«Körper fühlte sich scheisse an»
Ehammers Siebenkampf-Höhenflug hatte seinen Preis

Er war plötzlich der Beste aller Zeiten – und fiel in ein kleines Loch. Jetzt schielt Simon Ehammer auf Götzis, die EM in Birmingham und auf die Sports Awards im nächsten Jahr.
Kommentieren
1/6
Leichtathletikass Simon Ehammer holte in Torun die Goldmedaille im Siebenkampf.
Foto: IMAGO/TT

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Simon Ehammer brach mit 6670 Punkten den Siebenkampf-Weltrekord in Torun
  • Nach seinem Höhenflug kämpfte er mit einem emotionalen Tief, gewann aber in Brescia
  • Sein neues Ziel: der Sieg in Götzis (Ö) im Mai
yara-Vettiger.jpg
Yara VettigerRedaktorin Sport

Vor eineinhalb Monaten schrieb Simon Ehammer (26) Sportgeschichte. An der Hallen-WM im polnischen Torun knackte der Appenzeller mit einer beinahe surrealen Performance den Siebenkampf-Weltrekord. 6670 Punkte. Besser war in der Halle noch nie jemand. «Die Goldmedaille war leicht zu greifen», sagt Ehammer am Swiss-Athletics-Medientag zu Blick. «Man weiss: An diesem Tag war man der Beste. Aber wenn man realisiert, dass noch nie jemand so gut war wie du – dann ist das schon schwierig zu verstehen.»

Der Höhenflug hatte seinen Preis. Während andere Athleten nach Karrieremeilensteinen erst mal Ferien buchen oder sich etwas gönnen, blieb Ehammer kaum Zeit zum Durchatmen. «Es ging Schlag auf Schlag. Ferien lagen schlicht nicht drin.»

Stattdessen wurde ein Trainingslager abgesagt, um etwas Tempo rauszunehmen und die Emotionen zu verarbeiten. Denn der Weltrekord fühlte sich für ihn selbst lange gar nicht real an.

Wiederholtes Anschauen

«Der Wettkampf ging so leicht von der Hand, dass es fast zu surreal war», erzählt er. Vor allem der zweite Tag habe ihn rückblickend selber verblüfft. «Ich musste mir den Wettkampf drei-, vier-, fünfmal anschauen. Besonders den Stabhochsprung. 5,10, 5,20, 5,30 – alles im dritten Versuch, aber ich kam nie in den Panikmodus.» Erst durchs wiederholte Anschauen sei ihm langsam klar geworden: Das ist wirklich passiert. Und dann kam das Tief.

«Die ersten Trainings waren schwierig. Der Körper fühlte sich scheisse an, die Kugel flog plötzlich nicht mehr weit. Es war nicht einfach, nach dem Hoch ein kleines Tief zu haben», erzählt der Leichtathlet ehrlich. Und doch: Sein erster Freiluftzehnkampf-Wettkampf Ende April im italienischen Brescia gewann er mit 8361 Punkten. «Brescia kam fast ein wenig zu früh, weil Torun so viele Emotionen ausgelöst hat. Aber es war ein guter, konzentrierter Wettkampf.»

Endlich ganz oben?

Ende Mai kommt dann Götzis (Ö). Das Mekka der Mehrkämpfer. Ehammer hat das Kultmeeting noch nie gewonnen, und das wurmt ihn. «Für uns Mehrkämpfer ist ein Sieg dort ein Ritterschlag.» Deshalb überrascht seine Antwort auf die Frage auch nicht, was ihm lieber wäre: EM-Medaille im August oder Götzis-Sieg? «Ich würde lieber Götzis gewinnen.»

Ehammer erklärt: «Dort starten die Besten der Besten. Damian Warner hat siebenmal gewonnen und dominiert Götzis seit Jahren. Sich dort in diese Siegerliste einzutragen, wäre unglaublich.» Dass er dieses Jahr tatsächlich ganz oben stehen könnte, glaubt er auch selbst. «Wenn ich fit bin, gehe ich dort mit Bestleistung vom Platz.»

Olympia-Feeling in Los Angeles

Nach Götzis will Ehammer dann endlich durchschnaufen: fünf Tage Ferien. Danach beginnt im Juli die Diamond-League-Saison, und ein spezieller Abstecher nach Los Angeles (USA) steht an.

Zwei Jahre vor Olympia will er das Stadion und die Bedingungen vor Ort kennenlernen. «Paris konnte man sich vorstellen, weil man dort schon Diamond-League-Meetings hatte. Los Angeles ist viel weniger greifbar. Ich will sehen, wie das Stadion ist, wie das Wetter ist. Es wird mir helfen, an einen Ort zu kommen, den ich schon kenne.»

Bewerbungsschreiben für die Sports Awards

Einen Ort, den er dagegen bestens kennt, sind die Schweizer Sports Awards. Mehrfach war der Appenzeller schon nominiert, ganz oben stand er aber noch nie. Mit seinem Weltrekord hat Ehammer sein Bewerbungsschreiben praktisch schon verfasst.

Oder etwa nicht? «Ja, hätte ich wohl – wenn nicht jemand drei Olympiagoldmedaillen gewonnen hätte!», sagt er lachend und spielt damit auf den alpinen Star Franjo von Allmen an. «Ehrlich gesagt: Es wäre schön, wenn mal jemand anderes gewinnen würde als Odi. Und vielleicht auch mal jemand anderes als ein Skifahrer. Oder ein Schwinger!» 

Noch viele Ziele in diesem Jahr

Klar sei auch: Man könne lange darüber diskutieren, was mehr Wert habe – eine Olympiagoldmedaille im alpinen Skisport oder ein Leichtathletik-Weltrekord. «Wenn du das Publikum fragst, ist die Antwort wahrscheinlich ziemlich eindeutig», sagt Ehammer und grinst.

Ganz abschreiben will er die Trophäe aber nicht. Im Gegenteil. «Am Ende hats jeder verdient. Aber vielleicht – wenn ich in Götzis gewinne, EM-Gold in Birmingham hole und dann noch die Ultimate Championships im September gewinne – dann kommt man irgendwann halt schon fast nicht mehr drum herum, oder?» Er lacht. Und lässt offen, ob das jetzt Wunschdenken oder doch schon die provisorische Bewerbung Nummer zwei ist.

Was sagst du dazu?
Meistgelesen