«Sie kann das laufen»
Leichtathletik-Legende Günthör traut Werro Weltrekord zu

Audrey Werro läuft in einer eigenen Liga. Selbst der fast 43 Jahre alte 800-m-Weltrekord scheint für sie nicht mehr unerreichbar. Blick hat mit Kugelstoss-Legende Werner Günthör gesprochen, der zu seiner aktiven Zeit ebenfalls dicht an der Weltbestmarke kratzte.
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Audrey Werro ist nicht zu bremsen.
Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Audrey Werro (22) läuft in Paris 1:53,80 Minuten über 800 Meter
  • Nur 52 Hundertstel trennen sie vom 1983 aufgestellten Weltrekord
  • Ihr Lauf markiert Diamond-League-Rekord, Jahresweltbestleistung und Landesrekord
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Davide MalinconicoRedaktor Sport

Audrey Werro (22) ist auch beim Diamond-League-Meeting in Paris nicht zu stoppen – weder von der Konkurrenz noch von der Uhr: Bei ihrem überlegenen Sieg überbot sie mit phänomenalen 1:53,80 Minuten ihre eigene – erst vor drei Wochen aufgestellte – Bestmarke um weitere 18 Hundertstel. Was dieser historische Lauf schwarz auf weiss bedeutet: Diamond-League-Rekord, Meeting-Rekord, neuer Landesrekord und die aktuelle Jahresweltbestleistung.

Doch eines ist diese Fabelzeit noch nicht: der Weltrekord über 800 Meter. Dieser steht schon seit 1983 bei 1:53,28 Minuten, aufgestellt von Jarmila Kratochvilova (75). Doch von dieser Marke, die lange als unantastbar galt, ist die Schweizer Überfliegerin gar nicht mehr so weit entfernt – «nur» noch 52 Hundertstel.

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Seit Jahrzehnten ist keine Schweizerin und kein Schweizer einem Weltrekord mehr so nahegekommen. Zwar ist Simon Ehammer (26) Hallen-Weltrekordhalter im Siebenkampf, und auch Weltmeisterin Ditaji Kambundji (24) liegt mit ihrem Schweizer Rekord von 12,24 Sekunden nur 12 Hundertstel hinter dem Weltrekord (12,12 s) – doch über 100 Meter Hürden ist diese Winzigkeit gefühlt noch eine halbe Weltreise.

Blick hat jetzt mit dem Mann gesprochen, der weiss, wie sich die dünne Luft an der absoluten Weltspitze anfühlt: Kugelstoss-Legende Werner Günthör (65). Auch er war in seiner Disziplin lange dicht am Weltrekord dran. Sein Schweizer Rekord von 22,75 Metern aus dem Jahr 1988 lag zeitweise nur 31 Zentimeter unter dem damaligen Freiluft-Weltrekord von Ulf Timmermann (23,06 m) aus demselben Jahr.

«Kaum kam ich dem Weltrekord näher, rückte er wieder weg»

Anruf bei Günthör. Rückblickend sagt er: «Ich hatte das Pech, dass der Weltrekord immer dann wegrückte, wenn ich ihm näherkam.» Man habe den Rekord zwar im Hinterkopf, aber erzwingen könne man ihn nicht: «Es kommt oder es kommt nicht», so Günthör pragmatisch. 

Für «Kugel-Werni» stand ohnehin immer etwas anderes im Vordergrund: «Wenn man den Weltrekord aufstellen kann, ist das schön – Titel sind für mich aber wichtiger. Im entscheidenden Moment die absolute Bestleistung abrufen zu können – das zählt.» Und genau das tat er wie kaum ein Zweiter: Dreimal krönte er sich zum Weltmeister, einmal zum Europameister; zudem gewann er 1988 in Seoul Olympia-Bronze.

Günthör traut Werro Weltrekord zu

Der Thurgauer traut Werro den Weltrekord definitiv zu, stellt aber klar: «Drei Zehntel oder eine halbe Sekunde können eben doch noch weit sein.» Über die 800-Meter-Distanz erachtet er eine Verbesserung um die nötige halbe Sekunde dennoch als durchaus machbar.

Gleichzeitig nimmt Günthör den Druck heraus: «Wenn es kommt, ist es gut, wenn nicht, dann ist es halt so. Aber ich denke, sie kann das laufen.» Voraussetzung für die historische Fabelzeit sei ohnehin, dass sie «top vorbereitet» sei.

Auch die Grössten kamen dem Weltrekord nie so nahe wie Werro

Vom aktuellen Boom der Schweizer Leichtathletik zeigt sich der beste Schweizer Kugelstösser der Geschichte schlichtweg begeistert: «Wir haben viele Athleten, die imstande sind Medaillen zu gewinnen – früher war das eine Seltenheit.» Dabei hebt er Namen wie Ditaji Kambundji, Annik Kälin (26) oder Angelica Moser (28) hervor. 

Und tatsächlich: Von einem solchen Höhenflug wagte vor einigen Jahren kaum jemand zu träumen. Bevor diese goldene Generation die Schlagzeilen eroberte, hielt Mujinga Kambundji (34) jahrelang die Schweizer Fahne hoch. Doch selbst die «Grande Dame» der Schweizer Leichtathletik war in ihrer Glanzzeit mit ihren Bestmarken über 100 Meter (10,89 s) und 200 Meter (22,05 s) deutlich weiter von den Fabelweltrekorden von Florence Griffith-Joyner (†38 / 10,49 s respektive 21,34 s) entfernt, als dies bei Werro über die 800 Meter der Fall ist.

Ähnliches gilt für André Bucher (49), der – bis zu Ditaji Kambundjis historischem WM-Titel im vergangenen Jahr – dank seines Triumphs in Edmonton das einzige Schweizer WM-Lauf-Gold der Geschichte holte (2001). So kam auch er mit seiner Bestleistung von 1:42,55 Minuten über die 800 Meter dem damaligen Weltrekord (Wilson Kipketer, 53/ 1:41,11 min) nie so nahe, wie es die junge Freiburgerin in derselben Disziplin tut.

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