Darum gehts
- Warum Joseph ins Hotel schleichen musste
- Wie die Sicherheitskräfte gegen Ende Woche ein Auge zudrückten
- Wie Lobalu beim Staffelerfolg der Frauen mitfieberte
Die Krux mit dem Doppelzimmer
Jason Joseph (27) rast über 110 m Hürden endlich zu seiner ersten Goldmedaille bei einem Freiluft-Grossanlass. Oder um es im Jargon auszudrücken: Der Baselbieter hat einen rausgehauen. Er hätte also allen Grund gehabt, auch danach beim Feiern so richtig Gas zu geben. Doch Joseph schiebt das Fest lieber noch auf – weil mit Lausanne (21. August) und Weltklasse Zürich (27. August) unmittelbar weitere Höhepunkte folgen. Nicht einmal im eigenen Hotel gabs eine Mini-Party. Und der Grund ist simpel: Er hat mit Sprinter William Reais (27) ein Doppelzimmer geteilt. «Er hat schon geschlafen, als ich in der Unterkunft ankam. Ich bin leise wie ein Mäuschen hineingeschlichen», berichtet Joseph lachend. «Ausserdem habe ich in jener Nacht kaum geschlafen – mit all dem Adrenalin und den Koffein-Shots, die ich genommen habe.»
Ein Käsestand als Schweizer Hotspot
Wer im Ausland nicht ohne Schweizer Käse auskommt, war während dieser EM-Woche in Birmingham gut aufgehoben. Ein kleines Holzhäuschen von Sponsor Gruyère erfreute sich enormer Beliebtheit und wurde schnell einmal zum Ort, an dem die EM-Helden spätabends noch empfangen wurden. Kurios allerdings: Weil die Ordner das Stadiongebiet ab 23.00 Uhr schliessen wollten, wurden es jeweils nur Mini-Partys. Halb in der Dunkelheit, irgendwo zwischen Tür und Angel.
Angelica Moser (28) etwa hatte gefühlt fünf Minuten, um ein paar Runden durch die Menge zu drehen. Irgendwann wurde die tägliche Party-Hetzerei zu einem Spiel, das alle mit Humor nahmen. Und gegen Ende der Woche drückte auch die Polizei mal ein Auge zu. Zwei Beamte wollten gar selber ein Selfie mit der Gold-Stabhochspringerin machen.
Der Ehammer-Entdecker kam mit dem Velo
2011 stiess er beim UBS Kids Cup auf einen gewissen, noch sehr jungen Simon Ehammer (26). Mittlerweile ist Beat Schluep (67) pensioniert – und verfolgt die Leichtathletik-Bewerbe als Fan. Und er hat eine neue Mission: Er fährt zu Europameisterschaften jeweils mit dem Velo. 2024 hatte er das schon für die Bewerbe in Rom gemacht. Jetzt fuhr er von Herisau 1800 km nach Birmingham und war dabei 16 Tage lang unterwegs. Einzig zwischen Calais und Dover nahm er die Fähre. Ansonsten radelte er die gesamte Strecke, und das nicht etwa mit einem E-Bike, wohlgemerkt. Der Lohn: Sein ehemaliger Schützling Ehammer flog im Weitsprung zu EM-Silber.
Der giftige Auftritt von Mumenthaler
Timothé Mumenthaler (23) hat schon vor dem 200-m-Final für Aufsehen gesorgt. Nicht nur mit seiner neuen persönlichen Bestzeit (20,09 Sekunden), sondern auch mit einer Ansage: Bei seinem EM-Titel 2024 habe er in Italien einen Italiener geschlagen (Filippo Tortu, 28), nun werde er in England auch einen Engländer schlagen. Gemeint hat er hierbei Zharnel Hughes (31), dem er nach dem Halbfinal ein paar giftige Blicke zugeschickt hatte. Warum? «Weil er mein Rivale ist. Wir müssen keine Freunde sein.» Nun: Aufgegangen ist der Plan diesmal nicht. Genau dieser Hughes hat sich als Zweiter vor dem Genfer platziert. Mumenthaler wurde vom deutschen Europameister Owen Ansah (25) entthront und klassierte sich letztlich auf dem Bronzeplatz.
Die Sprint-Entdeckung Hoenke
Beinahe hätte sie sich mit einer Medaille belohnt. Fabienne Hoenke (22) hat mit einer sehr starken EM verblüfft. Über 200 m landete das Aargauer Top-Talent zwar auf dem undankbaren vierten Platz, wäre ihr Startmissgeschick jedoch nicht gewesen, stünde sie nun mit ihrer allerersten grossen Medaille da. So oder so: Ihr Auftritt hat Lust auf mehr gemacht. Und hat auch Mujinga Kambundji (34), der Grande Dame der Schweizer Leichtathletik, die ihr Mami-Comeback auf der grossen Bühne gab, «viel Freude» bereitet: «Es ist so toll, dass wir eine solche Breite im Sprint haben!» Auch Géraldine Di Tizio-Frey (29) lief über 100 m ganz stark, belohnte sich als Vierte allerdings ebenfalls nicht.
Der kreativen Werro-Fans
Audrey Werro (22) ist die grosse Figur dieser EM. Erst war da das Sturz-Drama im Halbfinal, dann wurde sie trotzdem für den Final zugelassen. Und dort hat die Freiburgerin den 800-m-Showdown gegen Lokalmatadorin Keely Hodgkinson (24) auf eindrückliche Art und Weise für sich entschieden und Gold abgeräumt. Diese Medaille verdient hätten auch ihre Unterstützer, die ein Wechselbad der Gefühle erlebten. Und zudem sehr einfallsreich waren: Mama Philomène liess in ihrer Heimat, der Elfenbeinküste, für die ganze Familie ein traditionelles Gewand anfertigen – mit dem Gesicht ihrer Tochter drauf. Und auch die Fans, viele von ihrem Verein CA Belfaux, tauchten mit einem eigenen Shirt auf. Versehen mit verschiedenen Fotos und sogar einem Bild von Audrey Werros Haustier: Hase Perle.
Die Lockerheit von Lobalu
Nach der Enttäuschung über 5000 m (Platz sieben) hakte Dominic Lobalu (28) den Abend und die seiner Meinung nach fehlerhafte Taktik sofort ab. Später, am Tag des 10'000er-Laufs, traf Blick den Ausdauerläufer zufällig ganz entspannt und gut gelaunt bei einem Café-Besuch in der Innenstadt. Wenige Stunden später schlug Lobalu auf der Bahn zurück – und holte Silber. Denkwürdig ist auch sein Auftritt unmittelbar danach, als er die Frauenstaffel beim unglaublichen Schlussspurt von Salomé Kora (32) lautstark antrieb.
Der Fluch ist besiegt
Apropos Staffel. Die langersehnte Medaille ist endlich da! Seit dem Beginn des Schweizer Frauen-Staffelprojekts lief in den entscheidenden Momenten alles schief, was schieflaufen konnte. Es gab vierte Plätze en masse. Und auch nun in Birmingham hat es wegen des letzten Stab-Wechselfehlers wieder nach einem Drama ausgesehen. Bis Kora den Turbo zündete und die Schweiz erlöste. Und die Schlusssprinterin gab zu: «Es ist ein jahrelanger Druck, der abfällt.»