Sturz und Druck steckt sie einfach weg
Was Europameisterin Werro wirklich aus der Komfortzone bringt

«Ich bin eigentlich immer gut drauf und habe stets einen Spruch auf Lager», beschreibt sich Audrey Werro, die neue Europameisterin über 800 Meter. Die Lockerheit täuscht: Bereits im Januar hat sie angekündigt: «Ich will Gold in Birmingham.»
Kommentieren
matthias davet..png
Matthias Davet
Schweizer Illustrierte

Vorsorglich hatten ihre Kolleginnen und Kollegen vom Sportclub CA Belfaux im Kanton Freiburg ein Diadem gekauft – für sieben englische Pfund. Anderthalb Stunden hatten sie in Birmingham danach gesucht und es schliesslich «in einem üblen Schuppen» gefunden. Die rund 40 Mitgereisten glaubten an den Sieg von Audrey Werro, feuerten sie im Stadion zusammen mit ihrer Familie lautstark an. 1:54,81 Minuten nach dem Startschuss im Alexander Stadium brach der grosse Jubel aus: Auf der Anzeigentafel stand nicht nur ein neuer Europarekord, sondern auch der Name der 22-jährigen Überfliegerin aus der Schweiz. Audrey Werro, Europameisterin, Königin von Belfaux und Birmingham!

1/6
Läuft als nächstes zweimal in der Heimat: Audrey Werro.
Foto: keystone-sda.ch

Während der Ehrenrunde und der Feier danach thront das Diadem auf dem Kopf der Freiburgerin. Ihr Manager Julien Nuoffer hingegen setzt seine Kopfbedeckung als eine Art Bestechungsgeschenk ein: Er schenkt seine Cap dem Busfahrer, damit er den Fanclub statt im Zentrum von Birmingham direkt im Pub absetzt, in dem Swiss Athletics seine Stars feiert.

Am Tag danach ist Audreys Stimme heiser, geschlafen hat sie nicht viel. «Um 6 Uhr 30 morgens war ich schon wieder wach. Also bin ich runtergegangen, um zu frühstücken.» Wenn sie auf die verrückte Woche zurückschaut, komme sie ihr lang vor, «aber gleichzeitig ging alles sehr schnell vorbei».

«Sei wie eine Löwin!»

Dass die Ausnahmekönnerin den Sieg holte, ist nicht selbstverständlich. Im Halbfinal am Tag zuvor führt die drittschnellste Frau der Geschichte über 800 Meter das Feld an, steuert auf eine mühelose Qualifikation zu. Dann das Drama: 120 Meter vor dem Ziel berührt die Hand einer Konkurrentin leicht ihren Fuss. Audrey stürzt! Nach dem ersten Schreck steht sie auf, bringt den Lauf ins Ziel – 40 Sekunden nach dem Rest des Feldes. Swiss Athletics legt Protest ein, Audrey wird für den Final zugelassen, da der Sturz von einer anderen Athletin verursacht worden war. Freudig will sie das ihren Fans auf Instagram mitteilen. Und liest bösartige Kommentare. Kurzerhand löscht sie ihren Account.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

So sieht die Mentalität einer Siegerin aus: sich konzentrieren und mit den Dingen auseinandersetzen, die man tatsächlich kontrollieren kann. Manager Julien Nuoffer gibt ebenfalls eine Direktive durch: «Wir dürfen nicht mit ihr über ihren Sturz sprechen und ihr nur positive Energie schenken.» Die bekommt sie. Auch von Mutter Philomène, Schwester Carole, 24, den Brüdern Ryan, 20, Arno, 16, und Papa Claude. Er ist es, der dem scheuen Kind einst einen wichtigen Rat gegeben hat: «Sei wie eine Löwin!» Audrey hat sich das zu Herzen genommen und zeigt seitdem bei jedem Sieg die Krallen.

Lehrerin entdeckte Talent

Sie kann heute gut mit Druck und den Anforderungen neben dem Sport umgehen. «Die ganzen Interviews und Pressekonferenzen zwingen mich aus meiner Komfortzone», erklärt sie. Was ihr ebenfalls hilft: Im letzten Jahr hat sie die Matura abgelegt und kann sich seitdem noch intensiver ums Training kümmern.

Bereits mit neun Jahren ist Audrey dem Club Athlétique de Belfaux beigetreten, ihre Primarlehrerin hatte ihr Talent erkannt. Seither wird sie von Christiane Berset Nuoffer trainiert, der Schwester von alt Bundesrat Alain Berset. Dass ihr Mann Julien Nuoffer das Management von Werro übernommen hat, macht aus der Gruppe eine verschworene Gemeinschaft.

Jetzt Lausanne und Zürich

Bei der Rückkehr in die Schweiz wird die Goldmedaillengewinnerin am Flughafen Zürich von vielen Fans empfangen. «Das ist ein toller Moment und gibt mir viel Energie», sagt Werro, bevor sie mit ihrer Familie nach Hause fährt. In Courtepin FR warten ihre Hasen Crystal, Saphir und Perle. Sie heissen so, weil Audrey Edelsteine liebt. Das passt, denn auch sie ist ein Juwel der Schweizer Leichtathletik.

Hervorragende Schweizer Bilanz

3 × Gold, 3 × Silber, 1 × Bronze und fünf vierte Plätze: Hervorragend Eine Woche lang leuchtete Birmingham rot-weiss: Es wurde gejubelt, gezittert und gefeiert. Sieben Medaillen brachte die Schweizer Leichtathletik nach Hause – nur eine fehlte zum anvisierten Ziel von acht. Gold glänzte für Jason Joseph, Angelica Moser und Audrey Werro. Silber holte Simon Ehammer im Weitsprung, Dominic Lobalu über 10 000 Meter und das Team der 4 × 100-Meter-Frauenstaffel. Für die einzige Bronzemedaille sorgte Timothé Mumenthaler über 200 Meter. Und fünfmal fehlte nur ein Hauch zum Podest: fünf vierte Plätze als bittersüsser Beweis, wie nah Triumph und Enttäuschung beieinanderliegen. Sensationell! Nach einer holprigen Saison haut Jason Joseph an der EM einen raus und gewinnt den lang ersehnten Titel im Hürdenlauf. Stabhochspringerin Angelica Moser kann ihren Europameistertitel von 2024 souverän verteidigen. Die Favoritin hat geliefert: Über 800 Meter krönt sich Audrey Werro nach Hallen-WM-Silber zur Europameisterin.

3 × Gold, 3 × Silber, 1 × Bronze und fünf vierte Plätze: Hervorragend Eine Woche lang leuchtete Birmingham rot-weiss: Es wurde gejubelt, gezittert und gefeiert. Sieben Medaillen brachte die Schweizer Leichtathletik nach Hause – nur eine fehlte zum anvisierten Ziel von acht. Gold glänzte für Jason Joseph, Angelica Moser und Audrey Werro. Silber holte Simon Ehammer im Weitsprung, Dominic Lobalu über 10 000 Meter und das Team der 4 × 100-Meter-Frauenstaffel. Für die einzige Bronzemedaille sorgte Timothé Mumenthaler über 200 Meter. Und fünfmal fehlte nur ein Hauch zum Podest: fünf vierte Plätze als bittersüsser Beweis, wie nah Triumph und Enttäuschung beieinanderliegen. Sensationell! Nach einer holprigen Saison haut Jason Joseph an der EM einen raus und gewinnt den lang ersehnten Titel im Hürdenlauf. Stabhochspringerin Angelica Moser kann ihren Europameistertitel von 2024 souverän verteidigen. Die Favoritin hat geliefert: Über 800 Meter krönt sich Audrey Werro nach Hallen-WM-Silber zur Europameisterin.

Bereits wartet die Athletissima in Lausanne und das Weltklasse Zürich am 27. August. Audrey Werro freut sich, vor heimischem Publikum aufzutreten. Und sie hat ein Ziel: Sobald der Startschuss fällt, wird sich die Königin von Courtepin wieder in eine Löwin verwandeln. Ihre nächste Beute: der Weltrekord von Jarmila Kratochvílová, die 1983 die 800 Meter in 1:53,28 Minuten lief. – In Lausanne, in Zürich oder später. Mit 22 Jahren hat die Freiburgerin noch viel Zeit.

Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen