«Mir blutet das Herz»
Der Hype ist riesig, aber die Tour de France wird immer langweiliger

Die Tour de France ist grösser denn je. Hunderttausende Fans sorgen an der Strecke für Festivalstimmung. Gleichzeitig scheint der Kampf um den Gesamtsieg schon vor den Alpen entschieden. Das grösste Velorennen der Welt steckt in einem bemerkenswerten Paradox.
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Pogacar fährt der Konkurrenz einmal mehr davon – Spannung kommt kaum auf.
Foto: IMAGO/Photo News

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Die Tour de France zieht Millionen Fans an, es herrscht die spannendste Partystimmung seit Jahren
  • Der Titelverteidiger Pogacar dominiert vor den Alpenetappen mit über drei Minuten Vorsprung
  • Die Fahrer erreichen Rekordzeiten dank 120 Gramm Kohlenhydraten pro Stunde und moderner Technik
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Joël HahnRedaktor Sport

Hunderttausende Fans verwandeln jede Bergstrecke in ein Volksfest. Menschen stehen schon Tage vorher an der Strecke, bemalen den Asphalt, grillieren, feiern und warten stundenlang auf den kurzen Moment, in dem sie die Fahrer anfeuern können. Die Tour de France ist grösser denn je. Und sie ist lauter denn je.

Doch ausgerechnet jetzt, wo der Hype neue Dimensionen erreicht, wird das grösste Velorennen der Welt sportlich immer berechenbarer. Es droht die grosse Langeweile.

Nach zwölf Etappen führt Titelverteidiger Tadej Pogacar (27) das Gesamtklassement bereits mit 3:36 Minuten Vorsprung an. Noch bevor die grossen Alpenetappen überhaupt beginnen, scheint der Kampf um das Gelbe Trikot praktisch entschieden. Es ist ein Paradox: Am Strassenrand wird die Tour immer spektakulärer – auf der Strasse selbst wird sie immer eintöniger.

Ein Volksfest – unabhängig vom Resultat

Wer die Tour nur am Fernsehen verfolgt, sieht die Bilder. Wer einmal selbst vor Ort war, versteht sie. «Es ist wirklich eine Party am Berg», sagt Corsin Zander (38) vom Schweizer Radsportmagazin «Gruppetto», der die Tour derzeit vor Ort verfolgt, gegenüber Blick. Schon Stunden vor dem Rennen pilgern die Fans zu den Anstiegen. Viele kommen mit dem Velo, essen, trinken Bier und verfolgen das Rennen auf dem Handy. «Irgendwann baut sich die Spannung auf. Dann hörst du die Helikopter – und wenn die Fahrer kommen, jubeln einfach alle.»

Das Faszinierende: Das eigentliche Rennen spielt für viele fast eine Nebenrolle. «Wenn du am Berg stehst, bekommst du vom Rennen oft gar nicht so viel mit. Das Resultat ist gar nicht so entscheidend.» Genau das erklärt den Boom. Die Tour ist längst mehr als ein Radrennen. Sie ist Festival, Volksfest und Ferienerlebnis zugleich. Eintritt kostet es keinen, die Stars fahren zum Greifen nah vorbei.

Zander beobachtet seit Jahren, dass der Andrang weiter zunimmt. Mögliche Gründe dafür seien eine aufwendig produzierte Serie zur Tour auf Netflix, Social Media und der allgemeine Veloboom seit Corona. Videos von verkleideten Fans, rauchenden Fackeln und Menschenmassen verbreiten sich millionenfach im Internet. «Es kommen von überall Leute. Es herrscht einfach eine mega positive Partystimmung.»

Der Sieger steht fast schon fest

Während der Hype wächst, leidet die sportliche Spannung. «So etwas habe ich noch nie gesehen», sagt Ex-SRF-Kommentator Sven Montgomery (50) im Interview mit Blick, der den Radsport seit Mitte der 1980er-Jahre verfolgt. «Ich kann mich an keinen anderen Fahrer erinnern, der einfach dann attackiert, wenn er Lust hat, und niemand kann folgen.»

Selbst Dominatoren wie Lance Armstrong (54) oder Chris Froome (41) hätten ihre Überlegenheit nie so vielseitig ausgespielt. Pogacar gewinnt nicht nur Rundfahrten, sondern auch Klassiker und fährt seinen Konkurrenten regelmässig davon – wann immer er will.

Für Montgomery ist klar: «Von grossen Duellen lebt der Sport. Kein Dominator ist auf Dauer gut.» Als Kommentator müsse man deshalb immer häufiger andere Geschichten erzählen. «Früher hast du erklärt, wer gewinnen könnte. Heute überlegst du dir eher: Wie könnte überhaupt irgendjemand Pogacar schlagen?» Trotzdem zieht der Slowene die Massen an. «Er ist sympathisch, fährt offensiv und eröffnet die Rennen früh. Das mögen die Leute.»

Montgomery: «Mir blutet das Herz»

Doch erste Ermüdungserscheinungen zeigen sich. In diesem Jahr wurde Pogacar erstmals auch ausgebuht. Auf Transparenten war «UAE Mafia» zu lesen. Der Weltmeister nimmt es gelassen. Er orientiere sich an Tennisstar Novak Djokovic, sagte Pogacar: «Wenn mich jemand ausbuht, denke ich an ihn und seine mentale Stärke.»

Montgomery überrascht das nicht. «Irgendwann kommt immer der Moment, an dem sich das Publikum an Dominanz sattgesehen hat.» Er befürchtet sogar, dass Pogacars Überlegenheit dem Sport langfristig schaden könnte: «Als Radsportpurist blutet mir das Herz.»

Warum heute alle schneller fahren

Dass allen voran Pogacar komplett neue Rekordzeiten aufstellt, hat aber nicht nur mit dessen Ausnahmetalent zu tun. «Man kann das nicht auf einen einzigen Faktor reduzieren», erklärt Sportwissenschaftler Beat Müller (44), Performance-Verantwortlicher bei Swiss Cycling, im Gespräch mit Blick.

Der grösste Fortschritt liege in der Sportwissenschaft. Statt wie früher mit leerem Magen zu trainieren, würden die Fahrer heute ihren Körper gezielt darauf vorbereiten, während der Belastung enorme Mengen Kohlenhydrate aufzunehmen.

«Feeding, Feeding, Feeding», sagt Müller. «Heute wird sogar der Magen trainiert.» Profis nehmen während eines Rennens teilweise mehr als 120 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde zu sich. Dadurch können sie ihre Leistung deutlich länger aufrechterhalten.

Wie lange geht das noch gut?

Hinzu kommen ausgeklügelte Kühlstrategien: Eiswesten, Kühlbäder für Unterarme oder sogar Eis zum Essen helfen, die Körpertemperatur tief zu halten. «Wenn der Körper überhitzt, kann das bis zu 16 Prozent Leistung kosten», sagt Müller. Dazu kommen aerodynamisch bessere Velos, breitere Reifen mit geringerem Rollwiderstand, präzisere Trainingssteuerung und moderne Leistungsdiagnostik.

Doch egal, wie komplex die Trainingsmethoden, technischen Hilfsmittel und Rennstrategien werden, und egal, wie viele Fans sich am Strassenrand noch versammeln: Das Resultat bleibt mittlerweile seit Jahren dasselbe. Die Millionen Fans wissen, wer am Ende in Paris wohl wieder im Gelben Trikot auf dem Podest stehen wird. Die Frage ist eher, wie lange das noch gut gehen kann.


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