Darum gehts
- Audrey Werro startet trotz Sturz im Halbfinal im 800-m-Final.
- Werros Bestzeit von 1:53,80 Minuten die drittschnellste der Geschichte.
- Finale am Freitagabend um 22:46 Uhr Schweizer Zeit in Birmingham.
Die wichtigste Nachricht zuerst: Bei Audrey Werro (22) ist «alles in Ordnung», wie ihr Manager Julien Nuoffer am Freitagmorgen auf Blick-Nachfrage verlauten lässt. Der Sturz am Tag zuvor im Halbfinal war zwar ein grosser Schock für die Goldkandidatin über 800 m und ihre Familie, hinterlässt aber glücklicherweise nur ein paar Kratzer an Knie und Hüfte. Weil sie vor dem Taucher touchiert worden war, darf die Freiburger Löwin dennoch im Final ran.
Nichts also steht dem in England von allen Seiten erwarteten Showdown gegen die Lokalmatadorin Keely Hodgkinson (24) im Weg. Rast die Einheimische vor ausverkauftem Haus im Alexander Stadium zu Gold – und begeistert die Massen genauso wie es 100-m- und 200-m-Siegerin Amy Hunt (24) getan hat? Oder schlägt Shootingstar Werro, die Weltbeste in diesem Jahr, auf britischem Boden zu? Und: Fällt gar der älteste Weltrekord in der Freiluft-Leichtathletik aus dem Jahr 1983?
Broeders-Bol als lachende Dritte?
Jedes dieser Szenarien wäre einzeln betrachtet eine Riesengeschichte in dieser Sportart. Dass die EM-Veranstalter das grosse 800-m-Rennen der Frauen am Freitagabend und dann auch noch auf 21.46 Uhr Ortszeit (22.46 Uhr Schweizer Zeit) angesetzt haben, unterstreicht die Dimension dieses Laufs.
Zusätzliche Brisanz erhält der Bewerb, weil mit Femke Broeders-Bol (26) eine prominente Herausforderin des Überflieger-Duos bereitsteht. Die Holländerin, die die absolute Königin über die 400-m-Distanzen war, hat auf diese Saison hin auf die doppelte Bahnrunde gewechselt – und scheint nun parat für grosse Taten. Broeders-Bol hat es sofort geschafft, mit den Besten mitzuhalten. Je nach Verlauf des Rennens könnte also auch sie plötzlich zur Hauptfigur werden.
Die Bestzeiten der drei Favoritinnen in diesem Jahr:
Audrey Werro – 1:53,80 Minuten
Keely Hodgkinson – 1:54,33 Minuten
Femke Broeders-Bol – 1:55,60 Minuten
Alle drei haben heuer neue persönliche Rekorde aufgestellt. Das Frauen-Niveau über 800 m ist «extrastratosphärisch», wie Werros Schweizer Teamkollegin Veronica Vancardo (25) es beschreibt. «Oder mit anderen Worten: Schlicht verrückt!» Die Romande ist im Final ebenso dabei wie die Aargauerin Valentina Rosamilia (23).
Werro schon jetzt mit sensationellem Jahr
Egal, ob der Weltrekord fällt oder nicht. Für Werro wäre jede Medaille schon ein grosser Erfolg und ein Meilenstein in ihrer jungen Karriere. Noch nie hat sie Edelmetall bei einem Freiluft-Grossanlass gewonnen. Und selbst wenn es nicht fürs Podium reichen würde, ist ihre Saison schon jetzt grossartig.
Die Zeit von 1:53,80 Minuten ist die drittschnellste Marke, die je eine Frau aufgestellt hat. Manch einer bewertet sie sogar schon als «richtigen» Weltrekord. Dies, weil die Leistungen von Weltrekordhalterin Jarmila Kratochvilova (Tschechien, 1:53,28) sowie Nadija Olisarenko (Sowjetunion, 1:53,43) in die dunkelsten Zeiten des im Ostblock praktizierten Staatsdopings zurückgehen. Nachgewiesen ist dies nicht, der Verdacht blieb aber über all die Jahre haften.
Hodgkinson hat im Vorfeld durchblicken lassen, dass es ein schnelles Rennen geben werde. Andere Beobachter der Szene glauben eher nicht daran, dass der Weltrekord schon in Birmingham geknackt wird, weil es an der EM keine Pacemaker gibt. Aber wie dem auch sei: Jede Spekulation heizt den Final-Kracher vom Freitagabend nur noch mehr an.