Werro-Wahnsinn, Rekorde und ein Absturz
Die Köpfe einer verrückten Leichtathletik-Saison

Es wurde gejubelt, gezittert und manchmal auch geflucht: Die Schweizer Leichtathletik erlebte eine Saison voller historischer Glanzpunkte und Überraschungen, aber auch Enttäuschungen. Ein Blick zurück.
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Darum gehts

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Vom wundersamen Aufstieg einer Ausnahmeathletin über ein grosses Mami-Comeback bis hin zur denkwürdigen Staffelerlösung und einer Weltmeisterin, die ein Jahr zum Vergessen erlebt hat. Die Schweizer Leichtathletik bot 2026 Spektakel pur. Längst nicht nur wegen dreimal Hallen-WM-Edelmetall in Torun (Pol) und sieben EM-Medaillen in Birmingham. Diese Athletinnen und Athleten haben das Jahr geprägt:

Das Laufwunder

Bei Audrey Werro (22) gehen einem die Superlative aus. Europameisterin, Ultimate Champion, Diamond-League-Siegerin, Hallen-WM-Zweite, drittschnellste Frau aller Zeiten über 800 Meter. Nur noch 42 Hundertstel fehlen ihr auf den Weltrekord. Der Freiburger Shootingstar hat die Disziplin erst aufgemischt und dann total dominiert. Werro sorgt in der Leichtathletikszene für grosses Staunen – und für den grössten Schreckmoment der Saison, als sie im EM-Vorlauf unglücklich stürzte und auf die Jury hoffen musste.

Sie mischte die Leichtathletik 2026 so richtig auf: 800-Meter-Superstar Audrey Werro war in dieser Saison nicht zu stoppen.
Foto: Boue Sebastien/Presse Sports/fre

Die Erlöserinnen

Zwölf Jahre lang – seit Beginn des Frauenstaffelprojekts – warteten die Schweizerinnen auf ihre erste Grossanlass-Medaille. Und wieder drohte das Drama. An der EM scheint sie nach einem verpatzten letzten Wechsel erneut weg. Doch Salomé Kora (32) zündet auf den letzten Metern den Turbo und rettet die Schweiz mit Silber ins historische Happy End.

Happy End für die Schweizer Staffel! Géraldine Di Tizio-Frey, Léonie Pointet, Fabienne Hoenke und Salomé Kora brechen nach zwölf Jahren den Fluch und holen EM-Silber.
Foto: keystone-sda.ch

Die Gefallene

Im Vorjahr stieg Ditaji Kambundji (24) als sensationelle Weltmeisterin von Tokio zur Hürden-Königin auf, heuer kassiert sie mit zwei vierten Rängen an der Hallen-WM und der EM bittere Rückschläge. Eine Oberschenkelverletzung zur Unzeit, wenige Wochen vor Birmingham, trägt auch ihren Teil dazu bei, dass Kambundji nie wirklich auf Touren kommt.

Die Rückkehrerin

Nach der Geburt ihres Sohnes Léon im November 2025 ist Mujinga Kambundji (34) 2026 auf die Bahn zurückgekehrt. Die alte Form ist noch nicht da, was die Bernerin zuweilen frustriert zurücklässt. Doch das Hauptziel ist erreicht: Die Grande Dame der Schweizer Leichtathletik hat wieder Rennen in den Beinen.

Mujinga Kambundji (r.) ist nach der Babypause wieder zurück auf der Bahn, für Ditaji verlief die Saison nach ihrem WM-Titel 2025 eher holprig.
Foto: Sven Thomann

Der Kämpfer

Nach dem 10'000-Meter-Dämpfer zu Beginn der EM hat Dominic Lobalu (28) aus seinen Fehlern gelernt – und dafür über 5000 Meter einen Silberlauf hingezaubert. Danach ist allerdings die Luft draussen. In der Diamond League läuft er nur noch hinterher. Aber: Den starken Sieg in Monaco früher in der Saison kann ihm niemand nehmen.

Der Langstreckenläufer macht seinen EM-Medaillensatz komplett und holte nach Gold und Bronze nun Silber im 5000 Meter.
Foto: Zamir Loshi/freshfocus

Der Dramatische

Die ganze Saison über kommt von Jason Joseph (27) wenig. Doch ausgerechnet beim Grossereignis der Saison zündet der Hürdensprinter plötzlich – und wie: In Birmingham erlöst er sich und wird sensationell erstmals Europameister. Dann doppelt er bei Weltklasse Zürich nach. Doch wie so oft in den letzten Jahren geht es wieder nicht ohne Drama. Bei der Ultimate Championship wird er im hochdotierten Final wegen eines Fehlstarts disqualifiziert.

Er kann nicht ohne Drama: Hürdenläufer Jason Joseph holt EM-Gold, schockt dann aber mit Fehlstart an den Ultimate Championship.
Foto: keystone-sda.ch

Die Überfliegerin

Schweizer Erfolgsgarantin dank bestechender Konstanz: Angelica Moser (28) katapultiert sich in der Diamond League von einem Stabhochsprung-Podestplatz zum nächsten und wird beim Final in Brüssel starke Zweite. An der Hallen-WM holt sie Bronze. Die Ultimate Championship schliesst sie als Dritte ab. Ihr hochverdientes EM-Gold überstrahlt jedoch alles.

Eine ausgezeichnete Konstanz: Trotz Verletzungen steht Angelica Moser in jedem Diamond-League-Meeting auf dem Podest. Plus Hallen-WM-Bronze und EM-Gold!
Foto: AP Photo/Matthias Schrader

Die Pioniere

Was soll man dazu noch sagen? Simon Ehammer (26) schreibt schon im Frühjahr Geschichte, als er in Torun Hallenweltmeister im Siebenkampf wird und mit 6670 Punkten den Weltrekord pulverisiert. Doch damit nicht genug: In Götzis folgt der nächste historische Moment. Ehammer gewinnt den Zehnkampf, Annik Kälin (26) den Siebenkampf – erstmals gehen beide Siege an die Schweiz. Mit nationalem Rekord notabene.

Doppel-Coup! Annik Kälin und Simon Ehammer gewinnen das prestigeträchtige Meeting in Götzis im Siebenkampf respektive Zehnkampf.
Foto: keystone-sda.ch

Die Entdeckung

Fabienne Hoenke (22) ist die grosse Entdeckung des Jahres. In Birmingham stürmt sie mit Schweizer U23-Rekord in den 200-Meter-Final und wird Vierte. Mit der Staffel holt sie Silber, in Zürich siegt sie über 200 Meter. Das Sprinttalent ist endgültig angekommen – was sie uns wohl in der nächsten Saison zeigen wird?

Gilt als grosses Sprinttalent: Fabienne Hoenke.
Foto: keystone-sda.ch

Die Aufsteigerinnen

Im Schatten von Überfliegerin Werro ziehen zwei weitere Swiss-Athletics-Hoffnungen eindrücklich mit. Valentina Rosamilia (23, EM-Siebte) und Veronica Vancardo (25, Achte) machen über 800 Meter Riesenfortschritte und belohnen sich gar mit Finalauftritten an der Ultimate Championship. Die Leichtathletik-Welt staunt über die Schweizer 800-Meter-Breite.

Ein wenig im Schatten von Audrey Werro bringen auch Veronica Vancardo und Valentina Rosamilia über 800 Meter Topleistungen.
Foto: keystone-sda.ch

Die Spätzünderin

Géraldine Di Tizio-Frey holt mit 29 Jahren erstmals den nationalen Meistertitel über 100 Meter und läuft als erst vierte Schweizerin eine Zeit unter elf Sekunden (10,96). Damit ist sie schnellste Europäerin des Jahres. Chapeau! An der EM wird sie undankbare Vierte, dafür ist Staffel-Silber ein schöner Trost.

Mit 29 Jahren ist Géraldine Di Tizio-Frey in dieser Saison die schnellste Europäerin.
Foto: Nico Ilic/freshfocus

Die Teamplayerin

Ajla Del Ponte (30) stellt das Team über sich selbst: Obwohl sie schon so lange Teil der Staffel ist und den Staffel-Vorlauf gelaufen war, verzichtet sie im EM-Final freiwillig auf ihren Platz. Zugunsten der formstarken Hoenke. Die Belohnung: Es gibt historisches Silber.

Die Teamplayerin des Jahres? Ajla del Ponte verzichtete an der EM freiwillig auf ihren Startplatz bei der Staffel und liess Fabienne Hoenke den Vortritt.
Foto: keystone-sda.ch

Die Zukunftshoffnung

Vierte an der U20-WM in Eugene (USA) über 100 Meter – und Silber mit der 4x100-Meter-Staffel. Hinzu kommen nationale Rekorde auf gleicher Altersstufe und damit einhergehend ein grosses Versprechen für die nächsten Jahre: Xenia Buri (18), die im Vorjahr schon Kambundji-Rekorde knackte, klopft an der Tür der Elite. Schon heuer hätte sie die Limite für die EM in Birmingham im Sack gehabt.

Xenia Buri ist die Zukunftshoffnung! Vierte an der U20-WM über 100 Meter – und Silber mit der 4x100-Meter-Staffel. Hinzu kommen nationale Rekorde auf gleicher Altersstufe.
Foto: Sven Thomann
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