es nach geschmolzenem Käse. Im Zürcher Langstrassenquartier wird am französischen Nationalfeiertag nicht nur eine Tour-Etappe geschaut – sie wird zelebriert. Das Radmagazin «Gruppetto» übernimmt zum dritten Mal den Blick-Ticker und verwandelt den Imbiss Oder Wat in eine kleine französische Radsport-WG.
Schon vor dem Start ist klar: Dieser Nachmittag wird speziell. Um 12.30 Uhr zieht Andreas Züger sein Dortmund-Trikot an. Für Gastgeber Pukki, bekennender Schalke-Fan, eine Provokation. Der grosse Schalke-Schal an der Wand hängt schliesslich gut sichtbar im Lokal. «Das wird noch Probleme geben», wird gemunkelt.
Um 12.51 Uhr öffnet Corsin Zander das erste Bier. Kurz darauf landet der erste Wein auf dem Tisch: ein Pouilly-Fumé. Auch Blick-Reporter Joël Hahn bekommt ein Glas in die Hand gedrückt. «Nur das Beste für meine Jungs», sagt Gourmet-Experte Laurent Aeberli und schenkt ein.
Truffade, Wein und Tour-Atmosphäre
Während draussen langsam die ersten Fans eintreffen, bereitet Laurent das kulinarische Highlight vor: Truffade. Das traditionelle Gericht stammt aus dem Cantal, jener Region, durch die die Fahrer heute unterwegs sind. Eigentlich wird es mit Cantal-Käse und Schinken zubereitet – im Oder Wat gibt es die Schweizer Variante mit Vacherin aus Freiburg. «En Guete!», sagt Corsin und greift zu.
Neben der Etappe läuft ein eigenes Tippspiel. Die Gäste können per QR-Code ihre Prognosen abgeben, unter anderem den Abstand zur Spitzengruppe schätzen. Wer am nächsten liegt, darf den Leader-, «Güggelihut» tragen – bis ihn jemand anderes ablöst. Und Andreas? Der sorgt für Unterhaltung. Neben einem alten Champions-League-Trikot von GC aus der Saison 1994/95 hat er auch noch ein Schiedsrichter-Shirt und rote Karten eingepackt. Niemand weiss genau, wofür. Aber alle lachen.
Plötzlich sitzen Velostars am Tisch
Je länger die Etappe dauert, desto voller wird das Oder Wat. Aus dem gemütlichen Public Viewing wird ein kleines Radsport-Festival. Rund 50 Fans verfolgen das Rennen, diskutieren, lachen und fiebern mit.
Dann tauchen drei bekannte Gesichter auf: Eishockey-Legende Matthias Seger und Radprofi Fabian Lienhard fahren gemeinsam vor. Vier Stunden war Lienhard unterwegs, Seger zwei. «Eigentlich wäre das kein Problem gewesen», sagt Seger. «Aber weil ich euch noch Bier bringen musste, habe ich meine Gels vergessen.»
Die beiden schnappen sich ein alkoholfreies Bier und setzen sich dazu. Lienhard bringt sein Wissen ein, erklärt Situationen aus dem Rennen und hilft den Nicht-Profis beim Verständnis. Auch Noemi Rüegg schaut vorbei. Ihr grosses Ziel: die Tour de France der Frauen, die am 1. August in Lausanne startet.
Im Hitzekessel mit Pogacar
Im Oder Wat steigt derweil die Temperatur. Gefühlt 47 Grad sind es im Innern, rundherum stehen und sitzen die Fans dicht gedrängt. Auf dem Bildschirm kämpft Richard Carapaz vorne gegen die Uhr, während hinten das Feld auseinanderfällt.
Kurz vor dem zweitletzten Anstieg macht dann der grosse Dominator ernst: Tadej Pogacar attackiert. Innerhalb von 900 Höhenmetern fährt der Slowene den fast 50 Sekunden grossen Rückstand auf Carapaz zu und zieht vorbei.
Im Oder Wat springen die Leute von den Stühlen. Obwohl eigentlich alle wissen, was kommen wird. Pogacar lässt nichts mehr anbrennen. Er fährt souverän ins Ziel, gewinnt die 10. Etappe und distanziert Remco Evenepoel um 32 Sekunden.
Ein Nachmittag, der mehr war als ein Rennen
Sportlich ist der Ausgang keine grosse Überraschung. Pogacar gewinnt wieder einmal. Aber darum geht es an diesem Nachmittag gar nicht nur. Es geht um Wein, Käse, Diskussionen, dumme Fragen, Velogeschichten und Menschen, die gemeinsam ein Rennen erleben. Genau dafür steht das «Gruppetto». Oder wie Andreas am Ende – trotz aller Fussball-Sprüche – zugibt: «War einfach toll, hier zu tickern.»
Den Ticker gibt es hier zum Nachlesen: