Darum gehts
- Fabienne Hoenke gewinnt EM-Silber mit Schweizer 4x100-Meter-Staffel in Birmingham
- Ajla Del Ponte verzichtet überraschend auf Startplatz zugunsten von Hoenke
- Nach zwölf Jahren holt die Frauenstaffel wieder eine EM-Medaille
Ein paar Tage nach dem historischen Silber von Birmingham ist die erste EM-Medaille bei der Elite für Fabienne Hoenke noch immer ganz frisch. Einen festen Platz hat sie noch nicht. «Die liegt noch im Zimmer, ich muss noch ein Plätzchen finden», sagt die 22-jährige Aargauerin und lacht.
Viel wichtiger als der Platz der Medaille ist ohnehin die Geschichte dahinter. Denn eigentlich sollte Hoenke am Samstagabend im 4x100-Meter-Final gar nicht laufen.
Ein paar Stunden vor dem Final klingelte bei ihr das Telefon. Trainer Kim Beytrison erklärte ihr, dass Ajla Del Ponte (30) auf ihren Startplatz verzichten wolle. Die Tessinerin hatte am Morgen im Halbfinal noch einen starken Lauf gezeigt. Hoenke war zuvor über 200 Meter Vierte geworden. Nun befand Del Ponte: Hoenke habe sich ihren Platz verdient.
Druck, aber keine Angst
«Es kam schon sehr überraschend für mich. Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass jemand von sich aus sagt, jemand anderes hat es mehr verdient», sagt das Leichtahtletik-Talent. «Es zeigt aber einfach, wie viel Vertrauen wir im Team haben.»
Und dann? «Ich habe Druck verspürt. Aber Angst hatte ich keine. Ich wusste, dass es gut kommt.» Schliesslich hatte sie die Wechsel oft in den letzten Monaten geübt. Schnell wich dann auch die Nervosität einer anderen Emotion. «Ich dachte: Sie vertrauen mir, dass ich helfe, die Medaille nach Hause zu bringen. Das hat mir Kraft und Mut gegeben.»
Dass es am Ende tatsächlich Silber wurde, macht die Geschichte noch spezieller. Hoenke ist überzeugt: «Ich bin mir sicher, wir hätten die Medaille auch mit Ajla geholt.» Umso bemerkenswerter ist, dass die Staffel nach zwölf Jahren des Wartens tatsächlich auf dem Podest landet.
Schon als kleines Mädchen mitverfolgt
Denn Hoenke kennt diese Geschichten. Sie hat sie nicht nur aus Erzählungen mitbekommen. Sie hat sie als kleines Mädchen selbst verfolgt. «Ich beobachte diese Szene auch seit zehn, zwölf Jahren. Ich habe als Mädchen mitbekommen, wie knapp es immer war. Dass ich jetzt ein Teil davon bin, ist unglaublich!»
Immer wieder war die Schweizer Frauenstaffel gescheitert: Stabverlust, Disqualifikation, Halbfinal-Aus – und vor allem immer wieder Platz vier. 2016, 2018, 2019 und 2021 fehlte jeweils nur ein Hauch zu einer Medaille. In Birmingham sollte es endlich klappen.
«Es war ja schon megalange das Ziel. Dieses Jahr haben wir gesagt: Es muss jetzt das Jahr sein, wo es klappt! Wir wollten es einfach alle so sehr. Und jetzt haben wir es geschafft!»
Kambundjis Rekord gebrochen
Und Hoenke ist plötzlich mittendrin. Ihre Saison liest sich ohnehin wie eine einzige Aufstiegsgeschichte. Im Mai verbessert sie den Schweizer U23-Rekord von Mujinga Kambundji über 200 Meter um 24 Hundertstel auf 22,59 Sekunden. In Birmingham drückt sie die Bestmarke im Halbfinal nochmals auf 22,46. Dazu kommen ihr erster Diamond-League-Start in Monaco, Schweizermeisterin über 200 Meter und nun die erste Elite-Medaille.
«Unglaublich», sagt sie über ihre Saison. «Es kommt ein Highlight nach dem anderen.»
Der bittere vierte Platz über 200 Meter nagt nicht an ihr – im Gegenteil: «Ich bin ehrlich gesagt megastolz darauf. Es motiviert mich. Ich weiss, dass ichs drauf habe. Jetzt muss ich halt noch ein, zwei Jahre warten.»
Hoenke, die aus einer Leichtathletik-Familie kommt, entdeckte ihren Sport einst über den UBS Kids Cup. Zuvor machte sie Mädchenriege und Geräteturnen. Mit zwölf entschied sie sich für die Leichtathletik, absolvierte später das Sportgymnasium und beginnt im September an der Universität Bern Psychologie zu studieren.
Und der nächste grosse Traum? «Der Traum von jedem ist die Teilnahme an Olympischen Spielen. Das ist auch meiner.» Nach diesem Sommer dürfte sie diesem Traum ein Stück näher sein. Ihre erste grosse Medaille hat sie jedenfalls schon.