Darum gehts
- Marlen Reusser bereitet sich auf die Tour de Suisse vor
- Nach Stürzen beim Giro kämpft sie mit gesundheitlichen Herausforderungen
- Mit 13. Rang beim Giro und Fokus auf Tour de France
Blick: Im letzten Jahr dominierten Sie die Tour de Suisse. Der Blick titelte: «Königin der Velo-Schweiz». Wie stehen die Chancen, Ihren Thron zu verteidigen?
Marlen Reusser: Die Tour de Suisse liegt mir am Herzen. Ich fahre zu Hause, spreche Schweizerdeutsch und erlebe, wie das ganze Land ein Velofest feiert. Aber es wird sehr schwierig, erneut zu gewinnen. Meine Erwartungen sind bescheiden. Der Fokus liegt auf der Tour de France.
Die Stürze beim Giro haben Ihnen stark zugesetzt?
Ich stieg nach einer Verletzung ins Rennen ein. Die Vorbereitung war alles andere als ideal. Dann fuhr eine Teamkollegin kurz vor dem Start der ersten Etappe in eine Verkehrsinsel. Eine kleine Unachtsamkeit – mit grossen Folgen. Sie riss mich mit.
Das Zeitfahren verlief trotzdem gut. Sie lagen im Gesamtklassement auf Rang 2.
Trotzdem war mir klar, dass ich kaum um den Gesamtsieg fahren würde. Wer die Umstände kennt, versteht warum. Mir fehlten viele Trainingswochen. Am Tag nach dem Zeitfahren ging ich volles Risiko, griff an. Das war ein Fehler, ich übernahm mich völlig.
Danach gingen Sie erneut zu Boden. Können Sie erzählen?
Ich fuhr nach dem Sturz zwar weiter, aber er hinterliess Spuren. Es war nichts gebrochen, doch der ganze Körper litt aber – auch der Kopf bekam etwas ab. Durch die Entzündungen lagerte ich Wasser ein und wog plötzlich anderthalb Kilo mehr.
Am berüchtigten Colle delle Finestre hielten Sie dennoch gut mit. Was passierte danach?
Im Teamauto bekam ich einen heftigen Krampf im Gesässmuskel. Das war völlig verrückt. In meiner ganzen Karriere hatte ich noch nie Krämpfe. Das Gleiche passierte in der Schlussetappe – diesmal im Rennen. Meine Teamkolleginnen mussten mich ins Ziel schieben.
Am Ende landeten Sie auf dem 13. Schlussrang.
Unter diesen Umständen war er logisch. Wobei ich ohne den Krampf am letzten Tag Fünfte geworden wäre. Im Radsport gewinnt man manchmal, obwohl man nicht viel richtig macht. Wir haben verloren, aber wie Löwinnen gekämpft. Danach gönnten wir uns übrigens eine fantastische Pizza.
Marlen Reusser (34) gewann die Tour de Suisse 2023 und 2025. Sie holte beim Olympia-Zeitfahren 2021 Silber und im letzten Jahr in Ruanda Gold. Reusser wuchs auf einem Bauernhof in Hindelbank BE auf. Sie absolvierte das Gymnasium und ist ausgebildete Ärztin. Erst mit 27 Jahren setzte sie voll auf den Radsport, überzeugte aber auf Anhieb. Reusser ist Vegetarierin, ihr sind die Natur und die Menschen um sie herum sehr wichtig. Sie lebt mit Freund und Trainer Hendrik Werner in Andorra, wo sie perfekte Trainingsmöglichkeiten vorfindet.
Marlen Reusser (34) gewann die Tour de Suisse 2023 und 2025. Sie holte beim Olympia-Zeitfahren 2021 Silber und im letzten Jahr in Ruanda Gold. Reusser wuchs auf einem Bauernhof in Hindelbank BE auf. Sie absolvierte das Gymnasium und ist ausgebildete Ärztin. Erst mit 27 Jahren setzte sie voll auf den Radsport, überzeugte aber auf Anhieb. Reusser ist Vegetarierin, ihr sind die Natur und die Menschen um sie herum sehr wichtig. Sie lebt mit Freund und Trainer Hendrik Werner in Andorra, wo sie perfekte Trainingsmöglichkeiten vorfindet.
Sie erholen sich meist schnell. Reicht die Zeit bis zur Tour de Suisse nicht?
Bis zum Start muss ich mich erholen und meinen Körper wieder in Ordnung bringen. Danach sehen wir weiter. Aber wie vor dem Giro ist die Vorbereitung alles andere als ideal.
Das Magazin «Sportlerin» titelt in seiner neusten Ausgabe: «Die Königin der Strasse».
Das ist mir nicht peinlich. Aber ich muss schmunzeln. Schliesslich komme ich gerade mit einem 13. Platz vom Giro zurück.
Ist Giro-Siegerin Demi Vollering die Top-Favoritin?
Sie ist in hervorragender Form und die grosse Favoritin der Tour de Suisse.
Nur noch fünf Etappen, Start und Ziel jeweils am gleichen Ort: Wie gefällt Ihnen das neue Konzept?
Es ist anders als früher. Mir gefällt es sehr. Für die Zuschauerinnen und Zuschauer ist es spannender, weil mehr passiert, als wenn wir nur einmal vorbeifahren.
Auslöser der Änderung sind finanzielle Probleme. Ist das die richtige Lösung?
Das weiss ich nicht. Aber man muss Neues ausprobieren. Ich finde es gut, wenn verschiedene Formate nebeneinander bestehen – auch die klassischen Rennen von A nach B. Das macht den Sport abwechslungsreich.
Das Zeitfahren in Aarburg liegt Ihnen besonders?
Der ganze Parcours gefällt mir. Und Zeitfahren gehört zu meinen Stärken. Von mir aus dürfte die Strecke etwas weniger technisch sein und mehr Höhenmeter haben. Aber ich beklage mich nicht.
Sie jagten jahrelang einer Goldmedaille nach. Im vergangenen Jahr wurden Sie Weltmeisterin in Ruanda. Was hat das verändert?
Eigentlich nichts. Das habe ich aber auch nicht erwartet.
Und emotional?
Wenn ich daran denke, freue ich mich noch immer. Allerdings lief nicht alles perfekt. Im Team-Relay und im Strassenrennen gab es auch Rückschläge.
Stürze und Defekte.
Genau. Es hätten sogar drei Goldmedaillen werden können. Trotzdem bin ich sehr glücklich.
Sie sind 34 Jahre alt, Ihr Vertrag bei Movistar läuft bis 2027. Ist Olympiagold in Los Angeles 2028 ein Ziel?
Ehrlich gesagt: Keine Ahnung.
Wirklich nicht?
Vielleicht werde ich morgen überfahren. Vielleicht fahre ich noch mit 45 Rennen, weil mich der Sport nicht loslässt. Wer weiss? (Lacht.)