Darum gehts
- Karl Egloff wagt zum letzten Mal einen Everest-Speed-Rekord ohne Sauerstoff
- Er verbrachte 220 Stunden in Höhenluft-Zelt für bessere Akklimatisation
- Bis zu 1300 Bergsteiger könnten Staus und Probleme auf dem Gipfel verursachen
In zwei Tagen hebt Karl Egloff wieder Richtung Nepal ab. Warum? Der drahtige, 45-jährige Schweiz-Ecuadorianer will am Mount Everest das nachholen, was ihm im vergangenen Jahr verwehrt blieb: den Speed-Rekord – und zwar ohne zusätzlichen Sauerstoff.
Der erste Versuch 2025 endete wegen schlechten Wetters und zu vielen Menschen am Berg ohne Rekord. Jetzt sagt Egloff jedoch: «Ich bin sehr optimistisch, dass es diesmal klappt. Ich bin in der Form meines Lebens.»
Ein wichtiger Grund für diese Aussage ist zwar unsichtbar, aber entscheidend: die Akklimatisation. Egloff hat vor einem Jahr den Fehler gemacht zu glauben, sein Körper könne sich schneller an die Höhe im Himalaya anpassen.
Egloff änderte seine Akklimatisierungs-Strategie
Diesmal investierte er in der Vorbereitung gesamthaft 220 Stunden in einem Zelt, das die Luft auf Höhe des Everest-Basislagers simuliert. Egloff: «Obwohl ich kein Zahlenmensch bin, habe ich dabei jede Nacht meine Sauerstoffsättigung und meinen Puls analysiert.»
Das Ziel: am Basislager auf 5346 Metern über Meer funktionieren, als wäre es Alltag. Für einen Speedclimber, der nicht nur ankommen, sondern schnell sein will, ein fundamentaler Unterschied.
Stau am Berg wird «sicher das grösste Problem»
Auch taktisch hat sich Egloffs Ansatz verschoben. Vor einem Jahr war Egloffs Plan noch enger getaktet. Jetzt plant er offener. Sollten es die Bedingungen zulassen, ist es möglich, dass er schon Anfang Mai den bisherigen Rekord (ohne Sauerstoff beim Aufstieg) von Kazi Sherpa (20 Stunden und 24 Minuten) in Angriff nimmt. Dann wäre er vor der grossen Masse.
Wenn nicht, dann reist Egloff etwas später ins Basislager und probiert es mit dem Rekord, nachdem die Masse auf dem Berg war.
Denn die wird sein grösster Gegner: Bis zu 1300 Bergsteiger werden in dieser Saison erwartet. Im letzten Jahr, als es wieder lange Staus vor dem Gipfel gab, wollten rund 900 Leute auf das Dach der Welt. «Wenn sie dir im Weg stehen, kannst du nicht überholen», sagt Egloff. «Du brauchst eine freie Bahn. Das wird sicher das grösste Problem.»
«Weisser Kondor» ist befreiter als vor einem Jahr
Der dritte grosse Unterschied: Ruhe. Im letzten Jahr stand Egloff mitten in einer Produktion, mit Kamerateams und indirektem Druck. Dazu ein prominenter Konkurrent: der ehemalige Langstreckenläufer Tyler Andrews (35, USA). «Das hat mich sehr gestresst», sagt Egloff im Nachhinein offen. «Ich hatte plötzlich das Gefühl: Jetzt musst du liefern.»
Dieses Mal ist der «weisse Kondor», wie er in seiner zweiten Heimat Ecuador genannt wird, wieder unabhängig und fast so frei wie ein Vogel. Der Fokus liegt wieder auf dem, was ihn ursprünglich antrieb: «Die Leidenschaft.»
Nach dem Everest folgt sofort die nächste Expedition
Das Risiko bleibt dennoch enorm. Seiner Frau Adriana und seinen zwei Kindern verspricht er jedoch, dass er die rote Linie kennt. Zudem kündigt er an: «Das ist definitiv mein letzter Rekordversuch am Everest.»
Was danach folgt, ist trotzdem bereits durchgetaktet. Egloff verliert sein grosses Projekt trotz Everest nicht aus den Augen. Er möchte alle höchsten Gipfel der sieben Kontinente als schnellster Mensch besteigen. Noch im Oktober soll die Carstensz-Pyramide (Ozeanien, 4884 m ü. M.) folgen und im Dezember der Mount Vinson (Antarktis, 4892 m ü. M.).