Darum gehts
Es ist der 26. Juli 1983 – und Schauplatz ist das Münchner Olympiastadion: Die für die damalige Tschechoslowakei startende Jarmila Kratochvilova (75), die zu diesem Zeitpunkt bereits Olympia-Silbermedaillengewinnerin über 400 m ist, schreibt über die doppelte Bahnrunde Sportgeschichte. 1:53,28 Minuten. Noch nie hatte eine Frau die 800 m schneller zurückgelegt. Verrückt: Die Marke hat bis heute Bestand. Unterdessen ist sie der älteste gültige Weltrekord in der Leichtathletik.
Einer, der allerdings kritisch beäugt wird: Kratochvilovas Leistung geht in die dunkelsten Zeiten des im Ostblock praktizierten Staatsdopings zurück. Der Frau aus dem tschechischen Isergebirge wurde nie etwas nachgewiesen, trotzdem sieht sie sich bis heute mit Dopingvorwürfen konfrontiert.
Doch ist der umstrittene Rekord nicht ohnehin bald passé? Jahrzehntelang kam ihm niemand so nahe wie zuletzt die Freiburgerin Audrey Werro (22), der nach ihrem Gala-Lauf bei Weltklasse Zürich nur noch 42 Hundertstel fehlen.
Kratochvilova meidet das Rampenlicht mittlerweile weitgehend, Interviews an ausländische Medien gibt sie keine mehr. Eigentlich. Bis sie im Blick nun doch ihr Schweigen bricht – handschriftlich und auf Tschechisch.
Blick: Jarmila Kratochvilova, wie erinnern Sie sich an den legendären Weltrekordlauf von 1983 in München?
Jarmila Kratochvilova: Das Sportfest in München war nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur WM in Helsinki. Ich sollte eigentlich die 200 Meter laufen. Weil ich aber leichte Krämpfe in den Beinen hatte, entschlossen wir uns, dass ich das etwas langsamere 800-m-Rennen bestreite.
Sie sind anschliessend in Helsinki Doppel-Weltmeisterin über 400 m und 800 m geworden, was bis heute keine Athletin mehr geschafft hat. Was hat Ihnen mehr bedeutet: der Weltrekord von München oder die beiden WM-Titel in Helsinki?
Die beiden Titel bei den Weltmeisterschaften sind mir wichtiger.
Hat dieser sensationelle Weltrekord Ihr Leben verändert?
Nein, das hat er nicht. Doch ich war froh darüber, und er hat mich glücklich gemacht. Wir haben ihn zu Hause ausgiebig gefeiert.
Es gibt bis heute Kritik an Ihrer Person und dem Zustandekommen dieses unglaublichen Weltrekords. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe den Weltrekord so gesehen: Wenn jemand der Beste ist, ist man der Person gegenüber auch misstrauisch. Ich bin darauf aber nicht eingegangen, machte mir keine Sorgen. In meinem Trainingstagebuch kann jeder lesen, wie viel ich trainiert habe und dass meine Zeiten das Resultat ebendieses Trainings sind.
Sind Sie stolz, dass dieser Weltrekord der älteste in der Leichtathletik geworden ist?
Ja, ich bin stolz darauf, dass der Weltrekord bereits seit 43 Jahren Bestand hat.
Was sagen Sie zu Ihrer möglichen Nachfolgerin Audrey Werro, die schon bis auf 42 Hundertstel an Ihren Rekord herangelaufen ist?
Audrey und ich haben uns kürzlich beim Meeting in Ostrava (im Juni, Anm. d. Red.) getroffen. Und ich habe ihr gesagt, dass ich ihr wünsche, dass sie die Erste ist, die meinen Rekord bricht.
Jarmila Kratochvilova, war Leichtathletik Ihr Leben?
Ja, es ist und bleibt mein Leben. Ich arbeite noch immer als Trainerin in einem kleinen Leichtathletikverein, 90 Kilometer von Prag entfernt.