Darum gehts
- Angelica Moser kämpfte mit Verletzungen und startete nun dennoch erfolgreich in die Freiluftsaison
- Die Zürcherin erreichte 4,80 Meter und Platz 3 bei den Diamond-League-Meetings
- Regelmässige Arztbesuche: Ihre Rehabilitation erforderte Autofahrten bis nach Ambri im Tessin
Im März war Angelica Moser (28) noch eine Athletin voller Fragezeichen. Die Stabhochspringerin kämpfte mit einer hartnäckigen Fussverletzung, dazu kam kurz vor der Hallen-WM in Torun auch noch eine Oberschenkelzerrung. Jeder Trainingstag wurde zum Balanceakt: Zu viel Belastung war gefährlich, zu wenig aber auch.
«Es war extrem anstrengend. Es macht dich mega müde», sagt die Europameisterin heute. «In jedem Training musst du dich rantasten: Wie viel darf man belasten? Man weiss nie genau, was man machen kann. Das war mental schon hart.»
Umso erstaunlicher ist, dass sie an der Hallen-WM dann Bronze gewann – und was seither passiert ist. Ende Mai startete die Zürcherin in die Freiluftsaison. Und wie! An den Diamond-League-Meetings in Rabat und Rom sprang Moser jeweils auf Rang drei. Ausgerechnet Moser, die sich im Frühjahr noch von Termin zu Termin hangelte. «Die 4,70 Meter zum Einstieg waren super. So hoch bin ich noch nie in eine Saison gestartet. Und dann gleich noch die 4,80 Meter! Ich war schon positiv überrascht.»
«Es war ein Geknorze»
Dabei war die Vorbereitung alles andere als ideal. Wegen ihrer im Dezember entzündeten Plantarfaszie im Fuss musste sie den Einstieg in die Hallensaison verschieben. Und kaum wurde der Fuss besser, meldete sich der Oberschenkel. «Es war ein richtiges Geknorze», sagt Moser und lacht.
Für die Rehabilitation nahm sie bis vor kurzem stundenlange Autofahrten in Kauf. Regelmässig besuchte sie den Verbandsarzt in Abtwil SG, für spezielle Behandlungen ging es sogar bis ins Tessin nach Ambri. Manchmal habe sie bei einer Freundin in Luzern übernachtet, um den Weg zu verkürzen.
Heute klingt das fast wie eine Geschichte aus einer anderen Zeit. Der Oberschenkel sei komplett ausgeheilt, der Fuss deutlich stabiler. «Im Training kann ich wieder alles machen. Das konnte ich während der Hallensaison noch nicht.» Noch wichtiger: Das Vertrauen in den eigenen Körper ist zurück.
«Während des Wettkampfs merke ich eigentlich nichts mehr», sagt Moser. «Das ist auch der Grund, warum man höher springt. Man muss nicht ständig überlegen: Was tut mir heute weh?»
Titelverteidigung möglich
Mit dem starken Saisonstart wächst auch die Hoffnung auf die Freiluft-EM im August in Birmingham. «Natürlich ist es ein Traum, den Titel zu verteidigen», sagt sie. «Ich bin auch mit diesem Ziel in die Saison gestartet. Aber einfach wird es nicht, denn alle anderen sind auch gut gestartet.»
Allein ist sie mit ihren Ambitionen nicht. Die Schweizer Leichtathletik erlebt derzeit goldene Zeiten. Ob Simon Ehammer, Audrey Werro, Mujinga oder Ditaji Kambundji – Schweizer Athletinnen und Athleten mischen auf höchster Stufe regelmässig vorne mit.
«Wir sind nicht mehr die kleine Schweiz, die einfach dabei ist», sagt Moser. «Wir sind vorne dabei. Man merkt schon, dass die Leute Medaillen gewinnen wollen. Niemand versteckt sich mehr.» Die Erfolge der anderen würden anstecken: «Wenn alle grösser denken, tut man das automatisch auch.»
Gleichzeitig beobachte sie einen interessanten Nebeneffekt: Die aussergewöhnlichen Leistungen werden beinahe schon als selbstverständlich wahrgenommen. «Vielleicht wird es fast ein wenig zur Normalität», sagt sie. «In Rabat wurde Audrey Erste und ich Dritte. Dann heisst es einfach: «Cool.» Dabei muss man sich manchmal wieder bewusst machen: Hey, das war ein Diamond-League-Meeting! Aber mittlerweile ist es halt normal geworden.»
Moser sagt das nicht verbittert, sondern mit einem Schmunzeln. Spitzensportler würden schliesslich auch selber immer mehr wollen. Trotzdem hoffe sie, dass man diese Generation auch geniessen kann. «Es ist schon etwas Aussergewöhnliches. Man weiss nicht, ob wieder so eine starke Generation kommt. Ich hoffe es natürlich!»
Private Veränderung
Ungewiss ist momentan auch Mosers Wohnsituation. Ihr langjähriger Partner, Eishockeyspieler Kevin Bozon (30), muss sich nach seinem Abschied beim HC Ajoie sportlich neu orientieren. Wie seine Zukunft aussieht, ist offen.
«Er weiss es selbst erst seit zwei Wochen», sagt Moser. Stress bereite ihr die Situation jedoch nicht. «Ich weiss aber, dass es für ihn mega stressig ist. Und das tut mir weh. Ich wünsche ihm einfach, dass er eine gute Lösung findet.»
Als Profi-Athleten seien beide daran gewöhnt, flexibel zu sein. Momentan wohnen die beiden zusammen in einer Wohnung im jurassischen Courrendlin. «Das war perfekt für uns. Kevin trainierte in Porrentruy, und ich war in einer halben Stunde in Magglingen.» Natürlich würden sie gerne weiterhin am gleichen Ort wohnen. Je nachdem, wo Kevin nun unterschreibt, wird das aber vielleicht nicht möglich sein. Moser sagt: «Wir sind Spitzensportler und finden eine Lösung. Falls wir für ein oder zwei Jahre nicht zusammen wohnen können, dann ist das so.»
Neue Aufgabe für Moser
Neben dem Sport engagiert sich Moser neuerdings auch als Botschafterin der Laureus Stiftung Schweiz. Lange überlegen musste sie nicht. «Ich kannte Laureus schon und sagte sofort zu. Es ist eine grosse Ehre.»
Vielleicht auch deshalb, weil sie selbst einmal auf der anderen Seite stand. Als junges Mädchen schwärmte sie von Roger Federer und von der Stabhochsprungpionierin Nicole Büchler. Heute ist sie selbst Vorbild.
«Mir wurde die Freude am Sport von anderen Athleten weitergegeben», sagt Moser. «Jetzt kann ich auf der anderen Seite stehen und zeigen, dass auch wir als kleine Schweizer sehr viel erreichen können.»
Eine Botschaft, die gerade gut zu ihr passt. Letztlich weiss kaum jemand besser als Angelica Moser, dass grosse Erfolge oft dort beginnen, wo andere längst aufgegeben hätten.