Darum gehts
Der Rasen ist frisch gemäht, die Sträucher blühen in verschiedenen Farben und machen einen äusserst gepflegten Eindruck: Doch Werner Günthör (65) gibt gleich zu verstehen, dass dies nicht sein natürliches Habitat sei. Zumindest, was die Detailarbeit im Garten anbelangt. Der Zwei-Meter-Mann schmunzelt und spielt auf seine Körpergrösse an: «Wenn ich jäten muss, fühle ich mich wie eine Giraffe beim Wasserteich.» Er müsse sich dann ähnlich breitbeinig in Richtung Boden verrenken, was durchaus eine gewisse Akrobatik erfordere: «Deshalb beschränke ich mich aufs Pflanzentränken mit dem Schlauch». Seine Frau Nadja (61) kichert daneben amüsiert. Das Paar ist seit 33 Jahren verheiratet, wohnt fast gleich lange in Erlach am Bielersee und neckt sich noch immer ständig – es ist eines der Geheimnisse ihrer Ehe.
Bald werden die beiden noch mehr Zeit füreinander haben. Auf die Kugelstoss-Legende wartet die Pension. Den 65. Geburtstag am 1. Juni feiert der dreifache Weltmeister und Olympia-Dritte von 1988 im Urlaub auf Sardinien. Danach geht es für «Kugel-Werni» beruflich nur noch ums Abschliessen, wobei der einst gelernte Sanitärinstallateur und spätere Sportlehrer am Bundesamt für Sport (BASPO) sowie Fahrsicherheitsinstruktor wohl nicht ganz auf null zurückschraubt.
Die gemeinsame Töff-Leidenschaft
Gerade Letzterem Job wird er zeitweise treu bleiben. Und daneben? «Wird es mir ganz sicher nicht langweilig», schiesst es aus dem früheren Spitzensportler heraus. Auf der Terrasse sitzend, deutet er mit dem Finger in Richtung Garage. Dort drin würden sich noch weitere Projekte verbergen, so Günthör, woraufhin seine Frau Nadja allerdings einwendet, der gute Herr würde sich darin kaum aufhalten. Dieser wiederum kontert: «Doch, doch! Man kann ja nicht schon alles vor der Pension machen.»
Die Rede ist von einem Willys MB, einem alten Militär-Jeep, sowie drei Motorrädern, die dort mitsamt einer kleinen Werkstatt untergebracht sind und an denen Günthör gerne mal herumschraubt. Das Töff-Fahren ist eine gemeinsame Leidenschaft des Paares. Im Juni steht eine Tour durch die Pyrenäen an – und eigentlich wäre es sein Traum, mal eine lange Ausfahrt über Osteuropa und den Iran nach Kirgisistan zu unternehmen, sofern es die politische Lage wieder einmal zuliesse.
Krebsdiagnose für seine Frau war ein Schock
Ansonsten geben sich die beiden ins Seeland ausgewanderten Thurgauer aber auch mit ihrer Wahlheimat mehr als zufrieden. Eine Rückkehr an den Bodensee, wo Günthör in Uttwil TG aufgewachsen und eine Strasse nach ihm benannt worden ist, sei kein Thema. Er schwärmt von der St. Petersinsel, dem Bieler- und Neuenburgersee, dem lokalen Wein und der Nähe zu Frankreich («mit dem Töff sind wir in 40 Minuten da»). Hier haben sich die beiden ihr eigenes, kleines Paradies geschaffen: «Hier haben wir unsere Freunde, hier fühlen wir uns zu Hause.»
Und apropos Seen: Günthör denkt darüber nach, mit einem befreundeten Elektroingenieur ein altes Pedalo herzurichten, um damit kleinere Ausflüge machen zu können. Auch das ist eine seiner zahlreichen «Furzideen», wie er sie nennt.
Das Wichtigste sei ihm jedoch, und das betont er ganz bewusst, die Gesundheit. Nur zu gut weiss das Ehepaar, wie eine heftige Diagnose alles infrage stellen kann. Als vor einigen Jahren Nadja Günthör an Brustkrebs erkrankte, sei ihm seine damalige «Hilflosigkeit» arg eingefahren. Und auch seine Frau, die nach wie vor als SVP-Grossrätin und Projektmanagerin arbeitet, sagt: «Das zieht dir den Boden unter den Füssen weg. Wir wussten nicht, ob ich es überlebe – zum Glück bin ich wieder gesund. Dafür sind wir sehr dankbar.»
Das Ehepaar Günthör schätzt, was es aneinander hat. Werner sagt: «Ich sage immer: Man sollte eine kleine Insel haben, auf die man sich zurückziehen kann – das haben wir.» Und auf die Frage, worauf der frühere Spitzenleichtathlet in seinem Leben denn besonders stolz sei, da nimmt ihm seine Frau die Antwort vorneweg, indem sie neben ihm den Finger hochstreckt. Und er sagt brav: «Auf meine Frau natürlich!»