Darum gehts
- Beat Breu, Ex-Radprofi, arbeitet fürs Leben gern im Zirkus
- Er kritisiert den Niedergang der Tour de Suisse, die er zweimal gewann
- Aktuell nur 5 Etappen, 630 km statt früher 2000 km und 11 Etappen
Eigentlich wollte Beat Breu (68) keine Interviews mehr geben. «Prinzipiell nicht mehr», sagt er gleich zu Beginn. Man glaubt es ihm sofort. Zu viel Seich sei in den letzten Jahren über ihn geschrieben worden. «Auch im Blick», betont die Radlegende.
Doch dann sitzt er da, erzählt, schimpft, lacht, im Zirkuszelt in Tenero TI. «Über Sport rede ich. Und du kannst ruhig etwas Werbung für den Zirkus Medrano machen. Der ist tipptop. Wir haben sogar eine Nummer mit Frettchen. Unglaublich.»
Breu betreut das Zirkus-Bistro. Er ist auf Tournee – wie seit vielen Jahren. «Das ist meine Welt. Ich liebe sie. So wie früher das Velofahren.» Servieren, plaudern, abräumen: Breu ist in seinem Element. Seine Frau Heidi sagt: «Ihm ist noch nie ein Glas umgekippt. Beat ist topfit.» Er nickt. «Der Zirkus tut mir gut. Schon als Kind faszinierten mich die Artisten in der Manege. Das ist bis heute so.»
Die Tage sind lang, der Lohn mager. «Welcher Lohn?», scherzt er. «Es reicht für die Spesen. Aber mir gefällt es.» Vor zwei Jahren starb der Hund, im Dezember davor seine Mutter. «Wenn ich zu Hause sitze – was soll ich dort?» Die Frage ist rhetorisch.
«Mit Doping hätte es mich wohl verputzt»
Vierzehnmal fuhr Beat Breu die Tour de Suisse. 1981 und 1989 gewann er sie. «1990 kam Epo. Ich hatte plötzlich das Gefühl, ich hätte das Velofahren verlernt. Dabei lag gerade die Radquer-Saison hinter mir.» Alles sei anders geworden. «Das Team Telekom dopte im grossen Stil. Ich wusste nichts davon, aber sie wollten mich holen. Wäre ich gegangen, hätte es mich wohl verputzt.» Breu hatte einen Herzfehler. Epo macht das Blut dicker.
Breu serviert Kaffee. Seinen eigenen Bistrowagen hat er im Tessin nicht dabei. «Auf den Pässen lag noch Schnee. Und meinen Traktor wollten sie nicht verladen», sagt er. Schlimm sei das nicht. Breu wirkt gelassen. Viel kann ihn nicht mehr erschüttern.
Die Tour de Suisse verfolgt er am Fernseher. Falls er Zeit findet. «Ich schaue gerne. Es gibt nichts Härteres als Velofahren.» Kein Marathon, kein Langlauf. Nichts. «Du fährst immer. Ob es schneit, regnet oder brütend heiss ist.»
Breu erzählt von Hagelstürmen, von lebensgefährlichen Abfahrten und chaotischen Etappen. «Einmal platzte irgendwo die Kanalisation. Wir fuhren durch einen halben Meter braune Gülle.» Trotzdem sagt er: «Wäre ich jung, würde ich sofort wieder Velofahren.» So aber sass er seit Jahren nicht mehr auf einem Drahtesel.
Das Duell mit Schmutz spaltete die Schweiz
Breu faszinierte die Schweiz. Nicht nur die Velo-, sondern die ganze Sport-Schweiz. Der Bergfloh aus St. Gallen fuhr so, wie er heute noch redet: direkt und ohne Filter. Am 15. Juni 1981 spaltete er aber das Land. Sein Teamkollege Gottfried Schmutz hatte ihn auf der Etappe von Genf nach Brig angelogen. Niemand solle angreifen, habe der Sportliche Leiter befohlen. Breu glaubte ihm. Schmutz attackierte später trotzdem und gewann. Im Ziel schäumte Breu: «Dä Gottfried isch für mi gschtorbe.» Und: «Dä Godi Schmutz, dä Sauhund.» Jahre später erklärten beide im Blick, der zweite Satz sei nie gefallen. Eine Legende. Egal.
«Entweder war man auf meiner Seite oder auf Godis. Dazwischen gab es nichts», sagt Breu. Hunderte positive Briefe habe er bekommen. Aber auch Todesdrohungen. «Einer schickte mir sogar einen toten Ratz in einem Päckli.»
«Meine Zeit im Radsport ist vorbei»
Zurück zur Gegenwart. Breu liebt die Tour de Suisse. Gerade deshalb kritisiert er sie hart. «Früher waren es elf Etappen, fast 2000 Kilometer – die viertgrösste Rundfahrt der Welt. Heute sind es noch fünf Etappen, Rundkurse und 630 Kilometer. Das ist nicht mehr dasselbe.» Es fehle an Geld, Einfluss und Leuten mit Beziehungen. «Da braucht es jemanden aus der Wirtschaft. Einen, der Geld bringt.»
Wenn es nur so einfach wäre. «Ich rege mich darüber nicht mehr auf. Dieses Kapitel ist abgeschlossen. Meine Zeit ist vorbei», sagt Breu.
Die Uhr mit Breu dreht gefühlt schneller als sonst. Alles ist spannend, nichts egal. Nach dem Fotoshooting vor dem Zelt verabschieden wir uns. Die anfängliche Interview-Skepsis ist längst weg. Breu fragt: «Wollt ihr nicht noch einen Kaffee? Die Nachmittagsvorstellung beginnt erst in drei Stunden. Ich habe also noch Zeit.»