Darum gehts
Adriana Velasco erreicht am Valentinstag erschöpft, aber stolz den Gipfel des Aconcagua, mit 6962 Metern der höchste Berg in Südamerika. Die Skibrille ist beschlagen. Sie schnappt nach Luft. Tränen schiessen der Ecuadorianerin in die Augen, als ihr Freund in diesem Moment auf die Knie geht und ihr am Tag der Liebe einen Heiratsantrag macht. «Es war wunderschön», erzählt Adriana Egloff (43) elf Jahre nach dem unvergesslichen Augenblick. «Natürlich hat Adriana Ja gesagt. Mehr konnte sie wegen Sauerstoffmangels auch nicht sagen. Zudem brauchte sie einen Bergführer, um wieder nach unten zu gelangen», verrät Karl Egloff (45) mit einem schelmischen Lächeln. Romantisch sei es aber nicht wirklich gewesen, erläutert der ecuadorianischschweizerische Extrembergsteiger. «Auf dem Gipfelplateau lag eine Leiche.»
Drei Tage später rennt Karl Egloff in 11 Stunden und 52 Minuten auf den Aconcagua und wieder runter zum Parkeingang, wo der Rekord von einem Parkwächter urkundlich beglaubigt wird. Davon gleich mehr.
Das sportliche Paar hat sich in Ecuadors Hauptstadt Quito kennengelernt, wo Karl Egloff als Sohn eines Schweizer Bergführers aus dem sankt-gallischen Toggenburg und einer ecuadorianischen Mutter aufgewachsen ist. «Ich folgte Karl auf Facebook. Er ist ein bekannter Mountainbiker und Bergführer», sagt Adriana Egloff. So habe sie herausgefunden, dass er als Reiseleiter Touren auf den Kilimandscharo anbiete. «Einmal auf dem Dach Afrikas zu stehen, war mein Kindertraum!» Sie fragte Karl nach einem Vortrag, ob er sie dorthin begleiten würde. Der Rest ist (eine Liebes-) Geschichte.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «GlücksPost» veröffentlicht. Mehr aus der Welt der Schweizer Prominenz, Royals und Sportstars erfährst du immer donnerstags in unserem Heft: zum Abo!
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Todesangst und Rückkehr in die Schweiz
Die Glückspost trifft Adriana und Karl Egloff mit ihren zwei Kindern Julian (9) und Martina (4) auf dem Spielplatz Höriberg, mit 473 Metern die höchste Erhebung der Gemeinde Höri bei Bülach ZH. «Hier bin ich daheim. An diesem Berg spielen Rekorde keine Rolle», sagt der drahtige Athlet und lacht. Seit knapp zwei Jahren wohnt er mit seiner Familie in der Einflugschneise des nahe gelegenen Flughafens Zürich.
Karl Egloff berichtet über ein einschneidendes Erlebnis, das sich an Weihnachten 2022 ereignet hat. Die Familie will ein paar unbeschwerte Tage am Strand verbringen, als sie von Kriminellen in einer Feriensiedlung angegriffen wird. «Mir wurden drei Waffen an den Kopf gehalten. Ich befürchtete jede Sekunde, einen Schuss abzukriegen, und hatte wahnsinnige Angst», schildert Karl Egloff die dramatischen Stunden in der Sendung «SRF bi de Lüt – Heimweh». Die Banditen wollen Geld, doch Karl trägt weder Bargeld noch Kreditkarten auf sich. Irgendwann kann er fliehen. Die Familie beschliesst im Juni 2024, dauerhaft in die sichere Schweiz zu ziehen.
In der neuen Heimat treibt Karl Egloff sein Herzensprojekt voran: Er will als erster Mensch ohne zusätzlichen Sauerstoff für jeden der höchsten Gipfel der sieben Kontinente – die Seven Summits – den Geschwindigkeitsrekord aufstellen. Vier der sieben Rekorde hat der Solo-Alpinist bereits geschafft. Drei fehlen ihm noch.
Mount Everest bestiegen
Im Mai 2025 steigt er zum Mount Everest (8848 m ü. M.) auf, um ein weiteres Kapitel Alpingeschichte zu schreiben. Heftiger Schneefall und extreme Kälte in knapp 7000 Metern Höhe zwingen ihn aber zur Aufgabe. Noch am Flughafen in Kathmandu (Nepal) ermuntert ihn seine Frau in einem Telefongespräch, es noch ein letztes Mal zu versuchen.
Was treibt ihn in die Todeszone? «Ich will meinen Kindern zeigen, dass der Papa nach der traumatischen Erfahrung in Ecuador wieder ganz der Alte ist, und dass man es mit Disziplin und Motivation weit bringen kann.» Karl gibt Adriana ein Versprechen ab: «Wenn ich meine Seven-Summits-Speed-Tour abgeschlossen habe, höre ich auf mit solchen Projekten.»
Wie fühlt sich Adriana, wenn Karl an lebensfeindlichen Orten seine Grenzen auslotet? «Natürlich habe ich Angst. Aber das Leben ist voller Risiken. Ich möchte Karl immer unterstützen.» Karl Egloff überlässt nichts dem Zufall: «Ich bin kein Hasardeur und bringe dem Mount Everest grössten Respekt entgegen – wie jedem anderen Berg auch. Ich werde den Aufstieg sofort abbrechen, sollte ich nicht mehr vom Fleck kommen.» Nicolas Miranda wird Egloff nach Nepal begleiten. Sein Kletterpartner und bester Freund hat für den Notfall Flaschensauerstoff dabei.
Schlafen im Höhenzelt
Nach dem gescheiterten Versuch am Mount Everest und der Rückkehr in die Schweiz hat Karl Egloff weitertrainiert, denn die Vorbereitung auf die drei noch ausstehenden Summits läuft auf Hochtouren. 20 Stunden pro Woche investiert er ins Lauf- und Krafttraining. Hinzu kommt das Höhenlufttraining. Zehn Stunden verbringt der Alpinist auf dem Ergometer mit Atemmaske oder mit Schlafen im Höhenzelt. «Ich simuliere in Höri die extremen Bedingungen am Mount Everest.» Die Anpassung erfolgt mittels Höhengenerator, der den Sauerstoffgehalt der Atemluft kontrolliert reduziert.
Am 11. April fliegt Karl Egloff nach Nepal. Im Basislager verbringt er mindestens drei Wochen, um sich richtig zu akklimatisieren. Mit dabei hat er dannzumal sein Glückskissen mit herzigen Fotos. «Die Familie ist mein höchster Gipfel und macht mir bewusst, wo meine Wurzeln sind», sagt der zweifache Familienvater. Den Kontakt mit seinen Liebsten inklusive der in Ecuador wohnhaften Schwiegereltern, die während der Zeit in Höri Hütedienst leisten werden, wird er dank des Satellitennetzwerks Starlink über sein Handy herstellen. Nach Erfüllung seines Seven-Summits-Speed-Projekts möchte Karl Egloff in der Schweiz die Skihochtouren-Ausbildung machen und weiter als Betreiber der Expeditionsagentur Cumbre Tours tätig sein. Und noch etwas: «Wir träumen davon, irgendwann im eigenen Haus in den Schweizer Bergen zu leben», sagt Unternehmerin Adriana Egloff. Dabei denkt sie wohl kaum an eine SAC-Hütte.